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Die Grubengräber des prädynastischen Friedhofs U in Abydos |
Ein Band, der von der archäologischen Community lange erwartet war und zudem eine archäologisch Nekropolenpublikation auf höchstem Niveau darstellt, ist bei Harrassowitz erschienen. In zwei voluminösen und substantiellen Bänden stellt der langjährige Grabungsleiter im U-Friedhof bei Abydos, Ulrich Hartung, die Grabinventare der Grubengräber der genannten Nekropole vor. Nachdem Rita Hartmann 2016 ihre Arbeit zu den tönernen Gefäßen dieses Gräberfeldes in den Archäologischen Veröffentlichungen des DAI Kairo publizierte, ist nun, mit der Arbeit von U. Hartung das Material dieses, für die Erforschung der altägyptischen Prähistorie so imminent wichtigen Gräberfeldes mustergültig vorgelegt und komplettiert worden. Über 600 Gruben wurden im Rahmen des DAI geleiteten Grabungsprojektes im Zeitraum von 1989–2001 ausgegraben. Hierbei kamen Gräber einer Bestattungsgemeinschaft zu tage, die der mittleren und höheren Oberschicht angehörten. In Größe und Ausstattung handelt es sich unzweifelhaft um einen der wichtigsten Bestattungsplätze des späten 4. Jt. v. u. Z. in dieser Region. Die Gruben sind von U. Hartung in mühevoller Kleinarbeit im Feld ausgegraben und dokumentiert worden. In die vorliegende Arbeit flossen jedoch auch weitere Befunde ein, die bereits im 19./20. Jh. bei den Ausgrabungen von E. Amélineau sowie T. E. Peet entdeckt wurden und hier gleichsam das archäologische Bild abrunden.
Die Publikation ist klassisch aufgebaut: Zunächst gibt U. Hartung eine kurze Einführung in die Topographie, die Forschungs- und Grabungsgeschichte der Nekropole seit ihrer Entdeckung und ersten wissenschaftlichen Ausgrabung 1895 (S. 27–34). Es folgt in einem 2. Kapitel eine Zusammenstellung und Beschreibung der Befunde (S. 35–98). Dabei wird auch auf die Problematik eingegangen, dass ein Großteil der Gruben bereits Spuren von Beraubung aufwies und 86, d.h. 12,8 % der Gruben, möglicherweise sogar gar keine Gräber darstellen (S. 35 ff.). Für die Datierung wurden vor allem die keramischen Inventare herangezogen, so dass sich letztlich 251 datierbare Grubengräber aus den DAI-Grabungen sowie 26 weitere aus den Grabungen T. E. Peets von 1911 hinzugesellen (S. 38 mit Abb. 2.2; 2.3.). Diese Gräber datieren in die Phasen Naqada IA bis IID2 (ca. 3600–3150 v. u. Z.), wobei ein Großteil der Belegung aus den frühen Phasen bis IIA/B stammt. Zudem schließen sich jüngere Gräber mit Ziegelausmauerung an, die in die Stufe Naqada IIIB datieren (S. 39) und somit auch das Wachsen der Bestattungsgemeinschaft und eine entsprechende Kontinuität des Friedhofes belegen. Für 16 Gräber liegen 14C-Daten vor, die sich mit den relativ gewonnenen Datierungen durch die Keramik und die Beigabeninventare korrelieren ließen. In diesem Abschnitt wird auf die Grabgröße, Volumina, Orientierung und die Frage nach der Belegung der Nekropole eingegangen – letztere zusätzlich mit ganzseitigen und übersichtlich gehaltenen Schemata und Abbildungen illustriert.
Kapitel 3 dient der Vorstellung der „festen Ausstattung der Gräber“, gemeint sind also Konstruktionen und architektonische Details wie etwa Grubenaussteifungen, Verblendungen etc., die U. Hartung in insgesamt 6 Bestattungstypen unterteilt (S. 67–98): von einfachen Grubenbestattungen, bei denen die Körper nur in eine Matte oder Tierhaut gewickelt war (Typ I) bis hin zu Bestattungen in Keramiksärgen (Typ VI). Bei den hier aufgeführten Beschreibungen und Details zeigt sich unzweifelhaft auch die Meisterschaft der Ausgrabungsmethodik von U. Hartung, dem es während dieser Arbeiten gelungen ist, selbst kleinste Details und Reste von Spuren wie etwa Ockerstreuungen; Mattenreste etc. zu dokumentieren und nachzuweisen.
Der größte Teil des Bandes I widmet sich schließlich der „beweglichen Ausstattung der Gräber“ (S. 99–261). Nacheinander werden die einzelnen Objektklassen nach Rohmaterialien differenziert vorgestellt. So beispielhaft aus Stein: Steingefäße, Keulenköpfe, Paletten und Reibplatten, Polier- und Klopfsteine, Spielsteine und Sonstiges (Figurinen etc.). Diesem Muster folgen schließlich die einzelnen Rohmaterialien, darunter Beigaben aus Knochen und Elfenbein, aus ungebranntem Ton und sogenannter „vegetable paste“, aus gebranntem Ton (Gefäße ausgenommen), aus Metall (darunter ein sehr frühes Silbergefäß, eine Silbernadel und ein Fragment Silberdraht!, (S. 225 – 226)), aus Holz und sonstige Kleingruppen. Unter Abschnitt 4.7. finden sich zudem Perlen und Anhänger als eigenen Kategorie ausgekoppelt, was auch allein schon durch die Masse an Funden mehr als gerechtfertigt erscheint. Zwar sind einzelne Objekte aus diesen Fundkategorien – wie beispielsweise die Messergriffe aus Elfenbein - über die Jahre bereits in Form von kleineren Aufsätzen oder Vorberichten vorgelegt worden, doch findet sich hier erstmals das Material zusammenhängend vorgestellt. In der gebotenen Kürze kann hier nicht auf alle Einzelheiten eingegangen werden, doch sei exemplarisch auf die Kategorie von menschlichen Figurinen aus vegetable paste hingewiesen. Die frühen und sehr seltenen Menschendarstellungen sind bislang vorwiegend aus dem Antikenhandel bekannt und kaum auf dokumentierten Ausgrabungen entdeckt worden. U. Hartung kann mit dem Konvolut aus Abydos nun zeigen, dass einige der hier gefundenen Objekte deutliche Verformungen aufweisen, die nahelegen, dass die Figürchen noch nicht komplett durchgetrocknet waren, als sie in die Gräber gelegt wurden und somit sehr wahrscheinlich direkt für die Bestattungen hergestellt worden sind (S. 186–190). Diese kleinen, aber wichtigen Details, zeigen neue Wege und Hypothesen zur Fertigung und Funktion dieser Objektkategorie im Rahmen der frühägyptischen Bestattungsrituale auf. Beobachtungen dieser Art finden sich in der Publikation viele, so dass der interessierte Leser hier eine ganze Fülle neuen Materials und hochspannender Aspekte dieser Nekropole vorfinden wird. Zudem ist sicherlich wichtig zu erwähnen, dass sich der Autor durchaus der Problematik bewusst ist, dass viele der Funde nicht mehr in primärer Lage gefunden wurden und aus Beraubungen dieser oder in der Nähe liegender Gräber stammen, so dass für die einzelnen Materialkategorien sinnvollerweise Distributionskarten vorgelegt werden.
In Kapitel 5 versucht sich U. Hartung an einer zusammenfassenden Bewertung des Friedhofes U in kurzer und konziser Form (S. 263 – 270). Als Ergebnis kann er nicht nur die schrittweise Belegung des Friedhofes mit drei Hauptbelegungsphasen während Naqada I, Naqada IIB und Naqada IID plausibel machen (S. 264). Gleichzeitig legen der Katalog der Gräber und der Beigaben eine soziale Stratifizierung der hier gefundenen Bestattungsgemeinschaft nahe, wobei vor allem die Naqada IID-Gräber unzweifelhaft als solche einer Elite anzusehen sind. Interessant dabei ist allerdings, dass bislang keine größeren Siedlungskomplexe dieser Zeitstufe für Abydos bekannt wären, so dass offen bleibt, ob es sich um eine lokale Elite handelt, oder sogar vielmehr um ein dezidiert von der Elite genutzter Friedhof (S. 264).
Unter dem 6. Abschnitt folgt der Anhang mit tabellarischen Zusammenstellungen wie etwa die Datierung (Tab. 1), Grubentiefen (Tab. 5), Grabgröße und weiteren Details, die dem Spezialisten bei der Suche nach Details dankenswerterweise unterstützen. Den Abschluss des ersten Bandes bilden schließlich weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen wie etwa zu den Holzbestimmungen (Margarte Fischer, S. 297–298), zum lithischen Inventar (Thomas Hikade, S. 299–315), Tierresten (Veerle Linseele/Joris Peeters, S. 317–341) und eine Zusammenstellung der anthropologischen und paläopathologischen Untersuchungen der insgesamt 477 nachgewiesenen Individuen (Albert Zink, S. 343–375).
Im zweiten Band der Publikation findet der Leser schließlich gewissermaßen die Basis der Arbeit U. Hartungs in Form des Kataloges vor. Dem Grundschema folgend, werden alle aus dem Gräberfeld vorliegenden Daten zu den Gruben zusammengetragen. Angefangen mit den Beschreibungen von T. E. Peet von 1911 (Gräber U 1 bis U32) bis hin zu den neu gegrabenen Grubengräbern (U-119 bis U-660) sowie Oberflächenfunden [S. 386–552]. Die wichtigsten Informationen wie kurze Beschreibung des Befundes, Größe, Bestattungstyp, Keramik und Fundvergesellschaftungen sind listenartig und knapp zusammengefasst. Besonders hervorzuheben sind zweifelsohne die 257 Tafeln, die auch das zeichnerische Talent des Ausgräbers U. Hartung zeigen. Die Details und Zusammenstellung der einzelnen Funde und Befunde lassen sich so hervorragend nachvollziehen und sind auch ästhetisch kaum besser in Form von Handzeichnungen denkbar. Dankenswerterweise entschied man sich auch für die Umsetzung einiger Falttafeln, die es ermöglichen viele weitere Details in passendem Maßstab abzubilden.
Die vier Bände – die beiden von Rita Hartmann eingeschlossen – stellen mustergültige Nekropolen- und Materialpublikationen für die Grubengräber des U-Friedhofes dar, wie sie in dieser Qualität und diesem Detailreichtum nur selten zu finden sind. Die beiden Autoren haben Handbücher geschaffen, die als Standard- und Nachschlagewerke für die nächsten Jahrzehnte Gültigkeit haben werden und die auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen.
02.04.2026 |
| Robert Kuhn |
Umm el-Qaab III. Die Grubengräber des prädynastischen Friedhofs U in Abydos (Umm el-Qaab). Mit Beiträgen von Margret Fischer, Thomas Hikade, Veerle Linseele & Joris Peters und Albert Zink. Teil 1: Text. Teil 2: Katalog. Archäologische Veröffentlichungen des Deutschen Archäologischen Instituts (93). Hartung, Ulrich. 2024. 384 S. Teil 1: Text, 384 Seiten, 405 Abb., 3 Karten, 39 Tabellen Teil 2: Katalog, 435 Seiten, 257 Tafeln. 35 x 25 cm. EUR 228,00.
ISBN 978-3-447-12149-1 [Harrassowitz Verlag]
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