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1000 Jahre polnische Kunst oder Kunst in Polen

Die Kunst ist im Westen immer noch weitgehend unbekannt. Das heisst, wir haben natürlich Bilder von Breslau, Danzig und der Marienburg in Erinnerung. Aber da handelt es sich doch wohl um deutsche und nicht um polnische Kunst? Eine so grobe Betrachtungsweise lässt sich aber heute nicht mehr vertreten. Die Gotik beherrschte fast ganz Europa und auch bei der schlesischen oder der ordensdeutschen Gotik handelt es sich um zwei Beispiele aus einer Vielzahl von regionalen Schulen. Die Renaisance-Kunst Danzigs war hauptsächlich in den Niederlanden beheimatet. Ähnliches gilt natürlich auch für die polnische Renaissance, die aus Italien importiert wurde; das vornehme 18. Jahrhundert kam aus Frankfreich. Der Anspruch des Klassizismus war ohnehin kosmopolitisch und der der Moderne universal. Im strengsten Sinne des Wortes hat es eine polnische Kunst kaum je gegeben; aber das gleich muss natürlich auch für "deutsche" Kunst und die vieler anderer Länder gesagt werden.
Dennoch stellt Stefan Muthesius, er lehrt Kunstgeschichte an der University of East Anglia in Norwich, fest, dass mindestens vom späten 18. Jahrhhundert an ein spezielles Interesse an polnischen Themen aufkam. Es zeigte sich zuerst in der Zeichnung und Malerei, in der Bevorzugung von Ereignissen der nationalen Geschichte und einer Charakterisierung der Kleidung, bald auch der Landschaften als spezifisch polnisch. Etwas später identifzierte man auch Baustile und Konstruktionsmethoden im nationalen Sinn. Vom späten 19. Jahrhundert an versuchten Kunst- und Architekturhistoriker alle Werke im Lande, von den ältesten Zeiten an, als spezifisch polnische Äusserungen zu charakterisieren und zu bewerten. Nicht nur der Inhalt eines Kunstwerkes galt als national., sondern Form und Stil als Ganzes. Nationale Geschichte, ja nationale Macht manifestierten sich nicht nur in Ereignissen, sondern auch in Formen und Stilen. - Zu der Zeit, als man in Polen so dachte, versuchten auch deutsche Kunsthistoriker das Deutsche ihrer Kunst zu betonen, und das nicht nur innerhalb, sondern auch ausserhalb der deutschen Grenzen, z. B. in Polen.
Der Einleitungs-Essay dieses Buches beschäftigt sich speziell mit der Behandlung der nationalen Frage innerhalb der polnischen Kunstgeschichte sowie mit den polnischen und deutschen Verstrickungen von Politik und Kunstwissenschaft. Der Haupttext und die über 300 Abbildungen versuchen beiden Aspekten, dem nationalen und dem europäischen, gerecht zu werden. - Der kulturelle Nationalismus der Polen blieb meist etwas selbstbezogenes. Vielleicht kann dies auch zur Erklärung der Tatsache dienen, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um die erste ausländische Publikation zum Thema handelt.
Hans Curt Köster
ISBN 3-7845-7610-9   [Langewiesche - Königstein]
 
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