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Old Kingdom Copper Tools and Model Tools

Nahezu 100 Jahre nach dem Erscheinen des bislang wegweisenden Bandes Tools and Weapons aus der Feder des britischen Archäologen Sir W. M. Flinders Petrie, hat nun der Prager Ägyptologe M. Odler zusammen mit seinen Kollegen einen richtungsweisenden Band vorgelegt.
Mit zeitlicher Beschränkung auf das Alte Reich (ca. 2600–2180 v. Chr.) wird damit erstmals in der Ägyptologie eine umfassende typologische Studie zu den Metallgeräten und ihren Modellvarianten vorgelegt, wobei durchaus auch auf frühere Zeiten zurückgegriffen wird. Metallgeräte sind bereits seit dem 4. Jt. v. Chr. – zumeist in regelrechten Sets – als Grabbeigaben belegt. Viele der frühen Exemplare sind aber so stark korrodiert und schlecht erhalten, dass in vielen Fällen eine genaue Formenansprache nur schwer möglich ist. Die vorliegende Arbeit verspricht daher, ein wichtiges Werkzeug bei der Ansprache und Deutung der Metallgeräte zu werden.
Die Publikation ist in elf größere Abschnitte gegliedert, die allesamt ähnlich und stringent aufgebaut sind. Einer kurzen Einleitung folgen Vorbetrachtungen, die sowohl den chronologischen als auch inhaltlichen Rahmen abstecken (S. 4–6) sowie eine lesenswerte Zusammenstellung zum bisherigen Theoriediskurs, angefangen mit den strukturalistischen Arbeiten A. Leroi-Gourhans und dessen These der technologischen Determinierung und den Arbeiten von I. Hodder und Chr. Tilley. Somit wird neben der rein archäologischen Bearbeitung auch der philosophisch-theoretische Rahmen der Arbeit umrissen (S. 7–9).
Im 3. Abschnitt legt M. Odler eine kurze Forschungsgeschichte zur Thematik vor und lässt dabei die wichtigsten bisherigen Fragestellungen von W. M. Flinders Petrie über E. Kühnert-Eggebrecht, G. Killen und D. A. Stocks Revue passieren (S. 10–12).
Methodisch erarbeitet sich M. Odler das Material über einen typotechnologischen Ansatz, unter Nutzung der Morphometrie (S. 14). Zudem finden Ansätze aus Nachbarwissenschaften Einzug in seine Betrachtungen, wie beispielsweise naturwissenschaftliche Analysen, oder das aus der Sprachwissenschaft stammende Konzept des „semiotische Dreiecks“ für das Herausstellen der Beziehungen zwischen funktionalem Werkzeug, altägyptischer Bezeichnung sowie dem Modellgerät (S. 19 – 20). Gerade für die wichtigen Fragen des Gewichtes und der antiken Bemaßung ist in jedem Falle zu begrüßen, dass auch das altägyptische Maßsystem einbezogen wird.
Einer der Hauptaspekte der Arbeit ist die Betrachtung von Modellgeräten, für die bis heute keine finale und vollkommen befriedigende Lösung/Definition und Klassifizierung gefunden ist. Der Autor bietet im Gegensatz zu bisherigen Arbeiten einen neuen Ansatz an: Er unterscheidet in einem 3er Schritt: 1) Modelle (nicht-funktional); 2) Miniaturgeräte (zwar kleiner, aber funktional) und 3) Miniaturisierte Geräte (exakte Kopien des Originals nur sehr viel kleiner) [S. 15]. Neben der reinen Form- und Größenunterscheidung stellt M. Odler zudem die Frage nach einer unterschiedlichen Materialzusammensetzung der einzelnen Kategorien. Zwar scheinen Geräte der Kategorie 2 und 3 aus härteren Legierungen gefertigt (S. 15 – 17) doch gilt es diese These mit mehr naturwissenschaftlichen Untersuchungen zu untermauern. Zu Recht wird auch die häufig in diesem Zusammenhang gebrauchte ökonomische Begründung einer sehr viel billigeren Produktion der Modellgeräte in Zweifel gezogen (S. 17).
Die während der Materialzusammenstellung erhobenen Daten sind allesamt in eine Datenbank eingeflossen, die über den im Buch befindlichen Code auf der Webseite des Verlages eingesehen und heruntergeladen werden kann. Eine kurze Einführung in die Datenaufnahme findet der Leser in Kapitel 5. Eine kurze generelle Übersicht zu textlichen und ikonografischen Quellen des Alten Reiches, in denen die entsprechenden Geräte zeitgenössisch belegt sind, wird in Kapitel 6 vorgelegt.
Im Hauptteil des Bandes (Kapitel 7–8) werden nacheinander die einzelnen Geräte und Modellgeräte besprochen: Zunächst stellt der Autor die einzelnen Fundstellen und ihre chronologische Bedeutung vor. Meißel, Dechsel, Beilklingen, Sägen, Drillbohrer, Rasiermesser, Spiegelplatten, Pinzetten und weitere Kosmetikutensilien, Nadeln und Ahlen sowie Angelhaken, Harpunenspitzen, Messerklingen, Pfeil- und Speerspitzen, als auch Dolche. Dabei ist jedes der Unterkapitel nach dem gleichen Schema aufgebaut: Zunächst werden die bisher diskutierten Funktionsweisen und Anwendungen der Geräte und ihre chronologische Verteilung bis zum Ende des Alten Reiches vorgestellt. Unter der semiotischen Definition folgt jeweils die lexikografische Ansprache sowie Paläographie und Ikonographie. Schlussendlich werden die einzelnen Typen und Subtypen untergliedert, en détail mit Hilfe von entsprechenden Zeichnungen und Fotografien vorgestellt, ggf. gefolgt von einer Materialbeprobung und einem kurzen Blick in die Nachbarregionen.
Kapitel 9 ist der Frage nach der Bedeutung der Metallgeräte für die materielle Kultur des Alten Reiches gewidmet (S. 212 ff.), bei der abermals herausgestellt werden kann, dass es sich um eine Besonderheit der Elite handelt. Insbesondere in ihren Anfängen konzentriert sich die Verbreitung von Metallgeräten im Bereich der Residenz und strahlt schließlich in die entfernteren Provinzen des Landes aus. Dabei wird eine grobe funktionale Einteilung der Geräte in 5 Gruppen vorgenommen: 1) Handwerksgeräte, 2) Kosmetikutensilien, 3) Webgerät, 4) Lederbearbeitungsgeräte, 5) Jagdwaffen und Nahrungsbeschaffung (S. 212).
In Kapitel 10 folgt eine kurze Zusammenfassung mitsamt einem Ausblick auf weitere Forschungen und Fragestellungen für zukünftige Arbeiten.
Der Band schließt sodann mit 4 ausgegliederten Fallstudien zu einigen ausgewählten Konvoluten aus dem Alten Reich. Diese Fallstudien beinhalten zum Einen neue archäometallurgische Untersuchungen unter Verwendung von XRD, OM, SEM/EDS, Ed-XRF und micro-HV an Geräten aus der 5.–6. Dynastie, die sich im Ägyptischen Museum in Leipzig befinden (11.1: S. 238–248), morphometrisch-statistische Untersuchungen anhand von Dechselklingen (11.2: S. 248–260) sowie eine Untersuchung zur Kontextualisierung und Frage nach Datierung einer Gruppe von memphitischen Kupfergeräten (11.3: S. 261–264).
Diese Kurzrezension vermag kaum den Wert und die Bedeutung des Bandes für die Ägyptologie zu umreißen. Obschon der Autor völlig zu Recht darauf verweist, dass wir, vor allem auch aufgrund der nur sehr spärlich vorliegenden Metallanalysen für die entsprechenden Objekte, erst am Anfang einer Untersuchung dieser Materialgruppe stehen, liefert das Werk einen wertvollen Beitrag zur Erforschung dieses Teils der materiellen Kultur. Erstmals wird die Gruppe der Metallgeräte und derer Modellvarianten für das Alte Reich umfassend und in einer stringenten, gut nachvollziehbaren Typologie präsentiert, die es erlaubt in Zukunft neu- und altgegrabenes Material vernünftig zu vergleichen und einzuordnen. Neben den durchweg dem Text beigestellten aussagekräftigen Zeichnungen und Abbildungen ist vor allem hervorzuheben, dass großer Wert auf eine naturwissenschaftliche Untersuchung der einzelnen Geräte gelegt wurde, so dass neben dem typologischen Corpus auch erstmals eine größere Gruppe an Metallartefakten aus dem Alten Reich in Hinsicht auf ihre Materialzusammensetzung etc. vorgestellt wird. Kurz: Es ist den Autoren gelungen ein Nachschlage- und Standardwerk vorzulegen, an dem keiner, der sich mit dieser Zeit und diesem Material beschäftigt, vorbeikommt und das man immer wieder mit Gewinn und Freude konsultieren wird.

05.03.2017
Robert Kuhn
Martin Odler, Old Kingdom Copper Tools and Model Tools, Englisch. 291 S. 45 z. T. fb. Abb. Archaeopress Egyptology 14, Oxford 2016. EUR 51,58
ISBN 978-1-78491-442-4
 
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