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Temple Deposits in Early Dynastic Egypt

Die von der Fachwelt lang erwartete zusammenfassende Publikation zu den niederländischen Grabungen in Tell Ibrahim Awad, die nun in der Reihe BAR International Series in Oxford herausgegeben wurde, stellt eine überarbeitete Fassung der 2014 in Leiden verteidigten Dissertation des Ägyptologen Willem van Haarlem aus Amsterdam dar. Der Grabungsort liegt im Nordostdelta unweit zweier versandeter Nilarme, dem pelusischen und tanitischen und stellt eine wichtige Fundstelle für die ägyptische Archäologie dar. Neben einer Siedlung mit einem sehr frühen Heiligtum auf einer sogenannten Gezira angelegt, sind zudem Gräber nachgewiesen, die somit eine umfassende Untersuchung dieser Ortschaft ausgehend von der späten Vorgeschichte bis in das Mittlere Reich ermöglichen. Durch das zunehmende Verlanden der Nilarme war die Siedlung wohl von seinen wichtigen Verkehrswegen abgeschnitten, so dass die Siedlung zu Beginn des Mittleren Reiches schließlich verlassen worden ist (S. 14). Von 1986 bis 2014 fanden intensive Grabungsarbeiten durch ein niederländisches Team statt, das zunächst von E. Van den Brink und schließlich von W. van Haarlem geleitet worden sind. Durch die starke landwirtschaftliche Nutzung über die letzten Jahre, sind nahezu 90 % der mutmaßlichen Fundstätte unzugänglich bzw. stark gestört. Die verbleibenden 10 % (immerhin 20.000 m²) werden seit 1986 jedoch kontinuierlich und systematisch erforscht und haben bereits zu ersten wertvollen Erkenntnissen über die ehemals bedeutende Ortschaft erbracht. Die Besiedlungsgeschichte wird aufgrund der Baubefunde und Funde von W. van Haarlem in mindestens 7 Phasen untergliedert, die von der späten Naqada IId-Phase bis in die 12. Dynastie reichen, d.h. von ca. 3400 bis 1781 vor unserer Zeitrechnung.
. Aufgrund der nur schwer datierbaren Architektur und den nur wenigen Inschriftenfunden (davon ein Nachweis des Königs Narmer), dienen vor allem die keramischen Funde als Hauptanker dieser Chronologie (Fig. 2.5). Der architektonische Befund besteht aus teils größeren Lehmziegelbauten, die aufgrund der Deponierungen und des Architekturdesigns als Tempel- bzw. Schreine interpretiert werden. Darüber hinaus fanden sich wenige weitere Siedlungsspuren sowie mit über 80 Gräbern ein Friedhof, der ebenfalls bislang noch nicht zur Gänze erforscht und ausgegraben werden konnte. Letzterer, der sich vor allem im Nordosten der sogenannten Area A befindet, wird aufgrund der Beigaben in 4 Phasen unterteilt, deren Schwerpunkt mit 52 Gräbern auf der 1. Zwischenzeit liegt (Phase 2–3; S. 17). Frühe Gräber fanden sich bislang nur vereinzelt, so dass aus Area B immerhin 3 Gräber der 1. Dynastie belegt sind, die der Autor mit der lokalen Elite der Zeit in Verbindung bringt (S. 23–24).
Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Publikation liegt auf der Untersuchung des Tempels und der darin befindlichen Deponierungen. In Kapitel 3 wird daher zunächst detailliert auf die Definition unterschiedlicher Deponierungsformen, so etwa die Gründungs-, Opfer- und Votivdepots eingegangen, wobei sich der Autor eng an die Arbeiten von Günter Dreyer (Elephantine: 1986) und Richard Bussmann (2010) anlehnt. Im Tempelareal selbst konnten mindestens 13 größere Hortfunde festgestellt werden, die insgesamt über 900 Funde beinhalten und kurz beschrieben werden (S. 33–40). Fraglich muss - nicht zuletzt auch aufgrund der bislang vorliegenden Baubefunde aus Phase 7 - die Genese und Bedeutung der Bauten der frühesten Belegungsphase während der Naqada IId-Phase gelten. Da die Bauten in den jüngeren Schichten aufgrund der Funde und Architektur als Tempel gedeutet werden, nimmt W. v. Haarlem an, dass auch die frühesten Bauten dereinst als Sakralbauten in Form von Schreinen zu interpretieren sind (S. 15ff.; S. 43f). Stimmt dieser Ansatz, wäre Tell Ibrahim Awad einer der frühesten für Ägypten nachzuweisenden Sakralgebäude überhaupt (S. 94–95). Wenngleich diese Deutung sicherlich einiges für sich hat, halte ich doch einen kritischen Blick hierauf für angebracht. Bislang ist auch im Vergleich mit anderen Fundplätzen in Ägypten zu wenig über die tatsächliche Funktion früher Gebäude bekannt. Es ist daher unumgänglich auch in den folgenden Jahren das Augenmerk an diesem Fundplatz in die Flächengrabung zu setzen und mehr Informationen über die alte Siedlung zu sammeln, um gerade solchen Fragen näher auf den Grund zu gehen. Nicht zuletzt gilt dies sicherlich auch für die Frage nach, wie auch immer gearteten Einfluss und Kontakt von bzw. zur Levante, die sich auch in Form einiger Architekturdetails ergeben. Weitere Kontakte werden gerade in den frühen Phasen mit dem oberägyptischen Kulturraum verbunden, die gleichsam neue Einblicke in die Frage des sogenannten Staatseinigungsprozesses versprechen. Noch sind die Baubefunde spärlich und gebieten Vorsicht bei der Interpretation, erkennbar ist jedoch eine deutliche Wandlung von kleineren, schreinartigen Gebäuden zu einem recht großen und komplexen Gebäude im ausgehenden Alten- und Mittleren Reich, der eindeutig als Tempel angesehen werden kann.
Ein weiterer Schwerpunkt in der Arbeit W. v. Haarlem sind die Funde selbst, die in den unterschiedlichen Hortfunden ausgegraben wurden und wohl zu unterschiedlichen Zeiten im Tempelareal niedergelegt worden sind (S. 40–42). Mit Blick auf die Vergleichsfunde wie etwa aus Abydos, Hierakonpolis und Elephantine zeigt sich auch in Tell Ibrahim Awad, dass durch die teils komplexe Stratigraphie häufig keine abschließende Klärung der chronologischen Situation gegeben werden kann. Zwar scheint es augenscheinlich, dass viele der Objekte durchaus zu den älteren Nutzungsphasen des Tempels während der späten Vorgeschichte und den ersten beiden Dynastien niedergelegt worden sind, doch bleiben Fertigung (S. 45–46), Intention und weitere Details weitgehend spekulativ. Wenngleich W. v. Haarlem bei einigen Stücken durchaus eine lokale Produktion annimmt, muss dies sicherlich noch en-détail geklärt werden. Eine Auflistung und Vorstellung der einzelnen Fundkategorien erfolgt im vierten Kapitel: menschliche Figuren (S. 48–51); Affen / Paviane (S. 51–52) die auch in Tell Ibrahim Awad in großer Anzahl vorkommen; Flusspferde, Löwen, Antilopen über Naturspiele (Natural stones, S. 54), Schmuck und Gefäße (S. 54–55). Der Autor tut dabei gut, die Datierung, die letztlich allein mit Hilfe des Vergleichs mit anderen Funden möglich ist, kritisch und vorsichtig zu formulieren. Zwar liegt durch die abschließende Deponierung Ende der 3. / zu Beginn der 4. Dynastie ein terminus ante quem vor, doch dürften viele der hier vorgestellten Objekte tatsächlich bereits in vor- und frühzeitlicher Epoche gestiftet / deponiert worden sein (S. 55). Neben der Datierung stellt sich zudem die Frage nach der Gottheit, die im Tempel verehrt worden ist und für die es bislang auch inschriftlich keinen Hinweis zu geben scheint. Inwieweit die große Anzahl an Pavian-Figurinen und das Kopffragment einer größeren Keramikfigurine Hinweise auf einen, wie auch immer gearteten Ahnenkult im Zusammenhang mit dem affengestaltigen Hedj-Wer (dem Großen Weißen) liefern, muss offen bleiben (S. 55). Gerade auch im Vergleich mit anderen ägyptischen und vorderorientalischen Deponierungen (z. B. Byblos, `En Besor etc., S. 55–65) lassen sich sowohl viele Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zeigen, die aber aufgrund der häufig unklaren Deponierungsumstände und Datierung bislang nur unzureichend abgesichert werden können, so dass selbige als auch regionale Unterschiede als Gründe hierfür vorgebracht werden können (S. 65).
Im fünften Kapitel werden die im Tempelkult verwendeten Objekte vorgestellt (S. 66ff.). Hierunter listet W. van Haarlem Keulenköpfe, Lithik, Keramik und Tierknochen. Während die beiden letzten Punkte völlig einleuchten, ist die erste Kategorie sicher erklärungsbedürftig. Werden Keulenköpfe in der Forschung vorwiegend als Votivgaben interpretiert, überlegt W. van Haarlem, ob sie nicht auch beispielsweise Verwendung beim Töten von Opfertieren und während weiterer Zeremonien fanden (S. 67). Interessant ist nicht zuletzt die Vergesellschaftung mit Tierknochen, vor allem Schwein und Muscheln (S. 74 mit Tab. 5.4). Bei den tierischen Schlachtabfällen fällt, ähnlich wie bei anderen Tempeldeponierungen, auf, dass es sich vorwiegend um fleischarme Elemente handelt. Eine Spezifizierung einzelner Rituale und Zusammenhänge jenseits von Ansätzen wie etwa Trankopfer, Reinigungen und Tieropfer fällt jedoch aufgrund der Fundsituation schwer.
Als einzelne Gruppe bespricht W. van Haarlem im sechsten Kapitel Fliesen und Einlagen aus Fayence, die teils sogar Marken aufweisen (S. 76–85) und die möglicherweise als Schmuck oder zur Verkleidung einzelner Architekturelemente im Tempel dienten.
Im letzten, siebten Kapitel (S. 86–97) gibt der Autor schließlich eine kurze Zusammenfassung über die erreichten wichtigsten Ergebnisse. Dabei wird erneut nicht nur auf die Deutung, des Befundes als Tempel bis in die früheste Phase rekurriert, sondern auch auf die bestehenden Unsicherheiten und Probleme verwiesen: Letztere beziehen sich u. A. auf Aspekte wie etwa Hinweise auf staatlich organisierten, offiziellen vs. privatem Kult sowie der Frage nach der in Tell Ibrahim Awad verehrten Gottheit.
Der Band schließt mit einem tabellarischen Katalog (S. 98ff.) ab, dem auch eine Zusammenstellung einiger Strichzeichnungen von ausgewählten Objekten beigefügt ist; 2 Tafeln bieten in s/w-Photographien eine sehr kleine Auswahl an Fundobjekten (pl. 40–41). In der listenartigen Vorstellung der Objekte sind wichtige Informationen wie etwa Material, Maße, kurze Beschreibung etc. für die 955 Objekte enthalten. Allerdings vermisst man Hinweise auf die Zuordnung zu Phasen, einzelnen Deponierungen und stratigraphische Hintergründe. Eine Konkordanzliste, Literaturverzeichnis und Index am Ende der Publikation tragen zur Erleichterung der Orientierung und dem Lesen bei.
Mit der Publikation legt W. van Haarlem erste eindrucksvolle Ergebnisse der langjährigen Grabungen in Tell Ibrahim Awad vor und ermöglicht dadurch erste Einblicke in die Architektur und Fundvergesellschaftung, sowie der möglichen Funktion eines Tempels im Nildelta von der Vorzeit bis ins Mittlere Reich. Man ist daher gespannt auf die Ergebnisse der noch ausstehenden Grabungen im Siedlungs- und Nekropolenbereich, die sicherlich zu einem besseren Verständnis dieses wichtigen Fundortes beitragen werden.

05.08.2020
Robert Kuhn
Willem van Haarlem, Temple Deposits in Early Dynastic Egypt. The case of Tell Ibrahim Awad, BAR International Series 2931, Oxford 2019. Englisch. 228 S., 21 x 30 cm. British Archaeological Reports Oxford Ltd. EUR 68,00 Pfund 48,00
ISBN 978-1-407-35367-8
 
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