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Helwan II. The Early Dynastic and Old Kingdom funerary relief slabs

Das Buch aus der Reihe „Studien zur Archäologie und Geschichte Altägyptens“ des Deutschen Archäologischen Instituts – Abteilung Kairo stellt einen Band dar, der sich mit der Problematik früher beschrifteter Monumente aus der formativen Phase (ca. 3500-2700 v. Chr.) des alten Ägypten beschäftigt. Anders als der Band von G. T. Martin, der ebenso erst kürzlich vom DAI in Kairo publiziert wurde, geht es in dem vorliegenden Buch nicht um die Stelen aus dem Umfeld des Königsfriedhofes von Abydos, sondern aus dem mit ca. 10.000 Gräbern belegten und damit für seine Zeit wohl größten Friedhof der formativen Phase: Helwan. Der Fundort liegt wenige Kilometer südlich der heutigen Hauptstadt Kairo und ist mit der frühägyptischen Hauptstadt Memphis zu verbinden.
Nachdem ein ägyptisches Grabungsteam unter Zaki Saad zwischen 1942 und 1954 in der Nekropole gearbeitet hatte, initiierte im Jahre 1997 Christiana E. Köhler, seit 2010 Professorin für ägyptische Archäologie an der Universität Wien, gemeinsam mit der Macquarie University in Sydney ein neues Grabungsprojekt.
Hiermit wird die 2005 erschienene erste monographische Arbeit zu diesem Projekt durch einen zweiten Teil erweitert, gemeinsam geschrieben mit einer ausgewiesenen Kennerin früher Textilien des alten Ägypten, Jana Jones. Gewidmet ist der zweite Band den bisher 41 aus der Nekropole bekannten Stelen bzw. Denksteinen.

Ein Großteil dieser aus einem dichten hellen Kalkstein gefertigten Objekte wurde bereits vom ersten Ausgräber Z. Saad 1954 und von P. Kaplony (1963; 1966) publiziert. Allerdings ging der ägyptische Ausgräber noch von der Prämisse aus, dass die zumeist in den Grabschächten im Eingangsbereich der unterirdisch angelegten Grabkammeranlagen gefundenen Steine sich dort in situ, d.h. in ihrem intendierten Kontext befanden (vgl. Dikussion zur Forschungsgeschichte S. 5, sowie S. 85-91). Folglich deutete Saad diese Objekte als „ceiling stelae“ eine Theorie, die sich trotz einiger weniger Gegenstimmen wie beispielsweise G. Haeny (1971) recht lange in der wissenschaftlichen Literatur hat halten und etablieren können.
Es ist daher besonders erfreulich, dass es sich die beiden Bearbeiterinnen mit dem vorliegenden Band zur Aufgabe gemacht haben, unter Berücksichtigung neuester Grabungsergebnisse, sowie einer erneuten Überprüfung der Altfunde im Kairener Museum, die Kontextualisierung und chronologische Reihenfolge dieser Objektkategorie zu erarbeiten und den Funden weitere, teils bisher unberücksichtigte Informationen abzuringen.
Wenngleich auch keine der sieben während der neuen Grabungen zu Tage geförderten Objekte mehr aus primären Kontext stammen – ein Exemplar wurde beispielsweise sekundär in den Oberbauten eines anderen Grabes verbaut angetroffen – konnte doch festgestellt werden, dass es sich bei diesen Funden sicherlich in den meisten Fällen nicht um Stelen sensu strictu handelt. Vielmehr gelingt es den Autorinnen, nicht zuletzt auch aufgrund des Nachweises von Mörtelrückständen auf den Rückseiten der reliefierten Platten/Tafeln, diese Objekte als Architekturelemente in Verbindung mit einer Opfernische oder Opferstelle des Grabes plausibel zu machen (vgl. besonders Diskussion auf S. 85-91). Gerade diese Umdeutung der älteren Saad-These ist von eminenter Wichtigkeit, will man die Funktion und den Sitz im Leben dieser lange Zeit falsch verstandenen Objektkategorie erschließen.
Mit der listenhaften Aufführung verschiedenster Opfergaben, die dem Toten Ernährung, Bekleidung etc. auch im Jenseits sichern sollen, liegen uns mit diesen reliefierten Monumenten wichtige Quellen in Form von sehr frühen ikonographischen, als auch inschriftlichen Belegen vor. Zudem können diese Nachweise früher Schriftlichkeit gerade aufgrund der Seltenheit von Schrift in dieser Zeit gar nicht hoch genug eingestuft werden. In Kapitel 4 findet der Leser eine hervorragende Zusammenstellung der ikonographisch, sowie inschriftlich festgehaltenen Aspekte – etwa die unterschiedlich belegten Darstellungen der GrabinhaberInnen und die ihnen dargebrachten Opfergaben, wie diverse Köstlichkeiten aus Fleisch und praktische Grabbeigaben, darunter z.B. Gefäße aus Stein und Ton.
Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist der Versuch die vorgelegten Objekte in eine chronologische Reihenfolge zu bringen, was gerade aufgrund des fehlenden Primärkontextes ein besonders schwieriges Unterfangen darstellt. Die Autorinnen haben hierfür die vorhandenen Stelen zunächst nach morphologischen Gesichtspunkten in fünf Kategorien unterschieden (S. 19) und drei Bearbeitungsstile differenziert. Verschiedene weitere Merkmale sind in eine mit dem Programm BASP durchgeführte Seriation eingeflossen (vgl. S. 23-25).
E.C. Köhler und J. Jones gelingt eine zeitliche Einteilung in drei Phasen, die sie mit A (Mitte bis Anfang 2. Dyn.), B (2. Dyn. bis 3. Dyn.) und C (Beginn 4. Dyn.) codieren und denen sie jeweils die entsprechenden Stelen zuordnen. Unter Einbeziehung relevanter Parallelbeispiele von anderen Fundorten, der oben angesprochenen Seriation, sowie der Typologie glückt den beiden Autorinnen nicht nur eine plausiblen chronologischen Abfolge der betreffenden Denksteine, sondern auch ihre Kontextualisierung, soweit aufgrund der geäußerten Probleme realisierbar.
Die beiden Abschlusskapitel (6‒7) sind der Frage nach den GrabinhaberInnen gewidmet und bieten eine Zusammenfassung, in denen die Denksteine nochmals in breiterem Kontext diskutiert werden. Ein generelles, aus den fehlenden Fundkontexten resultierendes Problem stellt auch die Frage nach dem Sozialstatus der einzelnen Bestatteten dar. Dass dieser wohl kaum ausschließlich mit der Größe des Denksteines assoziiert ist, zeigen beispielsweise die recht kleindimensionierten Steine einiger Mitglieder der Königsfamilie, die im Friedhof von Helwan bestattet wurden (S. 80). Wichtig ist weiterhin die Erkenntnis, dass es anscheinend nicht die männliche Bevölkerung war, die das Exklusivrecht auf einen solchen Denkstein hatte, da das Verhältnis nahezu ausgeglichen ist (S. 79). Betrachtet man allerdings im Weiteren die Verteilung von Titeln, so fällt auf, dass es vor allem die männlichen Individuen sind, die lange Titelketten und auch sehr viel mehr Titel auf den Denksteinen besitzen. 34 der publizierten Objekte tragen verschiedene Titel, darunter ein Königssohn, zwei Königstöchter, ein Schreiber, drei Priester und schließlich, mit 12 Belegen am besten vertreten, die Tischler oder Holzhandwerker (siehe Überblick S. 81). Interessant ist zum einen sicherlich die sozialhierarchische Verteilung dieser Titel, zum anderen ist die bisher geringe Anzahl von Stelen frappierend, wenn man sich die Anzahl von ca. 10.000 Gräbern für die gesamte Nekropole vor Augen hält. Dies unterstreicht sicherlich die erhöhte soziale Stellung innerhalb der ägyptischen Gesellschaft, die diese in Helwan mit Denksteinen bestatteten Personen inne hatten.
Die Zusammenfassung (Kapitel 7) lässt erneut die wichtigsten Thesen Revue passieren. Neben einer ausführlichen Diskussion zur Benennung der Denksteine – entgegen des früher verwendeten Terminus „Stelen“ – wird dem Leser vor allem auch die architektonische Kontextualisierung der Fundstücke, sowie die Bedeutung und Entwicklung des dargestellten Szenen- und Textrepertoires verdeutlicht. In einem weiteren Abschnitt werden Hinweise auf die frühägyptische Religion besprochen, die anhand der auf den Denksteinen belegten theophor gebildeten Namen bzw. durch die Priestertitel selbst ausgedeutet werden können. Abschließend präsentieren die Autorinnen einen kurzen Überblick über die Organisation der frühägyptischen Gesellschaft und wie sie sich vor allem anhand der beschriebenen Objektkategorie für das Umfeld der frühen Hauptstadt Memphis ablesen lässt (S. 94‒96). So gelingt es E.C. Köhler und J. Jones darzulegen, dass im Gegensatz zu den Vertretern der hohen Kultur, die sich vorwiegend auf dem gegenüberliegenden Nilufer, auf den Friedhöfen von Saqqara bestatten ließen, in Helwan eine – wie sie modern zu bezeichnen wäre – Mittelschicht vertreten ist (S. 95).
Der Band schließt mit einem Anhang, der u.a. eine Liste der ägyptischen Worte in Umschrift, sowie eine der Götternamen und Titel, die auf den einzelnen Stelen Erwähnung finden, gibt. Es folgt eine Paläographie, die nach den in der Ägyptologie üblicherweise benutzten Zeichenliste der Gardiner-Grammatik und der von J. Kahl für die formative Phase abgewandelten Liste angeordnet ist. Diese Auflistung zeigt jeweils das auf den Denksteinen belegte Zeichen, sowie, wenn nochmals belegt, Schreibvarianten und stellt somit eine wichtige Referenz für die Beschäftigung mit der frühägyptischen Schrift dar.
Der Katalog enthält eine präzise Beschreibung, Transliteration samt Übersetzung, sowie alle weiteren nötigen Informationen zu den einzelnen Stelen, die zudem als Zeichnungen abgebildet sind. Es ist dabei hervorzuheben, dass nicht die alten von Z. Saad publizierten und teils sehr schlechten bzw. ungenauen Zeichnungen reproduziert, sondern alle Objekte neu aufgenommen wurden, so dass auch in den Abbildungen der einheitliche Stil der Publikation deutlich wird.
Der anschließende Tafelteil bildet alle Stelen in hervorragenden, neu angefertigten Schwarzweißfotografien ab. Die meisten der Denksteine aus Helwan sind nach Ansicht der Autorinnen durchaus bemalt gewesen (vgl. S. 22). Erhalten haben sich, aufgrund unterschiedlicher Faktoren teils nur sehr schwach schwarze und rote Farbtöne, wie sie auf der letzten, in Farbe gedruckten Tafel erkennbar sind.

Dem interessierten Leser wird mit der vorliegenden Publikation ein kompaktes Handbuch geboten, dass in englischer Sprache abgefasst und reich bebildert sowohl den bisherigen Forschungsstand, als auch viele neue Interpretationsansätze und Ideen zur Problematik des frühägyptischen Bestattungsbrauches und der Sozialhierarchie im Raum Memphis bietet. Es ist dabei zu betonen, dass gerade durch die Beschäftigung mit dem Friedhof der „Mittelschicht“ ein wichtiger Weg fort von der sonst im Fokus stehenden Beschäftigung mit der hohen Kultur beschritten wird, der uns ermöglicht auch das Leben und Sterben der „unteren“ Gesellschaftsschichten zu verstehen. Der Friedhof von Helwan kann dabei, als einer der größten seiner Zeit, sicherlich als ein Paradebeispiel für diesen Forschungsansatz gelten und so darf man bereits auf die nächsten Arbeiten zu diesem für die Ägyptologie so wichtigen Projekt sehr gespannt sein.

12.11.2011
Robert Kuhn - Leipzig
Köhler, E Ch: Helwan II. The Early Dynastic and Old Kingdom funerary relief slabs. 220 S., 72 Abb., 20 Tab., 45 Taf. 30 x 21 cm. Pb Verlag Marie Leidorf, Rahden 2009. EUR 39,80
ISBN 978-3-86757-971-1
 
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