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Enzyklopädie des Mittelalters

Die Epoche des Mittelalters ist allgegenwärtig in Form von Ausstellungen etwa zur Buchmalerei oder Monographien zu einzelnen Aspekten wie etwa Tilman Spreckelsens Streifzug durch die Welt der Artusromane. Was bislang aber fehlte ist ein Nachschlagewerk, dass alle Aspekte des Mittelalters bündelt. Diese Lücke zu schließen ist Intention des Großprojekts, das die Historiker Gert Melville und Martial Staub in Angriff nahmen und nun als zweibändige Publikation vorliegt. Um den gewaltigen Stoff zu strukturieren, griffen die Wissenschaftler auf die im Mittelalter noch gebräuchliche sachlogische Systematik von Enzyklopädien zurück und konnten von dieser Einteilung 85 Mitstreiter überzeugen, allesamt Experten, einige, wie Gert Althoff, Michael Borgolte oder Ernst Fuhrmann sind auch einem größeren Publikum bekannt, publizieren sie doch über Fachkreise hinaus.

Struktur der Enzyklopädie

Nicht nur galt es einen langen Zeitraum, vom 5. Jahrhundert bis zur Beginn der Neuzeit im 15. / 16. Jahrhundert zu erfassen, sondern auch einen Großraum, Europa. In dem zweibändigen Werk wird das Mittelalter in acht Kapiteln, beginnend mit 1) Gesellschaft, vorgestellt. Es folgen 2) Glaube und Wissen im ersten Band und dann im zweiten 3) Literatur, 4) Bildende Kunst und Musik, 5) Wirtschaft, 6) Technik und 7) Lebensräume und Bedingungen. In diesen sieben Abschnitten werden Strukturen und Entwicklungen in vergleichender Perspektive dargestellt, die durch ein achtes Kapitel ergänzt werden, das einen ereignisgeschichtlichen Zugang ermöglicht. Fasst man die Einteilung der Kapitel nochmals zusammen, so ergeben sich die in der Geschichts- und Sozialwissenschaft üblichen Analyseebenen aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft (mit Technik) und Kultur (mit Religion / Wissenschaft), die miteinander ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Dazu wiederum liegen verschiedene theoretische Ansätze vor. Die Herausgeber waren, da sie es mit einem Kollektivwerk zu tun hatten, gut beraten, keine Vorgaben zu machen. Es kommt hinzu, dass getrennte Sphären wie Politik, Wissenschaft, Kultur im Mittelalter so nicht existierten. Deutlich wird dies u.a. am Investiturstreit, der im Bußgang König Heinrichs IV. (1056-1106) nach Canossa 1077, gipfelte. Konzeptionell gelungen ist es daher, die jeweiligen Kapitel mit einem einführenden Überblick zu versehen, ehe in weiteren Unterkapiteln die Interdependenz der verschiedenen Ebenen herausgearbeitet werden. So geht im ersten Kapitel „Gesellschaft“ der Autor zunächst auf Demographie, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, soziale Prozesse, politische Ordnungen und Staat und Kirche ein, ehe mit „Herrschaft“ ein eigenständiges Unterkapitel zu „Politischen Ordnungsvorstellungen“ begonnen wird. Nach allen sozial- und kulturwissenschaftlichen Regeln arbeiten die Autoren sich an strukturgebenden Elementen ab. Als „Universalmächte“ treten Papsttum und Kaisertum auf. Unter „Organisationsformen“ firmieren danach z.B. „Ämterwesen“ und „Genossenschaftliche Organisationsformen“ aber auch unter „Kirchlichen Organisationformen Konzilien, Bistümer, Pfarreien, Klöster und Orden. Schon am ersten Kapitel wird sichtbar, wie gut die einzelnen Beiträge aufeinander abgestimmt sind.

Kapitel 4: Bildende Kunst und Musik

Auch dieses Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführung, die Laurenz Lütteken besorgte. Interessant ist dabei die klare Positionierung von Malerei und Plastik als „artes mechanicae“, die damit, so Lütteken, „einem deutlich geringer geschätzten Normensystem“ angehörten, als die Musik, die zu den „septem artes liberales“, also den sieben freien Künsten, gehörte. Zur guten Lesbarkeit aller Beiträge tragen nicht nur die konsequente Übersetzung lateinischer Vokabeln, sondern auch umfangreiche Querverweise bei. So kann man auf S. 181 im sechsten Kapitel das Stichwort „artes mechanicae“ wiederfinden, auf das in der Einführung von Lütteken mit einem Pfeil hingewiesen wird. Die Herausgeber haben auch in diesem Punkt große Sorgfalt walten lassen. Nach Lüttekens einführenden Worten folgt dann der Auftritt von Eberhard König, der für alle Artikel im Bereich Bildende Kunst verantwortlich zeichnet. Interessant ist dabei, dass in der Praxis, so König, die Normativierung der Künste für die Bildende Kunst nicht „allzu intensiv gewirkt“ habe. Insgesamt führt König die prägnante und gut strukturierte Darstellungsweise seiner Vorredner fort, so dass ein lebendiges Bild von der Kunst des Mittelalters entsteht. Welche Schwierigkeiten sich auch darstellungstechnisch ergeben zeigt König sehr schön im Unterkapitel „Epochen und Räume der bildenden Kunst.“ Verschiedene Gliederungssysteme stehen hier zur Auswahl. In Frankreich sprach man von Gotik und Romanik, Deutschland periodisierte die Kunst dieser Zeit nach Herrscherfamilien wie die Merowinger oder Karolinger, später dann nach der führenden Bauhüttenfamilie Parler und die Italiener unterteilen nach Jahrhunderten. König gelingt in der Strukturierung des Stoffes ein Kreuzgang. Er stellt unter „Vorromanische Kunst“ die „Ravennatische“, aber auch die „Karolingische“ vor und greift dann auf die „Angelsächsische“ über, ehe er, mit Romanik und Gotik, gängige Epocheneinteilungen aufgreift. Nach der raum-zeitlichen Passage, folgt eine Vermessung der „Gattungen der Bildenden Kunst“ in einem einführenden Überblick, der danach von einer Nahsicht auf die einzelnen Gattungen abgelöst wird. Dabei beginnt König nicht zufällig mit der Architektur, die, daran läßt König keinen Zweifel, die anderen Gattungen in Theorie und Praxis dominierte, wenngleich mit graduellen Unterschieden. Auf die Architektur folgen 2) „Skulptur und Plastik“, 3) „Monumentalmalerei: Mosaiken, Wandmalerei, Glasmalerei, Deckenmalerei und Teppichkunst“ sowie 4) „Tafelmalerei“, 5) „Buchmalerei“ und 6) „Kunsthandwerk“. Eine Sonderrolle nimmt die Buchmalerei ein. „Kaum als Meister mit Werkstatt“ greifbar, werden die Buchmaler in der Forschung als Handwerker begriffen, sie bilden aber, so König weiter, „eine Künstlerschaft, die für das Mittelalter charakteristischer als alle anderen waren.“

Bei Primus leuchtet das Mittelalter nicht nur in der gleichnamigen Darstellung von Jacques Dalarun, sondern durch die Meistererzählungen der erlesenen Tafelrunde bis in die Gegenwart. Ihr gelang es vorzüglich die Welt des Mittelalters als eine Zeit des Wandels und als europäisches Erbe durch einen genialen Schachzug, einer sachlogisch aufgebauten Enzyklopädie, homogen zu erzählen.
Sigrid Gaisreiter
Enzyklopädie des Mittelalters. 2 Bde/Tle. Hrsg.: Melville, Gert /Staub, Martial. 832 S. 24 x 17 cm. Gb iSch Primus, Darmstadt 2007. EUR 99,90
ISBN 3-89678-598-2   [Primus]
 
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