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Dreimal Corinth

Jubiläen sind oft der Anlass lästiger Pflichterfüllung, aber sie können auch dazu dienen auf fruchtbare Weise Bilanz zu ziehen. Lovis Corinth feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag, Anlass für die Post, ihm eine Briefmarke zu widmen, aber auch für das Erscheinen gleich zweier Biographien und eines opulenten Katalogs zu einer Ausstellung, die von Paris nach Leipzig und Regensburg wandert. Corinth ist eine feste Größe der deutschen Kunstgeschichte, auch wenn seine Stellung zwischen der Kunst des 19. und des 20. Jahrhunderts immer gewisse Schwierigkeiten bereitet. Auch im Ausland wurde er durchaus wahrgenommen. In den 1990er Jahren gab es eine umfangreiche Retrospektive in Wien und die letzte große Tournee ging vom St. Louis Art Museum in den USA weiter in die Tate Gallery, London. Dass sich im aktuellen Jubiläumsjahr sogar das Musée d’Orsay in Paris als Hort der französischen Kunst für den deutschen Maler engagierte, gleicht einem Ritterschlag.

Es ist erstaunlich, dass es zu diesem bedeutenden Maler lange Zeit überhaupt keine Biographie gab. Die beiden jetzt erschienenen treten daher in direkte Konkurrenz und bieten doch ganz Unterschiedliches. Peter Kropmanns erzählt mit faszinierendem Detailwissen das Leben des Malers von seiner Herkunft aus Ostpreußen bis zu seinen letzten Tagen auf einer Reise in den Niederlanden. Es ist eine fast romanhafte „Éducation sentimentale“ im Sinne Gustave Flauberts, die Kropmanns gelingt, ein Bild der Person und ihrer Zeit, das durch selten publizierte Photographien an Eindringlichkeit gewinnt. Der Autor bezieht aber auch die zentralen Werke des Malers geschickt mit ein, wozu die schöne Ausstattung des Buches sinnvolle Möglichkeiten bietet.

Michael F. Zimmermann geht ganz anders vor. Er entzieht sich den Zwängen der Künstlerbiographik. Indem er die Lebensdaten in einer Einleitung vorstellt, kann er in neun Kapiteln unterschiedliche Aspekte des Werks, wie der Darstellung von Fleischtönen – sei es der menschlichen Haut oder geschlachteter Tiere –, der Stilisierung in den Selbstportraits, den religiösen Bildern und den Portraits oder den späten Bildern vom Walchensee ungestört behandeln. Dies sind zwar kunstwissenschaftliche Themen, die eine Biographie sprengen und oft in detaillierte Diskussionen führen, die intensiver zu behandeln es aber auch lohnt, wobei der Autor Corinth in seiner Zeit ebenso wie in der Kunstgeschichte verortet. Das kleine und preiswerte Büchlein bietet aber nur wenige Abbildungen, so dass die Argumentation für den Leser, der nicht noch einige Ausstellungskataloge zur Hilfe nimmt, abstrakt bleibt.

Die Serie der Künstlerbiographien (Cézanne, Van Gogh, Klee, Menzel, Rubens, Tizian, Rogier van der Weyden) innerhalb der Reihe „C. H. Beck Wissen“ erweist sich einmal mehr in Ausstattung und Ziel als ein nicht ganz zeitgemäßer Zwitter zwischen preiswerter Biographie und anspruchsvoller Monographie. Wenn sich ein Autor wie Zimmermann im Herbeizitieren zahlreicher Bildbeispiele nicht diszipliniert, dann wird die Lektüre mühsam. Wer den Menschen und den Künstler kennen lernen möchte, der ist bei Kropmanns bestens bedient. Wer in die kunstwissenschaftlichen Fragestellungen an das Werk Corinths eintauchen will, der sollte zu Zimmermanns Buch greifen und sich mit weiterem Abbildungsmaterial versorgen.

Der große Ausstellungskatalog hat hingegen den Vorteil von den Exponaten her argumentieren zu können. Diese sind nach Themen – Selbstportraits, mythologische und religiöse Themen, Akt und Alltag, Portraits sowie Stillleben und Landschaften – und innerhalb dieser wiederum chronologisch geordnet. Die begleitenden Texte erreichen wie in jedem Ausstellungskatalog unterschiedliche Prägnanz. Eine spannende Erweiterung bieten sechs Essays und zwei Interviews im Anhang. Hier sind noch einmal Michael F. Zimmermanns Überlegungen zum Inkarnat zu lesen, die auch ein Kapitel seiner Biographie bilden. Klaus Theweleit, der Spezialist für „Männerphantasien“, denkt in hurtigen Mäandern über die Proteus-Natur Corinths nach, der sich die ganze Kunstgeschichte anverwandelte und mit sich zu beschäftigen doch immer noch Schwierigkeiten bereitet. Beat Wyss liest die Selbstportraits als Historienbilder und sieht im Künstler den „dionysischen Schausteller von Lust und Leid“ und Mario-Andreas von Lüttichau skizziert Corinths Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen französischen Malerei in den 1880er und 90er Jahren. Wenigstens in einem Beitrag von Ulrike Lorenz wird noch der Zeichner und Druckgraphiker Corinth vorgestellt, der ansonsten in diesem Buch – und in der Ausstellung – schmerzlich fehlt. Einen Perspektivwechsel bietet der Beitrag von Marie-Amélie zu Salm-Salm, „ein Maler für Maler“, der hervorhebt, dass Corinth für die jüngeren Kollegen von Oskar Moll bis Conrad Felixmüller, noch mehr aber für die Nachgeboren von Norbert Tadeusz bis Willi Sitte zum Vorbild wurde. Dies ist der Ausgangspunkt für die Interviews mit Anselm Kiefer, der eigens für die Ausstellung in Paris eine Art Hommage à Corinth schuf, und mit Bernhard Heisig, der unter den Malern der DDR wohl am intensivsten den Dialog mit Corinth gesucht hatte. So bekommt der traditionelle Ausstellungskatalog eine besondere Note, die über die Ausstellung hinaus anregen kann, den Blick auf diesen Maler erneut zu schärfen.


Peter Kropmanns, Lovis Corinth. Ein Künstlerleben, 144 Seiten, 38 Abb. davon 11 farbig, 17,3 x 24,7 cm, gebunden, € 22,80, ISBN 978-3-7757-2074-8

Michael F. Zimmermann, Lovis Corinth, C.H. Beck Wissen 2509, München: C. H. Beck 2008, 128 Seiten, 46 Abbildungen, davon 16 in Farbe. Paperback, 7,90 €, ISBN 978-3-406-56935-7


Andreas Strobl
Lovis Corinth und die Geburt der Moderne. Beitr. v. Lemoine, Serge /Lorenz, Ulrike /Lüttichau, Mario A von /Salm-Salm, Marie A zu /Theweleit, Klaus /Wyss, Baet /Zimmermann, Michael F. Hrsg. v. Schmidt, Hans W /Lorenz, Ulrike /Museum der bildenden Künste Leipzig /Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. 384 S., zahlr. fb. Abb. 32 x 24 cm. Kerber, Christof Verlag Bielefeld 2008. Gb EUR 65,00 109,00
ISBN 978-3-86678-177-1
 
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