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Mathias Bertram - At the Roadside |
Etwas „wird“ im Vergehen.
Keine Langeweile mehr: „At The Roadside“ von Mathias Bertram
Bisher kannte man ihn vor allem als Herausgeber klassischer, schlichter Fotobücher, Mathias Bertram, den 1960 geborenen Sohn des Gebrauchsgrafikers Axel Bertram und der Modejournalistin Dorothea Melis. Er wuchs mit seiner Mutter und Roger Melis in Ostberlin auf und verwaltet dessen Nachlass, gestaltete seit 2003 die Bücher des Leipziger Lehmstedt Verlags und gab seit 2005 viele Bände zur ostdeutschen Fotografie heraus – und stellte so das Werk von etwa Roger Melis, Bernd Heyden, Gundula Schulze Eldowy, Christian Borchert, Eberhard Klöppel, Harald Hauswald, Fritz Eschen und Konrad Hoffmeister einer neuen gesamtdeutschen Öffentlichkeit vor.
2012 bereits hat er selbst ein Fotobuch mit eigenen Arbeiten bei Lehmstedt veröffentlicht, das den Titel „Galerie der Straße“ trug. Nun zeigt ein neuer Band mit dem Titel „At The Roadside“ auch ganz neue Straßenbilder, die stets nur Orts- und Jahresangaben tragen. Es sind allesamt Objets trouvés, die er uns hier präsentiert: geheimnisvolle Strukturen, die er im Straßenbelag, auf Hauswänden, auf Verteilerkästen oder gar Mülltonnen findet.
Bertram schätzt das Verwitterte, das Verblichene und Vergilbte, das Abgeblätterte. Und findet hier Dinge, welche Wasser, Wind und Luft geschaffen haben, findet zarte Farben, findet überaus Sinnliches. Eine wunderbare fotografische Entdeckungsreise, die zum langsamen, ruhigen Betrachten einlädt.
Man betrachtet diese Bilder wie Meisterwerke der Abstraktion. Sie sind mit den Gemälden von Antoni Tàpies, Paul Klee, Willem de Kooning, Wols oder Jackson Pollock verglichen worden, diese alten Mauern, diese abblätternde Farbpigmente, diese verwitterten Straßenoberflächen, diese Strukturen aus Holz. Hier wird noch das Detail eines maroden Zebrastreifens zu Kunst: allesamt Beispiele des Vergehens, des Erodierens, aber auch Hinweise dafür, wie reich die Welt ist, wenn man nur genau hinsieht.
Manche mögen in diesen Strukturen romantische Landschaften erkennen, Fabelwesen oder Tänzer. Doch auch ohne solche Assoziationen überrascht uns die Schönheit der Abstraktion. Das Altern, das Zerfallen bringt Würde, die Japaner wissen das besser als wir in Europa. Etwas „wird“ im Vergehen. Diese Bilder, die auf Straßen und an Straßenrändern entstehen, in Berlin und auf Reisen, in vielen Ländern, sie zeigen Konkretes: Rost, Beton, Farbe, reale Dinge, die noch einmal offenbaren, wie viel Schönheit in Unvollkommenheit und Vergänglichkeit liegen kann.
Nur angedeutet werden sollen an dieser Stelle die Wesensnähe dieser Kunst zu Tendenzen der Filmkunst, etwa des Avantgarde-Films – aber vor allem erinnern Mathias Bertrams abstrakte Straßenfotografien an das Werk des New Yorker Fotografen Aaron Siskind, der Ende der 1940er Jahre begann, Oberflächen von Wänden oder Straßen mit ihren Texturen, Rissen, Flecken, Narben oder Teerspuren aufzunehmen, ohne die Umgebung ins Bild zu setzen – und den Blick damit auf ihm bemerkenswert erscheinende grafische Gebilde zu konzentrieren.
In der Tradition dieser abstrakt-expressionistischen Fotografie, die das Werk der Abstrakten Expressionisten um einige Jahre vorweggenommen hat, steht das Werk von Mathias Bertram, das dieser selbst als eine Schule des Sehens begreift: „Inzwischen suchen die Motive mich, die Straße ist mir zur Galerie geworden und selbst öde Gegenden lassen keine Langeweile mehr aufkommen.“
Keine Langeweile kommt beim Blättern in diesem Buch auf, vor allem auch, wenn man dabei im Sinn hat, was diese Bilder gealterter Oberflächen letztlich bedeuten: Denn, natürlich, stellt jede der hier gezeigten Fotografien auch diese Frage: Sind wir in der Lage, die Wahrheit hinter den Oberflächen der Welt zu sehen? Hinter der Oberfläche steckt etwas Verborgenes. In einer Welt, in der alles sichtbar und zugänglich scheint, zeigt uns dieser Fotograf das, was unbeachtet bleibt.
Wie etwa auch Brassaï – um ein bekanntes Beispiel aus der Fotogeschichte zu nennen –, der in den Graffitis und Kritzeleien an Pariser Hauswänden eine unheimliche, surreale Welt entdeckt hat, so zeigt uns auch Mathias Bertram Spuren der Vergangenheit und der Vergänglichkeit der Materie. Die Oberflächen, die er fotografiert, erzählen von der Zeit und den Ereignissen, die sie geformt haben. In einer Ära, die von ständigem Wandel geprägt ist, offenbaren sie, philosophisch gedeutet, wie alles im Moment existiert, aber nichts in seiner ursprünglichen Form bleibt.
04.08.2026 |
| Marc Peschke |
Mathias Bertram. At the Roadside. Fotografien vom Werden im Vergehen. Beitr.: Bertram, Matthias; Schmidt, Franziska. Englisch; Deutsch. 2025. 160 S. 28 x 27 cm. Kerber Verlag. Berlin 2025. EUR 38,00.
ISBN 978-3-7356-1057-7
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