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Die verbotenen Gräber in Theben

Mit pompösen Bildbänden, üppiger Ausstattung und Hochglanzfotografien schindet Zahi Hawass, Generaldirektor der ägyptischen Altertümerverwaltung, in den letzten Jahren auf dem deutschen Buchmarkt Eindruck.
Bisher sind seine Titel bei dem Verlag White Star erschienen, der eine exklusive Vermarktungslizenz mit dem Kairener Museum besitzt. Hawass und seine guten Kontakte zu der National Georgraphic Society hatten die Edizioni White Star international schnell wachsen lassen. Araldo de Luca war der bevorzugte Fotograf, mit dem der Ägypter bereits „Schätze der Pyramiden“ (2003) und „Herrscher des Pharaonenreiches“ (2006) veröffentlicht hatte. Fotografiert hatte de Luca ferner Luxor und das Tal der Könige (2004) und die thebanischen Gräber (2001).
Im November 2006 wurde eine neue Partnerschaft gebildet, diesmal zwischen Hawass und Sandro Vassini, die in zwei Publikationen „Bilder der Unsterblichkeit“ und „Tutanchamun. Das legendäre Grab des Pharao“ (März 2008) mündete. Ersterer Titel war ebenfalls wie das nun anzuzeigende Buch bereits bei dem Philipp von Zabern-Verlag erschienen, der damals bereits Tochterunternehmen der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft war. Zu Zeiten des Verlegers Franz Rutzen (bis 2001) war Zabern der weltweit führende Verlag für Archäologie, woran die Hawass-Publikationen versuchen anzuknüpfen.
Außer den Tempelanlagen sind die schönsten Bildmotive Ägyptens bereits also veröffentlicht, weshalb Hawass nun eine Nische auftut, auch unbekanntere Gräber und ihre Szenen großformatig und detailreich zu vermarkten. Mit rund 90 Euro Anschaffungspreis ist der durchgängig farbig gestaltete, zum Teil mit Farb- und Ausklappdoppelseiten ausgestattete Band kein Schnäppchen, aber durchaus wenigstens der Bilder wegen das Geld wert. Die Übersetzung aus dem Englischen (im Original ist der Titel bei Thames & Hudson erschienen) stammt vom Bonner Ägyptologen Michael Höveler-Müller, der schon des Öfteren für Zabern tätig war (zuletzt als Romanautor).

Die deutsche Veröffentlichung unter dem Titel „Die verbotenen Gräber“ hat sich von seinem englischen Pendant „The lost tombs of Thebes-Life in Paradise“ (zu) weit entfernt. Denn verboten sind die Bestattungshäuser in Theben-West in der Regel nicht, aber eben sind viele Bauteile und Szenen heute verloren; auf Seite 282 findet der Leser sehr schön übersichtlich alle im Text und Bild abgehandelten Gräber mit einem Grundriss aufgelistet. Entsprechend der neuzeitlich vergebenen TT(Theben tombs)-Nummerierung, aufsteigend sortiert, gehören die (Touristen) bekannten Gräber 100 des Rechmire, 96 des Sennefer (das „Weinlaubgrab“, dessen Nachbildung im Roemer-Pelizaeus-Museum Hildesheim zu sehen ist) oder 55 des Ramose dieser Übersicht an. Aufgenommen in den Band sind zudem die stärker in Mitleidenschaft gezogenen bzw. unzureichend restaurierten Gräber wie 67 des Hapuseneb, 91 oder z. B. 116, deren Eigentümernamen sich nicht erhalten haben. Übersichtskarten ab Seite 279ff. zeigen die genaue Position der Grabstätten in Theben/West an, eine Zeittafel auf der Seite davor positioniert die Gräber in der richtigen Zeitstufe.
Neun Kapitel zuzüglich einer Einführung geleiten den Leser durch das Buch; der Text ist immer wieder von einer eindrucksvollen Bebilderung unterbrochen, die mit dem Geschriebenem nicht unbedingt etwas zu haben muss, außer eben, dass alle Aufnahmen aus thebanischen Gräbern des sog. Neuen Reiches stammen. Hawass‘ Hang zur Selbstdarstellung kann der Leser auf beinahe allen Seiten der Einführung entdecken („ich war höchst erstaunt“, S. 11; „der ich vorstehe“, S. 12; „die mich persönlich fasziniert“, S. 13; „die ich derzeit unternehme“, S. 14; „die wir erforschen“, S. 15).

Kapitel 1 schafft den historischen Rahmen, dem dann in Kapitel 2 Architektur und Funktion der Gräber eingepasst werden. Kapitel 3 behandelt Technik und Dekorationsprinzipien, Kapitel 4 widmet sich den Darstellungen der Szenen mit einem Bezug zum irdischen Dasein. Kapitel 5 beschreibt den Übergang in das Jenseits, Kapitel 6 die Versorgung des Toten mit Nahrung. Ausrüstungsgegenstände in den Gräbern sind Thema des siebenten Kapitels, dem als achtes der Grabraub folgt. Kapitel 9 ist der Archäologie vorbehalten, wo auf derzeitige und vergangene Missionen eingegangen wird. Diese Gliederung ist dem Thema und der Aufmachung des Buches angemessen. Der historische Überblick ist ausgerichtet an dem im Buch erwähnten Würdenträgern sowie ihren Gräbern und vollkommen ausreichend.
Der Architektur ist der Osiris-Mythos vorangestellt, um die Funktion der Gräber zu erläutern. Hierbei springt Hawass zwischen königlicher und privater Jenseitsvorstellung hin und her, die sich jedoch aus unterschiedlichen Quellen speisen und jeweils andere Konzepte verfolgen. Dies drückt sich letztlich eben auch in der unterschiedlichen Dekoration von Königs- und Privatgräbern aus. Dieser Abschnitt ist mehr oder weniger für das Verständnis ägyptischer Jenseitsvorstellungen untauglich (ein Blick in das „Totenbuch“ hätte leicht Abhilfe schaffen können). Die Architekturgeschichte beginnt mit dem Blick auf die Gräber der 1. Dynastie. Sie kann jedoch schwerlich auf Theben im Neuen Reich angewandt werden. Erst mit S. 72, bezugnehmend auf die Anlage von T-Gräbern im sog. Mittleren Reich, verlässt der Autor allzu hypothetisches Terrain.

Das Kapitel „Das Thebanische Grab im Neuen Reich“ gibt einen guten Überblick über die abgehandelten Bauten, ihre Lage und ihre Entstehung. Fundiert und sehr detailliert schildert Hawass die Entwicklung der thebanischen Gräber und veranschaulicht dies an zahlreichen Beispielen. Die Bilddokumente passen wiederum selten zum Text.
Die Abschnitte über Maltechnik und Künstler sind konzis, der über den künstlerischen Entwurf und die Gestaltung hätte nach Empfinden des Rezensenten umfangreicher ausfallen dürfen. Bild und Text bilden nun eine erkennbare Einheit. In die Darstellungen des täglichen Lebens bezieht Hawass Bilder mit Königen, Beamten und Soldaten mit ein, ebenso Fest- und Tributszenen. Den Übergang in das Jenseits dokumentiert der Autor vor allem an den sog. Abydos-Fahrten, aber auch an den Mumifizierungswiedergaben in den Arbeitergräbern von Deir el-Medineh. Der Begräbniszug wäre mithilfe einer Skizze besser nachvollziehbar geworden. Der Abriss zur Jenseitsliteratur der alten Ägypter mit Amduat, Pfortenbuch, Höhlenbuch, Totenbuch, Buch von der Erde usw. ist sehr kursorisch. Im Grunde werden nur die Titel genannt, ohne auf ihren Inhalt und damit auf ihre Verwendung und Platzierung im Grab einzugehen.

Die Kultrituale verortet Hawass beim „Schönen Fest vom Wüstental“, wo in einer Art Allerseelen der Verstorbenen gedacht wurde. Bankett, Musik und Tanz werden kurz angerissen, bleiben aber in ihrem Kultbezug weitgehend dunkel. Das „wohlbekannte [!] Bild dieser drei wunderschönen Musikantinnen“ auf Seite 231 stammt natürlich nicht, wie fälschlich in der Bildlegende zu lesen ist, aus TT 55 (im Text: 5) des Ramose, sondern aus TT 52 des Nacht in Qurna!
Kapitel 7 listet – so weit möglich – auf, was an beweglichen Objekten in Gräbern zu finden oder einstmals darin aufgestellt war; KV 46, TT1 und TT 8 sind dabei die einzigen in-situ-Zeugen. Der forschungsgeschichtliche Abriss ist vergleichbar der Einführung wieder stark Hawass-zentrisch geprägt. Eine Forschung vor ihn wird nur kurz angesprochen, abgeschlossene Projekte finden keine Erwähnung. Ein Blick in seine „Weiterführende Literatur“ unterstreicht dies, die sich entweder in Altpublikationen (z. B. von N. de G. Davies) oder allgemeinen Einführungswerken ergeht. Ein spezifischer Theben-Schwerpunkt ist bei den aufgeführten Büchern selten zu finden. Dies schließt die gesammelten Monografien des Autors ein, die hier Eingang gefunden haben, obgleich sie in dem vorgestellten Themenbereich erlässlich wären.

ceterum censeo: Wenn deutsche Übersetzungen erstellt werden, sollten diese nicht vor einem Literaturverzeichnis Halt machen. Viele der auf Seite 287 genannten englischsprachigen Titel sind auch auf Deutsch erschienen (bzw. sogar in dieser Sprache verfasst). Dies hätte abgeglichen werden müssen, wenn es eine Leseempfehlung für den deutschsprachigen Benutzer (was man bei einer Überschrift „Weiterführende Literatur“ allerdings voraussetzen darf) sein soll. Ansonsten spare man diese Seite gleich. So ist dieser vernachlässigte Umgang mit Quellen- und Sekundärliteratur immer wieder ein Ärgernis.

Die abschließende Bewertung des Buches „Die verbotenen Gräber in Theben“ ist ambivalent: Auf der einen Seite stehen die hervorragenden Bilder mit verdeutlichenden Textpassagen, auf der anderen kontextlose Fotografien, bezugslose Allgemeinheiten und strukturlose Erläuterungen. Am schwersten wiegt jedoch, dass generell ein Hinweis auf die Lesetechnik altägyptischer Szenen fehlt, also wie ein moderner Betrachter die Bilder ansehen und interpretieren muss, um hinter ihren Aussagegehalt zu kommen. Dazu gehören ein Hinweis auf die Proportionen und Größendarstellungen von Dingen und Personen, die Anordnung von Objekten, die Farbgebung, vor allem aber die Bedeutung der Beischriften! Die von Hawass angestrebte „Sicherung“ der Szenen durch Veröffentlichung ist oftmals wertlos, weil abgebildete Personen und Dinge zwar vollständig erfasst worden sind, die sie erklärenden Beschriftungen sind aber beinahe generell verstümmelt. Übersetzungen gibt der Autor sowieso keine bei. Während der Lektüre ist bei dem Rezensenten der Eindruck entstanden, man hatte ursprünglich einen Fundus wunderbarer Aufnahmen, die in einen Druck zu überführen waren. Als Thema wählte man ein bislang (vom Autor) wenig beachtetes und schrieb aus diversen Einleitungen ein populäres Werk. Dieser Anschein wird unterstrichen durch den Mangel an Konzeption bei Kapitelgliederung und Schwerpunktsetzung. Es hätte einer Fragestellung – eines roten Fadens – durch den Band bedürft, dazu ein erläuternder Text, mit dem zusammen aus der Quantität der Fotos Bildbeispiele ein monografisches Werk mit zusammenhängenden Inhalten geformt hätte werden können. So sind die Aufnahmen, ähnlich einem archäologischen Kalender, vereinzelt; dem Anspruch einer kulturhistorischen Gesamtschau dieser einzigartigen Hinterlassenschaften der alten Ägypter kann „Die verbotenen Gräber in Theben“ nicht genügen. An die Tradition der beachtenswerten Kunst- und Kulturführer von z. B. Matthias Seidel / Abdel Ghaffar Shedid: „Das Grab des Nacht. Kunst und Geschichte eines Beamtengrabes der 18. Dynastie in Theben-West“ oder Rolf Gundlach u.a.: „Sennefer. Die Grabkammer des Bürgermeisters von Theben“ kann vorliegendes Buch leider nicht anknüpfen.

25.10.2010
Orell Witthuhn
Hawass, Zahi: Die verbotenen Gräber in Theben. Fotos v. Vannini, Sandro. 288 S., 20 Klapptafeln, 300 Fb. Abb. 34 x 25 cm. Gb Philipp Zabern, Mainz 2009. EUR 89,90
ISBN 978-3-8053-4077-9
 
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