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Das große Buch der Archäologie

Die Archäologie hat, nicht zuletzt oder besser gesagt, dank so medienwirksamer Unterstützung, wie mit den ZDF- Sendungen „Terra X“ oder „Schliemanns Erben“, ein erfreuliches Breiteninteresse gefunden. Der vorliegende, aufwendig gestaltete Bildband ist ein weiterer Schritt in Richtung Archäologie- Promotion. Er enthält 12 GEO-Reportagen, die – getreu dem Stil von C. W. Ceram („Götter, Gräber und Gelehrte“) von Entdeckungen alter Kulturen erzählen, über Aufstieg und Fall mächtiger Reiche, aber auch über den monotonen Alltag der Archäologen und den oft manischen Ehrgeiz mancher Forscher, stets die Ersten sein zu wollen.
Der entdeckungsbereite Leser wird quer über den Globus zu interessanten Ausgrabungsstätten begleitet: Er kann eintauchen in die mythenumwobene Welt Ägyptens oder in das legendäre Reich Uschingis Khans, er wird zu Chinas erstem Kaiser geführt, zu den Moormumien in Nordeuropa, und nach Amerika zur Anasazi-, Maya- Mochica- und Paracas- Kultur.
Die Entdeckungen von Ritzzeichnungen, Entzifferung der ersten Schriftzeichen und der späteren Hieroglyphen sind die Grundlage, um die ägyptische Geschichte bis gut 5000 Jahre zurückzuverfolgen. Und insbesondere letzteren verdanken wir die Kenntnis über eine ungewöhnliche Frau, die im patriarchalisch geprägten Ägypten der frühen Dynastien zum Pharao aufstieg; Hatschepsut (1490 - 1468 v. Chr). Die Ausgrabung ihres Totentempels und die Entzifferung der dort reichlich vorhandenen Hieroglyphen lassen eine erstaunliche architektonische Leistung erkennen und eine Herrscherpersönlichkeit, die Weitblick, Ehrgeiz und Machtfülle besaß und sie im Interesse Ägyptens einzusetzen wußte.
Die Archäologen versuchten auch Antworten zu finden, warum Hatschepsut ihre Identität als Frau aufzugeben gewillt war, um Pharao zu werden, und warum die Priester und das Beamtentum die Krönung einer Frau ohne Aufruhr hingenommen haben.
Ähnlich faszinierend sind die Berichte über die Ausgrabungen in den Weiten der mongolischen Steppe und aus dem Reich der Mitte. Deutsche Ärchäologen haben in der Wüste Gobi die Hauptstadt Dschingis Khans freigelegt und dabei so interessante Stücke ans Licht gefördert wie einen Kultspiegel mit chinesischen Schriftzeichen, einen goldenen Armreif, ein quadratisches Beamtensiegel und außerhalb der Stadtmauern drei Schildkröten aus Granit: Sinnbilder für Weisheit und langes Leben. Die Abbildungen im Buch dokumentieren den guten Erhaltungszustand der Funde. Übrigens wurde das lamaistische Kloster Erdene Zuu 1586 im Süden Karakorums zum Tei1 aus Steinen der alten Hauptstadt errichtet.
Chinas Erster Kaiser Qin Shi Huangdi schuf 221 v. Chr. ein Kaiserreich, das zwei Jahrtausende überdauern sollte. Beseelt von dem Wunsch nach ewigem Gedenken, ließ er sich von einer Armee ins Jenseits begleiten. Bis heute wachen 7300 lebensgroße Tonkrieger über seinem Grab und erlauben Einblicke in das Leben während seiner Herrschaft. Auf großformatigen Abbildungen sind die Krieger in ihren Rüstungen erkennbar, Wagenlenker, Soldaten, Armbrustschützen und Pferde.
1974 war die Tonarmee per Zufall entdeckt worden, seitdem gehen die Ausgrabungen in der Provinz Shaanxi, der Totenstadt des Ersten Kaisers, systematisch mit deutscher Beteiligung voran. Sie komplettieren historisches und kunstwissenschaftliches Wissen.
Die Mayametropolen, die vor 1200 Jahren in Tikal (heutiges Mexiko) mit ca 40000 Menschen existierten, wurden in dem dichten Wald Mexikos der Vergessenheit entrissen, ebenso wie die in Copän (Honduras). Ruinen von Tempeln, Stelen, Wandgemälde, Götterstatuen und Schrifzeichen bereichern die Kenntnisse über diese alte Hochkultur.
Und so präsentiert dieses Buch eine Sensation nach der anderen: Die Mochica-Kultur aus Südamerika (Blütezeit um 100- 700 n. Chr.) enthüllt sich dank Grabungen in Gräbern seit 1987, ebenso wie die der Paracas-Kultur (60-200 v. Chr.). Die reiche Euphrat-Metropole Zeugma (Roms Tor zur Seidenstraße), ausgegraben seit 1999, läßt griechische und römische Baukunst und Lebensart erkennen mit Bodenmosaiken, Säulenperistylen, Statuen und Tonsiegeln.
Die 1950, zunächst im Moor bei Jütland, entdeckten Mumien ließen die Wissenschaft aufhorchen. Die seit ca 2400 Jahren durch Moorsubstanzen konservierten Leichen sind in beachtlichem Zustand, sogar mit Haaren und Kleidungsresten versehen. Von ihrer Lagerung her lassen sich Rückschlüsse auf die Todesursache ziehen.
Die Entdeckung der Moormumien in Jütland initiierte ana-loge Forschungen in Deutschland, den Niederlanden und weitere in Dänemark, denn es ist Tatsache, dass wir über unsere Vorfahren im Norden viel weniger wissen als etwa über die Bewohner im alten Ägypten oder Griechenland. Diese Mumien haben der Archäologie ein neues Forschungsterrain erschlossen.
Das vorliegende Buch verdient das Prädikat "exzellent" und zwar in jeder Hinsicht: in Auswahl der Inhalte, Stil, Präsentation, Sacherklärungen, Bildqualität und kunstwissenschaftliche Bearbeitung.
Gisela Ewert
Das große Buch der Archäologie. Expeditionen in mythische Welten. 248 S. 250 fb. Fotos, GEO, Gruner + Jahr, Hamburg 2003. EUR 49,-
ISBN 3-570-19436-1
 
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