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Lawrence Stewart Owens – Standards of Archaeological Excavation

Seit sich die Wissenschaft der Ägyptologie, gerade auf der Archäologie basierend, entwickelt hat, ist auch das Graben selbst immer mehr zum Bestandteil der Erforschung dieser Kultur geworden und kann sich längst als Partner auf Augenhöhe mit der „konventionellen, textbasierten Philologie“ messen. Dabei hat sich natürlich über die Jahrzehnte hinweg und durch die rasante Entwicklung der Technik befeuert auch in der Archäologie Einiges getan und zu Neuerungen der Befund- und Fundaufnahme geführt.
Über 100 Jahre ist es nun her, dass das letzte Werk, welches als Einführung in den Grabungsalltag in Ägypten erschienen ist, geschrieben von einem der – wenn man so will – Väter der Zunft, Sir W. M. Flinders Petrie. In dem 1904 publizierten kleinen Bändchen „Methods & Aims in Archaeology“ legt der britische Archäologe die wichtigsten Aspekte zur damaligen Feldarbeit, Kommentare zum Umgang mit Land und Leuten, zu Bergungs- und Grabungstechnik, Photographie und Zeichnungen etc. vor. Seit dieser Zeit hat sich, wenn auch sicher viele Dinge unzweifelhaft fortbestehen, doch Einiges erheblich verändert. Entsprechende – auch in deutscher Sprache erhältliche – Einführungen zur Grabungsmethodik, archäologischem Zeichnen etc. sind zwar in der Zwischenzeit in Menge publiziert worden, doch fehlte bislang ein Kompendium, welches allein auf die ägyptischen Verhältnisse ausgerichtet ist, die ja durchaus sehr different sind. Von daher ist die vorliegende Publikation zu begrüßen, da sie verspricht ein aktueller „Fieldguide“ für Ägypten zu sein. Die englisch abgefasste Schrift wendet sich an Studierende der Ägyptologie und insbesondere auch an die Ägyptologiestudenten Ägyptens selbst. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, die wichtigsten Methoden der Feldarbeit vorzustellen und liefert in einer beigelegten CD Beispielformulare, die die praktische Arbeit im Feld erleichtern sollen. Dabei können die beiden Autoren auf eigene langjährige praktische Erfahrung im Feld zurückgreifen.

In den ersten drei Kapitel werden vor allem die Konzepte und Methoden, sowie einige Grundbegrifflichkeiten zur Vermessungstechnik und weitere Grundvoraussetzungen wie eine Zusammenstellung der wichtigsten Werkzeuge, Hinweise zu Gesundheit, Hygiene und Sicherheit auf einer Grabung kurz dargelegt. Es folgen im Kapitel 4 eine nähere Beschäftigung mit den unterschiedlichen Formen archäologischen Ausgrabens und die Frage der Herangehensweise und Planung einer solchen (S. 34–44). Methoden wie Bohrungen, Testgrabungen, das Anlegen von Suchschnitten und das Konzept der Feldbegehung/des Survey werden vorgestellt. Dabei wird auch auf technische Details, die die Grabungstechnik selbst betreffen, sprich Ausgrabung von bestimmten Befunden wie Fußböden, Särgen, Herdstellen etc. besprochen. Es folgen zudem eigene Unterkapitel, die vor allem der Einbindung der verschiedenen Naturwissenschaften in die Archäologie gewidmet sind. Dies betrifft vor allem das Sieben und Schlemmen von Sediment zur Gewinnung archäobotanischen und archäozoologischen Materials, Phosphatuntersuchungen und spezifische Methoden zur Entnahme von Proben für die Weiterbearbeitung in Form von 14-C-Analysen etc. Dabei werden auch die unterschiedlichen Datierungsmethoden und ihre Eigenheiten differenziert. Gerade letzter Punkt gewinnt bei weiterem Fortschreiten der archäologischen Teildisziplinen immer mehr an Bedeutung. Problematisch ist dabei aber, dass für Ägypten besondere Bedingungen gelten. Das Gesetz, welches das Verbot der Ausfuhr von Antiken regelt, beinhaltet gleichsam das Verbot der Ausfuhr von Proben. Dies erschwert die Analyse oder Anwendung vieler dieser hier beschriebenen Methoden. Zwar hat sich in den letzten Jahren eine erfreuliche Zusammenarbeit zwischen den archäologischen Missionen und ägyptischen Institutionen entwickelt, doch lassen sich bislang bei weitem nicht alle dieser im Buch beschriebenen Methoden tatsächlich vor Ort bewerkstelligen. Wünschenswert wäre daher an dieser Stelle gewesen, wenn die beiden Autoren auf entsprechende Möglichkeiten im Land eingegangen wären und auch die jeweiligen Institutionen wie beispielsweise das 14-C-Labor, welches vom Französischen Institut (IFAO) unterhalten wird, erwähnt hätten.
Im fünften Kapitel werden schließlich weitere, spezielle Methoden der Grabungspraxis wie beispielsweise die Anlage von Kreuzschnitten, das Graben bestimmter Strukturen und die unterschiedlichen Möglichkeiten der Beschriftung, Verpackung und Fundbergung besprochen. Kurz werden die Eigenheiten und wichtigsten methodischen Ansätze von Siedlungs- und Nekropolenarchäologie diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit erhält hier auch der Umgang mit dem Skelettmaterial. In einem weiteren Kapitel werden Pumpsysteme etc. durchgesprochen, die gerade in den im Delta gelegenen Regionen immer mehr an Bedeutung gewonnen haben.
Kapitel 6 beschäftigt sich intensiv mit der Vermessung und den Survey-Techniken. Hierbei wird nochmals kurz auf die Basisprobleme wie den Satz des Pythagoras, das Triangulieren und Nivellieren eingegangen. Ein eigenes Unterkapitel ist der Arbeit mit der Totalstation gewidmet, die auch zunehmend in der ägyptischen Archäologie Anwendung gefunden hat.
Im Kapitel 7 wird nach dem Darlegen der wichtigsten praktischen Arbeitsschritte, die bei einer Grabung vonnöten sind, schließlich das Augenmerk auf die Beschreibung und die Dokumentation gelenkt. Hierbei orientieren sich die Autoren vor allem anhand eigens hierfür erstellter Formulare. Diese insgesamt 49 Formulare, die sowohl auszugsweise im Anhang des Buches, als auch auf der beiliegenden CD zu finden sind, werden alle Punkt für Punkt durchgegangen. So wird die Beschreibung von Bodeneigenschaften, die von Bestattungen, Beschreibung von architektonischen Hinterlassenschaften wie etwa Mauern etc. mit entsprechenden Skizzen in den notwendigen Schritten dargelegt. Es folgt die Besprechung von Funden, die nach Materialien sortiert vorgestellt werden. Neben der Unterscheidung von Keramik nach dem so genannten Vienna-System, werden aktuelle Veränderungen angezeigt und die Beschreibung von Oberfläche und Bruch ausgeführt. Für den Anfänger wäre an dieser Stelle eine zusätzliche kurze tabellenartige Zusammenfassung zu den Magerungsbestandteilen, der entsprechenden prozentualen Zusammensetzung und der daraus resultierenden Tonwarenansprache sicher hilfreich gewesen. Auf der anderen Seite werden die nötigen Literaturverweise gegeben und sollten ein entsprechendes Nacharbeiten ohne größere Probleme ermöglichen, insofern die Literatur verfügbar ist. Etwas irritierend ist ebenfalls der Rückgriff auf die „Medieval Pottery Research Group“ für die Beschreibung von Gefäßformen und Mündungsränder, die in tabellarischer Übersicht geboten werden. Dies ist insofern etwas befremdlich, als dass auf die Ägyptologie spezialisierte Darstellungen wie die von H.-A. Nordström (1972) und R. Holthoer (1977) existieren und seit vielen Jahren für den Umgang mit dem keramischen Material in Ägypten Anwendung finden (ad fig. 109) – dies gilt auch für die Bodenformen (ad fig. 110). Farbaufnahmen von Brüchen für die jeweiligen Tonarten wären zudem eine weitere Hilfe gewesen.
Erfreulich ist im Besonderen die ausgiebige Besprechung der Lithik, die gerade in der Ägyptologie leider meist zu kurz kommt (S. 305-333). Neben einer Kurztypologie, in der nahezu alle wichtigen in Ägypten anzutreffenden Formen genannt werden, wird auch eine graphische Gegenüberstellung geboten (Fig. 114-115). Hervorragend ist dabei, dass auch Formen, wie sie eher für die Levante bestimmend sind (z.B. Ounan-Spitze etc.) ebenfalls ihren Niederschlag gefunden haben, da sie ja durchaus auch auf ägyptischem Boden – als regelrechte Leitform des Epipaläolithikums - zu finden sind. Befremdlich hingegen ist die Zusammenstellung der Geräte in der Graphik. So werden acheuléen- und moustérienzeitliche Stücke vor so genannten Oldowan-Choppern in einer Reihe präsentiert, wobei doch letzte Kategorie typologisch die älteren Geräte sind – es wird zumal später im Text selbst die richtige Abfolge geliefert (S. 329-330). Ebenso bleibt zu fragen, warum sich in fig. 115 eine Clovis-Spitze eingeschlichen hat, die doch wohl eher charakteristisch für nordamerikanische Fundstätten bestimmend sein sollte. Es folgen sodann weitere Materialan- und -besprechungen wie Textilien, Haare und weitere organische Materialien und schließlich die Bestimmung von Steinartefakten.
Das folgende Kapitel 8 ist ganz der zeichnerischen Fund- und Befundaufnahme gewidmet, die trotz allem Fortschritt in Richtung Medien und Technologie auch weiterhin Basisbestandteil in der Archäologie bleibt und bleiben wird. Kurz wird auch hier unter jeweiliger Zuhilfenahme von eigenen Beispielen und Zeichnungen auf die wichtigsten Charakteristika wie beispielsweise für das Erstellen von Plana-Zeichnungen, Profilen und dem Zeichnen von Kleinfunden unter Maßgabe der entsprechenden Zeichenkonventionen eingegangen. Zudem werden die Konventionen zum richtigen Messen und für epigraphische Aufnahmen dargelegt, die auch die Besonderheiten von Felsbildern etc. beinhalten.
In Kapitel 9 wird eine kurze Einleitung in die Problematik der Photographie geboten. Es werden hierbei die wichtigsten Basics wie Verwendung von Blenden, Unterschied zwischen natürlichem und artifiziellem Licht etc. dargelegt.
Es folgt ein Kapitel zur Stratigraphie, in dem vor allem die so genannte Harris-Matrix sowie die graphische Wiedergabe selbst komplexester Zusammenhänge dargelegt werden. Das letzte, 11. Kapitel ist schließlich der Fundbearbeitung gewidmet. Hier werden nun lohnende Tipps zum weiteren Verfahren mit den einzelnen Funden nach ihrer Entnahme vorgestellt. Neben dem Säubern und konservatorischen Handgriffen wird auf die Katalogisierung und Archivierung abgehoben.
Das Büchlein schließt schließlich mit einem Glossar, welcher nochmals kurz alle wichtigen und relevanten Begriffe erklärt. Es folgen die Appendizes, darunter die ethischen Grundsätze der „Egyptian Cultural Heritage Organisation“ (S. 510–515) und eine Auswahl der wichtigsten Formulare, die beispielhaft ausgefüllt worden sind. Den Abschluss bildet ein ausführliches Literaturverzeichnis.

In gut verständlicher Sprache und zumeist gebotener Kürze wird in dem Buch Schritt für Schritt das Wichtigste, was bei einer Ausgrabung gebraucht wird, für den Laien und ungeübtes Publikum dargeboten. Sicherlich sind die meisten der hier abgehandelten Aspekte äußerst komplex und müssen daher anhand der dargebotenen Literaturhinweise und darüber hinaus selbst weiter ausgearbeitet werden, aber der ungeübte Student sollte einen guten Überblick über die Arbeitsschritte auf einer Grabung gewinnen. Was man aber dabei vermisst, ist teilweise der dezidierte Rückgriff auf das Kernland, für welches das Kompendium eigentlich geschrieben wurde. Gerade dies war auch eines der Stärken des kleinen Büchleins, welches Flinders Petrie verfasst hatte, indem er kurze Informationen zu den speziellen Eigenheiten des Landes, zum Umgang mit Land und Leuten, zum Bezahlungssystem etc. lieferte. Gerade dies – vielleicht auch mit einem kurzen Wortverzeichnis mit den wichtigsten grabungsrelevanten ägyptisch-arabischen Termini wäre diesbezüglich sicher hilfreich gewesen. Dies gilt auch beim Rückbezug auf die jeweiligen Materialien wie Keramik, Steingefäße etc. Auch hier hätte sicher eine Abbildung entsprechender Gefäße und Typen das Buch erheblich aufgewertet. Auf der anderen Seite sind viele der hier gebotenen Abbildungen im Maßstab unverhältnismäßig groß geworden (v.a. im Bereich der Architekturaufnahme), die es ermöglicht hätten den Umfang des Buches zu straffen. Es ist ein wenig schade, dass auch die Abbildungsqualität – teils sehr verpixelt wiedergegebene Strichzeichnungen – befremdlich wirkt. Dies gilt auch für einige computertechnische Umsetzungen von Zeichnungen wie beispielsweise die Umzeichnung der Abrollung einer Gefäßdekoration (Abb. 155).
Gerade das Format des Werkes ist sicherlich ein wenig kritikwürdig. Als „Fieldguide“ empfiehlt es sich freilich ein kleines Büchlein im „Westentaschenformat“ zu produzieren, um die Handhabbarkeit im Feld und ein gutes Transportieren zu ermöglichen. Dabei hätte es sich außerdem sicher empfohlen witterungsbeständiges Papier zu verwenden, was die Verwendung des Büchleins auch unter der Sonne und bei schlechterem Wetter praktikabel machte. Einige der hier dargebotenen Aspekte hätten sicherlich auch etwas straffer oder unter Zuhilfenahme von aussagekräftigen Abbildungen und Skizzen weiter verkürzt werden können.
Trotz der hier teils bereits kritisch hervorgebrachten Worte ist aber festzuhalten, dass dieses Buch ein hervorragendes Kompendium darstellt und eine Sammlung von Tipps enthält, die es dem Studierenden ermöglichen, einen schnellen und profunden Umgang im Feld zu erhalten und sich in diesen einzuarbeiten. Hervorzuheben ist im Besonderen die Vorlage der Formulare, die, wenngleich sicher je nach Fundort und Zusammenstellung auch abwandelbar, einen guten Überblick und eine großartige Vorlage bilden. Zudem werden alle wichtigen Schritte detailliert und klar dargelegt und durch entsprechende Skizzen und Abbildungen ergänzt. Zudem ist positiv anzumerken, dass neben den sehr komplexen Problemen wie der Vermessung mit Totalstation etc. auch sonst wenig besprochene Aspekte wie der Planung und Aufarbeitung ein wesentlicher Raum eingeräumt wird. Die avisierte Lesergruppe als auch der bereits trainierte Archäologe werden also in diesem Büchlein einen guten und treuen Begleiter für ihre Arbeit und Planung finden und es mit Freude benutzen.
Robert Kuhn
Geoffrey John Tassie – Lawrence Stewart Owens, Standards of Archaeological Excavation; a Fieldguide to the Methodology, Recording Techniques and Conventions, The Egyptian Cultural Heritage Organisation. Golden House Publication
London 2010. 2014. 541 S., 8 fb. Abb., EUR ca. 95,00 £ 75,00
Zu beziehen unter Golden House Publications (http://www.goldenhp.co.uk) oder in Ihrer Buchhandlung
ISBN 978-1-906137-17-5
 
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