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Bilder des Krieges - Krieg der Bilder

"If it bleedes, it leeds 'respektive' No dead bodies“. Zwischen diesen beiden Polen zirkuliert die Kriegsbildberichterstattung seit den ersten fotografisch dokumentierten Schlachten des 19. Jahrhunderts. Einhergehend mit den sich rasant entwickelnden Möglichkeiten der Fotografie und darauf fußend, mit der massenwirksamen Verbreitung sowie die Erkenntnis über die Macht der so genannten Nahdistanz-Bilder, modifizierte sich auch die Auswahl der gezeigten Ausschnitte. Um diese Visualisierungs- und Kommunikationsstrategien des 20. Jahrhunderts zu verdeutlichen, braucht man nur die Bilder des Vietnamkrieges neben die des Golf- oder Irakkrieges zu stellen. Schreiende Täter-Opfer Bilder weichen denjenigen der Entkörperlichung und Entmaterialisierung des vermeintlich aseptischen Krieges.
Gerhard Paul, Historiker und Sozialwissenschaftler an der FH Flensburg, ist nun mit seiner Untersuchung angetreten, die Visualisierung bzw. die mediale Konstruktion des modernen Krieges aufzuspüren. Dazu öffnet er ein Zeitfenster von knapp zweihundert Jahren, um sich in Form eines chronologischen Überblicks und mit Fokus auf ‚bekannte’ Kriege seiner These zu nähern, dass über die Bildmedien „das antizivilisatorische Ereignis des Krieges zu einem zivilisatorischen Akt“ samt Ordnungsstruktur umgeformt werde. „Auf diese Weise trugen und tragen die medial generierten Bilder des Krieges zur immer wieder neuen Illusion seiner Plan- und Kalkulierbarkeit bei“ (S. 11). Der seiner Studie zu Grunde liegenden Präsenz der Bilder wird Gerhard Paul gerecht, indem er den einzelnen Kapiteln bildreiche ‚visual essays’anhängt, die der „ästhetischen Kennung“ (S. 22) der jeweiligen Konflikte dienlich sein sollen. Gemeint sind die „Picknick-Bilder des Krimkrieges, die menschenleeren Detonationslandschaften des Ersten Weltkrieges, die Täter-Opfer-Fotografien des Vietnamkrieges oder die Nachtsichtgerätebilder des Golfkrieges, (...) die wiederkehrende, z.T. überzeitliche und interkulturelle ikonographische Deutungs- und Überschreibungsmuster auf[-weisen], die die inneren Bilder des Krieges der Daheimgebliebenen zugleich standardisierten“ (S. 471). Die visual essays, betont der Autor, möchte er als Quelle und nicht als reine Illustration verstanden wissen. Im Zentrum der Analyse steht – neben Film, Fernsehen und Internet - vor allem das Medium der Fotografie.
Bereits Susan Sontag formulierte treffend: „Das Gedächtnis arbeitet mit Standbildern, und die Grundeinheit bleibt das einzelne Bild“ (Das Leiden anderer betrachten, 2003, S. 29). Und wahrlich, wer kennt nicht Robert Capas ‚Falling Soldier’, das Foto des nackten Mädchens Kim Phúc, das nach einem Napalm-Angriff auf einer Straße nordwestlich von Saigon schreiend versucht zu flüchten, die von Eddie T. Adams festgehaltene Erschießung eines Vietcongs, die Film- und Fotosequenzen des einstürzenden World Trade Center oder die Folterszenen aus Abu Ghraib. Diese Fotos stehen für einen Krieg, gelten als Ikonen des Krieges, die sich, so Paul, wie Pathosformeln eingebrannt haben auf der „Festplatte der kollektiven Erinnerung“ (S. 483). Sie stellen jedoch nicht ‚den’ Krieg, sondern nur Segmente seiner Realität dar – sofern das Bild des Krieges nicht ohnehin auf Allegorien oder Symbole ausweicht.
Es sind diese Strategien von Zeigen und Verhüllen, die Trennung zwischen den Aussagen und ihren Wahrheitskriterien, von permanenter simulierter Realität, die Gerhard Paul in seinem Buch aufzudecken versucht. Dabei orientiert er sich an Autoren wie Virilio, Baudrillard, folgt methodisch Hans Belting (Bild-Anthropologie, 2001) und reibt sich an Susan Sontags „eher essayistischem Ansatz“, wenngleich er der von ihr herausgestellten Differenz zwischen Geschehen und Bild selbstverständlich beipflichtet. Darüber hinaus versteht Paul es in seinem Text nicht nur, die grundlegenden Fragen nach den jeweiligen Interessenlagen zu stellen, sondern auch nach der Rezeption und ihren Bedingungen. So lässt sich der Studie anhand der Beispiele anschaulich entnehmen, dass Medien Ereignisse nicht nur (ausschnitthaft) spiegeln, sondern selbst zu Agenturen des politischen Handelns werden und das soziale Ereignis-Wissen in erheblichem Maße prägen. Hinzu kommt die den Kriegsbildern spezielle Funktionslogik, da sie gleichermaßen als Handlungsaufforderung und Erinnerungsträger fungieren können.
Obwohl das Buch einer – um im Bilde zu bleiben – gut geführten Materialschlacht gleicht, verwundert es, dass die bildende Kunst, die die Wahrnehmung des Krieges entscheidend mitprägt, keinen Eingang in die Untersuchung gefunden hat. Beispiele wie die so genannte ‚Cover up’ Affäre, in der die Tapisserie nach Picassos Guernica im UN-Gebäude Anfang 2003 verhängt wurde, um davor legitimierende Bilder für den Irak-Krieg zu zeigen (Schweizer/Vorholt, 2003) oder Martha Roslers eindrückliche, aus den 70er Jahren stammenden, Idylle und Antiidylle vereinende Collagen ‚Bringing the war home’, die ohne Übersetzungsschwierigkeiten auch für den Irakkrieg genutzt werden konnten (zuletzt ausgestellt im Sprengel Museum Hannover, 2005) oder die Verarbeitung des Krieges z.B. in Comics (tauchfahrten. zeichnung als reportage, 2005), hätten die Studie über die „Bilder des Krieges“ in ihrer Aussage nachhaltig bereichert.
Doch wie wenig Paul seinen eigenen Ausführungen traut, verrät sich – und das lässt den Leser erstaunt inne halten – durch seine finale Absage an das Bild: „Was Kriege sind, warum sie geführt werden, welche Folgen sie für die Menschen haben, erschließt sich nicht aus Bildern“ (S. 484). Das ist kein ‚Streifschuss’. Vielmehr werden der Quellenwert von Bildern, ihre umbestrittene Ambivalenz, die verschiedenen methodologischen Zugriffsmöglichkeiten auf das Bild sowie auf die dahinter liegenden Diskurse negiert und die Stringenz der vorliegenden Studie gebrochen.
4.11.2005
Martina Dlugaiczyk
Paul, Gerhard: Bilder des Krieges Krieg der Bilder. Die Visualisierung des Krieges in der Moderne. 2004. 464 S. Ln Schöningh, Paderborn 2004. EUR 49,90
ISBN 3-506-71739-1
 
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