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Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Auf der Tauberbrücke in Tauberbischofsheim will Hermann Obrist, man schrieb das Jahr 1886, die Vision einer neuen Stadt gehabt haben. Zugleich soll ihm die Erkenntnis zuteil geworden sein, das Studium aufzugeben und nur noch frei aus innerem Antrieb heraus zu schaffen. Betrachtet man den vorliegenden Band, der die erste Monographie über Obrist überhaupt ist, und folgt den Darlegungen der Autoren, so könnte dieses Berufungserlebnis so etwas wie einer der Quellsprünge der modernen, d.h. nonfiguralen oder abstrakten Kunst gewesen sein. Gewiss, Obrist war nie völlig vergessen. In der Geschichte des Jugendstils wird er als Meister figuraler und floraler Textilien, aber auch als Gestalter des anthropomorph und floral gleichermaßen wirkenden Grabmonuments Oertel in Schmiedebach bei Saalfeld erinnert. Als Werkbund-Mitglied, Mitarbeiter Henry van de Veldes (dem Ingo Starz einen eigenen Beitrag widmet), als geistiger Vater expressionistischer Architektur-Visionen der Glasarchitektur eines Finsterlin oder Wenzel Hablik spielt er eine Rolle bis weit in die zwanziger Jahre hinein.
Das Selbstverständnis des Meisters scheint indessen ein anderes, stark vom Künstlerkult der Romantik und des Wilhelminismus geprägtes gewesen zu sein. So jedenfalls enthüllt es seine Selbstbiographie, die der Band erstmals auch ediert. Die Mutter aus keltischem Adel, der Vater einer der ältesten Familien Zürichs entstammend, wird er in einer Villa geboren, die später Conrad Ferdinand Meyer bewohnen sollte, gelangt fünfjährig nach San Remo, lebt mit seinen Eltern dann in einer Karthause am Thuner See, besucht in Hyère einen Bruder der Mutter, der englischer Staatsminister ist. Die Selbstschätzung steigert sich bis ins unfreiwillig Komische („Er war ein Prachtexemplar von Vererbung.“ S. 119) und künstlerisch Hybride („Was (…) von dem musikalisch-rhythmischen Wesen der [Obristschen] decorativen Stickerein gesagt wurde, löste sich hier vom Materiale und von der Technik und wurde große freie farbige und schwarz-weiß Kunst.“ S. 141)
Eva Afuhs und Andreas Strobl legen diesen von Mythen überwucherten Lebensweg frei, legen zugleich das tragische Schicksal des künstlerischen Nachlasses dar, dessen Teile aus dem von Bomben bedrohten München per Möbelwagen im Mai 1944 nach Zürich abtransportiert wurden und bringen die Münchener und Züricher Nachlassteile wieder zusammen. Dabei stellen sie sich die Frage, ob Obrists Abstemplung als Künstler des floralen Jugendstils uns den Blick auf einen Vorläufer der Abstrakten verstellt. Konkretisiert wird diese Fragestellung von Stacy Hand, die nach den Quellen von Obrists Klippen, Schründen, Riffen, nach jenen Eiskristallen und Felsnadeln sucht, die sein Werk direkt beeinflusst zu haben scheinen. Obrists Nachlass bietet hierzu Bildquellen, die von Theodor Lipps begründete „Theorie der Einfühlung“ scheint so etwas wie eine inspirierende und suggerierende Kraft ausgeübt zu haben. Der Hobby-Geologe und –Botaniker Obrist suchte das Pittoreske und Dramatische auch in der stummen, ja in der unbelebten Natur.
Dabei ist er ein interessanter Bildhauer auch im Bereich des Porträts und der Allegorie gewesen, wie die publizierten Arbeiten es beweisen. Dominierend aber bleiben seine Grabmäler, die es –sehr dezentralisiert – von Freiburg bis Königsberg gegeben hat. Ihre Symbolkraft untersucht Hubertus Adam. Die Verbindung von Chtonik und Lebenskraft, die Transformation von Naturprozessen in unbelebte Materie scheint ein Kontinuum dieses Monumentalplastikers gewesen zu sein (Annika Waenerberg beschreibt sie). Eines Monumentalplastikers, dessen Monumente oft nur noch in Entwurf und Photo dokumentiert werden können (Viola Weigel beschreibt Art und Vorgehensweise dieser Dokumentation). Ob Obrists Wirkung als Architekt bis hin zum ersten Gotheaneum eines Rudolf Steiner reicht und wie er zu der verwandten Kunst eines August Endell steht, wird der weiteren Forschung sicher noch Aufgaben stellen. Der Band eröffnet diese in erfreulich bibliophiler Aufmachung und durchgehend zweisprachig englisch und deutsch.
2.6.2009
Jörg Deuter
Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900. Beitr. v. Adam, Hubertus /Afuhs, Eva /Hand, Stacy Nicole /Starz, Ingo /Strobl, Andreas /Waenerberg, Annika /Weigel, Viola. Hrsg. v.Museum Bellerive Zürich /Staatliche Graphische Sammlung, München. 2009. 256 S., 180 fb. u. sw. Abb. 25,5 x 19,5 cm. Gb EUR 49,00
ISBN 3-85881-239-0   [Scheidegger & Spiess]
 
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