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Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen

Dass ein Ausstellungskatalog und eine Ausstellung zweierlei sind, ist eine Binsenweisheit und man muss es sich trotzdem immer wieder vor Augen führen. Dass Ausstellungskataloge in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu wissenschaftlichen Kompendien wurden ist ebenfalls eine Entwicklung, über die man gar nicht mehr nachdenkt. Leider gibt es auch Fälle, bei denen das Buch hinter der Ausstellung zurückbleibt. Die in Berlin lebenden amerikanischen Kunstwissenschaftlerin Pamela Kort richtete in der Frankfurter Schirn eine Ausstellung über die künstlerischen Folgen der Umwälzung des Weltverständnisses nach der Publikation von Darwins Schriften über die Entstehung der Arten ein. Die Ausstellung mag eine ebenso beeindruckende wie überraschende Phalanx an Kunstwerken versammelt haben, der dazu erschienene Katalog reproduziert dies mustergültig, aber inhaltlich enttäuscht er durchgängig.

Diese Enttäuschung beginnt damit, dass man bis zum letzten Aufsatz warten muss, um eine wenigstens knappe Zusammenfassung davon zu bekommen, was Darwins Ideen denn nun sind. Das ist umso bedauerlicher, als die Diskussionen des „Darwin-Jahres“ 2009 vor allem gezeigt haben, dass man den Entdecker der Evolution heute vor seinen nachfolgenden Interpreten in Schutz nehmen muss. Der vorletzte Beitrag des Kataloges, ein Aufsatz der FAZ-Kunstkritikerin Julia Voss, die über die „Ansichten der Evolutionstheorie“ im 19. Jahrhundert promoviert hat, stellt die Grundthese von Ausstellung und Katalog auf den Kopf. Ihr Fazit ist, dass die Evolutionstheorie nicht die Kunst verändert hat, sondern vor allem in der Karikatur eine Ikonographie der Verwandlung entfachte, die durchaus Wurzeln in früherer Kunst hatte. Darwin selbst schmeichelte die Popularisierung seiner Ideen auf diesem Wege, die mediale Wirkung von Wissenschaft war ihm also bewusst. Den Gedanken, dass aber die Kunst durch oder nach Darwin eine andere geworden sei, weist Voss jedoch von sich.

Schmerzlich vermisst man in dem Katalog wenigstens den Ansatz der Reflexion darüber, dass keine der Ikonographien, die scheinbar die Evolutionstheorie illustrieren, wirklich eine genuine Erfindung des 19. Jahrhunderts war. Die Vermenschlichung der Tiere – und vor allem der Affen – hat tiefe Wurzeln in der Kunstgeschichte, die mehr mit Fabel und Märchen als mit Naturwissenschaft zu tun hat. Der Kampf ums Überleben – letztlich die übelste Verballhornung von Darwins Theorien – wie auch der Kampf der Geschlechter können schwerlich als neu und als Folg des durch Darwin erschütterten Weltbildes verstanden werden.

Kunst wie Evolutionstheorie bis zur Absurdität entstellend sind die wirren Beiträge der Kuratorin Pamela Kort selbst. Der Landschaftsmaler Frederic Edwin Church wird zum Illustrator der Weltenstehungsgeschichte, Arnold Böcklin und Max Ernst zu Kronzeugen der Verwandtschaft von Mensch und Tier und selbst der phantastische Odilon Redon wird zum Illustrator zurechtgestutzt. Die Aufzählung der Namen mag schon vor Augen führen, welch wunderbarer Reigen an Bildern – die Schirn bekam hervorragende Leihgaben – hier ausgebreitet und zugleich in einem krampfhaft geschlossenen Bogen zusammengespannt wird.

Noch zu seinen Lebzeiten wurden Darwins Beobachtungen und Theorien in die Geiselhaft seiner Interpreten genommen. Besonders hervorgetan hat sich dabei der deutsche Naturwissenschaftler, Philosoph und Religionsgründer Ernst Haeckel, dessen Bewusstsein für die Wirkung der Bilder in der Naturwissenschaft, die Kunst wahrscheinlich mehr beeinflusst hat als Darwin. Weite Teile des Katalogs kreisen um Haeckels Bilder, aber wir feiern kein „Haeckel-Jahr“ und daher muss anscheinend alles auf das Konto Darwins verbucht werden.

So bleibt als Verdienst des Kataloges vor allem, an den lange verpönten Affenmaler Gabriel von Max erinnert zu haben. Eines seiner Gemälde ziert sogar den Umschlag. Max war ein besessener Sammler von Naturzeugnissen und Gebrauchsgegenständen außereuropäischer Völker. Sein privates Museum als Teil seines ebenso wissenschaftlich faszinierten wie spiritistisch inspirierten Denkens weist über die gekonnte Salonmalerei seiner Bilder hinaus zu den Vorstellungen des 20. Jahrhunderts, was die Kunst – und der Künstler als ihr Protagonist – zu leisten haben: Das Bild, das wir uns von unserer Welt machen, nicht nur illustrativ auszuschmücken, sondern auch analytisch zu hinterfragen.
15.4.2009



Andreas Strobl
Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen. Beitr. v. Goodall, Jane /Kort, Pamela /Morton,Marsha /Richards, Robert /Voss, Julia. Hrsg. v. Kort, Pamela /Hollein, Max. 352 S., 300 Abb. 30 x 23 cm. Wienand, Köln 2009. Kt EUR 39,80
ISBN 978-3-87909-972-6
 
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