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Das visuelle Zeitalter

„Medienkompetenz“ ist ein zentrales Thema der politischen Bildung. Denn wer nicht weiß, wie Nachrichten generiert, erstellt, redigiert, verwaltet und verkauft werden, wer nicht weiß, wie der „Sender“ der Botschaften funktioniert, dem er als „Empfänger“ gegenübersteht, der wird ein Problem mit der Einordnung, mit dem Verstehen haben. Das gilt für Texte genauso wie für Bilder, statische und laufende, es gilt eigentlich für jede Art der medial aufbereiteten Nachricht, die uns umgibt. Es ist daher nur zu begrüßen, dass gleich zwei gelungene Bücher des Göttinger Wallstein-Verlags erschienen sind, unser aller „Medienkompetenz“ zu verbessern.
Das prominentere zuerst: Gerhard Paul, Professor in Flensburg, hat auf 700 großformatigen Seiten, gespickt mit über 1000 kompakten Abbildungen (ein gelungenes, übersichtliches Layout, alle Register, die man sich wünscht und ein überaus erstaunliches Preis-Leistungs-Verhältnis) seine Forschungen der letzten Jahre zusammengetragen. Er hat mit diesem Band eine handbuchartige „Visual History“ (so der Terminus des Klappentextes) vor allem Deutschlands zwischen 1850 und heute vorgelegt, das man in allen Lebenslagen konsultieren kann. So reich, so gedrängt, so konzis kriegt man Fachwissen nur allzu selten geliefert – wobei Paul seiner Ausbildung nach ja eigentlich Historiker, was also die Analyse von Bildern betrifft streng genommen nicht vom Fach ist.
Die Bildanalyse – Kernkompetenz der Kunstgeschichte – steht daher zwar nicht im Zentrum der Studie. Paul aber nimmt das zur Bildwissenschaft erweiterte Methodenrepertoire zur Kenntnis, während er selbst aus dem Blickwinkel der Medien-, Journalismus-, Politik-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte schreibt, sodaß er mit einem flexiblen Instrumentarium auf das schier unendliche und durchaus heterogene Material, das er ausbreitet, eingehen kann. Manche Verkürzung war dabei notwendig: aber das ist zu verschmerzen angesichts der Vorteile dieses routiniert strukturierten und mit klarer Sprache vorgetragenen Gesamtüberblicks.
Das kleinere, ebenso respektable Buch stammt von der Berliner Privatdozentin Annette Vowinkel. Im Stil einer akademischen Profilierungsschrift rollt das Buch systematisch den Entstehungs- und Verwertungszusammenhang von Fotografie, vor allem journalistischer auf, dabei immer in internationaler, vor allem am US-amerikanischen Beispiel geschulter Perspektive. Bildagenturen, Propagandisten, Reportergemeinschaften, Armeefotografen, Zensurstellen werden vorgestellt, ihr Wirken im Hinblick auf Medienereignisse der Moderne (der spanische Bürgerkrieg, US-Präsidentschaftswahlen, Vietnamkrieg, Afrikakonflikte) erörtert.
Der profunde Rundumschlag über die Rahmenbedingungen der Bildproduktion wird durch etliche Fallbeispiele, vor allem aber durch einen Ausblick in die Gegenwart ergänzt – und eben dieser Ausblick macht dann erneut noch einmal deutlich, dass unser heutiges Medienverhalten, das sich mit dem Internet noch einmal massiv verändert hat – und durch das Internet auch massiv verändern lässt – ohne Kompetenz nicht in den Griff zu kriegen ist.
Kritik gibt es auch: Wichtig wäre gewesen, bei sämtlichen Bildunterschriften kenntlich zu machen, ob es sich bei der Angabe um einen offiziellen Titel oder die Beischrift der Autorin handelt. Denn Bildpropaganda funktioniert nicht zuletzt durch beigeordnete Zuschreibungen, die wie „Interpretationshilfen“ wirken. Hin und wieder haben sich Druckfehler eingeschlichen – etwa, wenn der 1848 verstorbene John Quincy Adams „am 8. Dezember 1931“ etwas in sein Tagebuch notiert, das dann ausführlich zitiert wird. Insgesamt hätte man sich einen flotteren Ton, thesenhaftere Zuspitzung, gar eine knappere Anlage des Textes gewünscht. Dann hätte das auf diese Weise verschlankte Buch gar als Lehrmittel an Schulen und in der politischen Bildung empfohlen werden können – gerade weil es wichtig wäre, dass solche Forschung ein breites, nach der Lektüre hoffentlich medienkompetenteres Publikum erreicht.

12.12.2016

Annette Vowinkel: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert. 430 S., zahlreiche Abbildungen. Wallstein, Göttingen, 2016. 34,90 Euro ISBN 978-3-8353-1926-4,
Christian Welzbacher
Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel. Paul, Gerhard. 760 S. meist fb. Abb. Gb. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. EUR 39,00.
ISBN 978-3-8353-1675-1
 
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