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Abenteuer Orient. Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Hafaf

Der im Laufe der 1920er Jahre von Syrien nach Deutschland geschaffte und in Berlin in einem Privatmuseum ausgestellte Schatz von Tell Hafaf – durch seine Tempelfragmente und Skulpturen ein Hauptwerk der altaramäischen Kultur – galt seit 1943 als kriegszerstört. Seit 2000 allerdings setzte sich ein kleines Forscherteam mit den eingelagerten Basaltbröseln auseinander und begann die Rekonstruktion. Zehntausende Bröckchen wurden sortiert, angepasst, umgelagert und wieder sortiert und angepasst. Und siehe da: was einst als verloren galt konnte wiedergewonnen werden. Diese Wiedergewinnung, von der die Forscher im vorliegenden Buch mit Begeisterung berichten, ist der äußere Anlaß für die Ausstellung und die Publikation des solide gemachten (wie sooft bei Wasmuth: schönes Papier) Kataloges, das sich dem Schatz von Tell Hafaf in doppelter Hinsicht widmet: seinen aramäischen Ursprüngen und Bedeutungszusammenhängen und seinem Entdecker Max von Oppenheim.
Max von Oppenheims Biographie gehört fraglos zu den hochinteressanten deutschen Lebenswegen, an denen man das tragische Phänomen der jüdischen Assimilationsbestrebungen und seiner Auswirkungen auf den Einzelnen erzählen kann. Oppenheim (1860-1946) war Sproß der legendären jüdischen Banker-Familie, doch er wandte sich frühzeitig vom Bankwesen ab und (durch die Lektüre von 1001 Nacht fasziniert) dem Orient zu. Seither versuchte er, gesellschaftliche Anerkennung mit seinen Privatinteressen und seinen persönlichen Verbindungen in Einklang zu bringen. Doch eine – nach gründlicher Kenntnis der islamischen Weltteile – angestrebte diplomatische Karriere in Ägypten blieb ihm verwehrt, als Jude bekam er keinen Diplomatenstatus. Als Kundschafter für die beste Wegstrecke der Bagdadbahn (sein Auftraggeber, die Deutsche Bank, sollte ihn bald entlassen) entdeckte er 1899 die aramäischen Überreste von Tell Hafaf, bekam jedoch, da Privatmann, keine Grabungsgenehmigung. Da die staatstragende Archäologie anderweitig eingebunden war blieb von dieser Seite die Unterstützung aus. Also nahm er das Geld seines Vaters und finanzierte die Grabung selbst. Doch seit der Entdeckung waren mehr als 10 Jahre vergangen und als Oppenheim an den Ort zurückkam war ein Teil seiner Fundstücke zerstört. Es gelang ihm dennoch (auch dank der abgenommenen Gipse) die Skulpturen zu rekonstruieren, einen Teil nach Deutschland auszuführen und 1930 in Berlin ein Privatmuseum zu eröffnen, das 1943 im Bombenhagel untergehen sollte.
Aus heutiger archäologischer Sicht ist Oppenheimers unermüdliches Verdienst um den Fund von Tell Hafaf ein Glücksfall, auch wenn die Bedeutung von den Funden von Troja, Babylon, Pergamon, Ischtar, Mschatta oder der Nofretete – die alle in Berlin zu sehen und bereits seit der Kaiserzeit staatlich gefördert worden waren – überlagert werden. Jene Anerkennung, die ihm zeitlebens verwehrt geblieben war, hat der archäologische Dilettant auf diese Weise post mortem erhalten. Dass er im Leben indes nicht nur freundlich gewesen zu sein scheint, sondern um Anerkennung regelrecht heischte, macht ihn erst interessant. Im vorliegenden Katalog, den die familiengesteuerte Oppenheim-Stiftung aus Mitteln des (in der Finanzkrise zerstörten) Bankhauses finanziert, werden diese Seiten Oppenheims zwar erwähnt, aber nicht allzu deutlich ausgewalzt. Der britische Historiker Sean McMeekin hingegen hat in seinem Buch „The Berlin-Baghdad-Express“ (2010) eindringlich geschildert, wie Oppenheim im Auftrag des Kaisers versuchte, die Araber zum Djihad gegen Engländer und Franzosen aufzustacheln, um so im Ersten Weltkrieg eine Orientfront zu eröffnen, die die Alliierten in Europa geschwächt hätte. Wie viele von Oppenheims Unternehmungen ist auch dieses skurrile Unterfangen gescheitert.

30.10.2014
Christian Welzbacher
Abenteuer Orient. Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf. Hrsg.: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn; Vorwort von Dzwonnek, Dorothee; Oppenheim, Christopher von; Wolfs, Rein; Beitr.: Cholidis, Nadja; Beitr.: Dubiel, Ulrike; Beitr.: Hauser, Stefan; Beitr.: Majlis, Brigitte; Beitr.: Niehr, Herbert; Beitr.: Springer, Annabelle; Beitr.: Teichmann, Gabriele. Deutsch. 196 S. 240 meist fb. Abb. 29 x 25 cm. Gb. Wasmuth Verlag, Tübingen 2014. EUR 39,80. CHF 52,90
ISBN 978-3-8030-3365-9   [Wasmuth]
 
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