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Albert Scopin |
Glühen & Verbrennen
Scopin: Chelsea Hotel
Das 1883 erbaute Chelsea Hotel in New York war nie bloß ein Ort der Übernachtung, soviel ist klar: Es war ein Zustand. Es war ein vertikaler Mikrokosmos des Underground. Ein Ort, in dem sich die Versprechen und Abgründe der 1960er und 1970er Jahre begegneten. Hinter seiner viktorianisch-gotischen Fassade in der West 23rd Street verdichtete sich eine eigentümliche Mischung aus künstlerischer Freiheit, existenzieller Unsicherheit und radikaler Offenheit.
Einer der vielen, der in diesem großen Hotel lebten, von 1969 bis 1971, war der 1943 geborene Künstler Albert Schöpflin, der sich Albert Scopin nennt. Damals war er Assistent der Fotografen Mikel Avedon und Bill King. Zuvor hatte er an der Staatslehranstalt für Fotografie in München studiert. Doch in Deutschland wollte er nicht bleiben, war auf der Suche nach einem neuen Denken und Fühlen. So kam Scopin nach New York.
Hier, im Chelsea, fotografierte er mit einer Kodak Instamatic, einer 35-mm-Kassettenfilmkamera. Ein billiges Ding, aber es taugte für diesen Ort. Denn auch die kulturelle Relevanz des Chelsea speiste sich nicht aus Komfort und technischer Finesse. Es war ein Hotel, das Scheitern erlaubte und Exzesse duldete. Hier lebten und arbeiteten Künstler und Künstlerinne nicht trotz, sondern wegen der prekären Zustände.
Und diese Menschen fotografierte Scopin – an einem Ort, an dem fast nie Ruhe herrschte. Er fotografierte die damals noch unbekannten Patti Smith und Robert Mapplethorpe als junges Paar, Filmregisseure wie Wim Wenders, den jüngst verstorbenen Rosa von Praunheim, Milos Forman und Jonas Mekas – und die ganze Clique um Andy Warhol. Scopin fotografierte Partys, Porträts und fesselnde Momentaufnahmen. Kurze Begleittexte und ein Interview finden sich auch in diesem Band, der viele der damals hier lebenden Menschen in ihren individuell gestalteten Hotelzimmern und Apartments vorstellt.
„In dieser Atmosphäre der Akzeptanz verbrannten meine anerzogenen Ängste, die Elternhaus und Schulzeit mir antrainiert hatten“, so Scopin. „Ich erinnere mich an drei Tage, an denen ich innerlich richtig geglüht habe, es war ein Glühen und ein Verbrennen, ich wusste nicht richtig, wie mir geschieht – es musste etwas ganz Reales gewesen sein, ich merkte dies an den Reaktionen der Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Nach drei Tagen hörte das Glühen auf. Ich fühlte mich danach unendlich frei – nie mehr in meinem späteren Leben hatte ich ein ähnliches Erlebnis.“
Albert Scopin hat später eine Karriere als Bildender Künstler gemacht, begann zu zeichnen, zu malen und arbeitet mit dem Werkstoff Asphalt. Seit 1988 hat er nicht mehr fotografiert. Doch ist es gut, dieses wilde, freie Frühwerk nun als Buch veröffentlicht zu sehen, denn dem Fotografen gelingt es, die Atmosphäre dieses ikonischen Ortes präzise einzufangen: eines Resonanzraums, in dem sich individuelle Obsessionen gegenseitig verstärkten.
Im Chelsea schrieben Dylan Thomas “Under Milk Wood”, Jack Kerouac “On the Road”, Arthur C. Clarke “2001: A Space Odyssey”, William S. Burroughs “Naked Lunch”, Bob Dylan “Sad-Eyed Lady of the Lowlands” und Leonard Cohen “Chelsea Hotel #2”. Patti Smith und Robert Mapplethorpe lebten hier in einer Mischung aus asketischer Armut und ästhetischem Ehrgeiz. Andy Warhol machte das Gebäude mit dem Experimentalfilm „Chelsea Girls“ selbst zum Medium und bewies, dass auch Orte zu Protagonisten kultureller Erzählungen werden können.
Was alle diese Bilder von Albert Scopin zeigen: Das Besondere am Chelsea Hotel war seine radikale Durchlässigkeit. Diese Gleichzeitigkeit erzeugte eine produktive Spannung: Das Hotel fungierte als sozialer Katalysator, in dem Biografien, Ästhetik und Lebensentwürfe miteinander kollidierten. Heute, in einer Zeit, in der Kreativität zunehmend kuratiert, verwertet und optimiert wird, wirkt das Chelsea Hotel wie ein Anachronismus – und gerade deshalb ist es ein Maßstab. Es erinnert daran, dass kulturelle Innovation selten in sicheren, wohlgeordneten Räumen entsteht, sondern dort, wo Unsicherheit herrscht und Konventionen brüchig werden.
Das Chelsea, zeigt uns Scopin, war ein Labor: chaotisch, riskant und zutiefst menschlich. Das offenbart uns dieses Buch mit vielen packenden, lange Jahre verloren geglaubten Bildern. Mit Farb- und Schwarzweißfotografien einer Szene, die, wie es Scopin selbst formuliert hat, „alle Werte auf den Kopf stellte, die einen selbst auf den Kopf stellte, einsog und ausspuckte, wie zum Spiel, bis ich an meinen alten anerzogenen Vorstellungen zerbrach, das war beängstigend und gleichzeitig total befreiend, danach musste ich mich wieder neu zusammensetzen und irgendwie ist das dann so geblieben.“
05.09.2026 |
| Marc Peschke |
Scopin. Chelsea Hotel. Beitr.: Scopin Schöpflin, Albert; Stoeber, Michael; Hrsg.: Galerie Ahlers, Göttingen. 26 x 21 cm. Kerber Verlag, Berlin 2026. EUR 38,00. CHF 49,40
ISBN 978-3-7356-1046-1
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