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Die Stoffe der Wiener Werkstätte

Kurz wird die Wiener Werkstätte, die von 1903 bis 1932 bestand, „WW“ genannt. Der Künstler Koloman Moser entwarf das Signet und half damit dieser Produktionsstätte zu ungemeiner Popularität. Zur Wiener Werkstätte liegen zahlreiche Abhandlungen vor. Was bislang fehlte war eine Arbeit über Stoffe. Diesem Arbeitsfeld, das die Wiener Werkstätte erst 1910 als eigene Abteilung einrichtete, widmet sich dieser Bildband, erschienen im Christian Brandstätter Verlag. Wenn vom Verlag Brandstätter die Rede ist, darf man hochwertige Bücher erwarten. So auch hier, man weiß nicht, was erst zu loben ist, die Ausstattung oder der Inhalt, für letzteren zeichnet die Autorin Angela Völker in Kooperation mit Ruperta Pichler. Das Problem der Strukturierung der Materialfülle wurde souverän gelöst. Sowohl die Entwicklungsgeschichte von Stilen, Stoffen, von beteiligten Künstlern, Veränderungen im Verwendungszweck oder Fragen zur Produktion kommen ebenso zu Wort, wie die Textilproduktion innerhalb der Gesamtproduktion oder deren soziale Einbettung im gehobenen Bürgertum. Vollständig erschlossen ist das Gebiet aber noch nicht, so Angela Völker. Zu berücksichtigen wäre auch noch, welchen Anteil die Textilproduktion im Wirken einzelner Künstler gehabt habe. Immerhin hat es Völker mit 100 beteiligten Künstlern, mit 1.800 Stoffmustern bei 20.000 erhaltenen Stofffragmenten zu tun. Hier muß noch viel rekonstruiert werden, denn erst seit 1919 wurde die Produktion seitens der WW auf Karteikarten erfaßt.
Einige Aspekte konnten aber schon jetzt geklärt werden. Völker stellt heraus, dass es sich bei der Stoffproduktion vor allem um bedruckte Stoffe handelt, eine komplizierte Technik, da für jeden Farbgang eigene Model hergestellt werden. Ihren Grundsatz gegen die "schlechte Massenproduktion", wie Josef Hoffmann und Koloman Moser die Warenproduktion damals nannten, anzukämpfen, realisierte die WW, weil sie auf eine Zusammenarbeit zwischen Handwerk, den Modelstechern, und Kunst setzte.
Völker und Pichler beweisen mit vielen Beispielen, dass es viel zu kurz greift, die WW auf die Wiener Kunst um 1900 zu beschränken. Hier waren Künstler am Werk, die sich mit dem internationalen Umfeld der Avantgardebewegungen auseinandersetzten und in ihre Entwürfe integrierten. So gehört es zu den beglückenden Momenten zu verfolgen, wie sich Elemente des Futurismus oder des Kubismus in den Stoffen finden. Die WW konnte also gut mithalten im internationalen Konzert, aber erst nachdem eine Krise überstanden war, die sich nach 1925, dem Jahr der „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ in Paris, anbahnte. Die WW fand zu einem Dessin, das Dekoratives wie Abstraktes berücksichtigte. Mit der Vielfalt der Stile verwischte sich allerdings auch die ‘corporate identity’ der WW. Kaum war das alte Problem gelöst, Adolf Loos attackierte die WW wegen ihres Hangs zum Dekorativen, stellte sich ein neues durch die Aufnahme von neuen Stilen. Wie außergewöhnlich die Stoffkunst der WW war, zeigt sich z.B. an Dagobert Peche, dessen Entwürfe sich wie Vorboten von Keith Haring ausnehmen.
Auch neu ist, neben den großen Namen, die sich vor allem auf Männer wie Josef Hoffmann oder Carl Otto Czeschka beschränkten, endlich die zahlreichen Künstlerinnen zu würdigen. Hoffmann, das zeigt die Arbeit deutlich, hat in der WW starke Spuren hinterlassen, aber immer wieder ist auch von Hoffmann-Schülern die Rede, wie Reni Schaschl, Hilde Jesser oder Fritzi Löw. Eine der kreativsten Aktivposten war überdies auch eine Maria Likarz.
Die grandiose Publikation schließt mit einem exzellenten Katalog. Jedes Werk wird nach Fundort, Mustername, Datierung/ausführende Firmen, Wiener Werkstätte-Nummer, Drucktechnik, Stoffart, Größen einem Künstler zugeordnet. Das Schatzkästlein des Wienerischen Werkstättenfreundes Christian Brandstätter läßt nur einen Wunsch offen, noch mehr über die Werkstätte und die Kunst des österreichischen Zweigs der Moderne zu erfahren. Als idealen Einstieg dazu bietet Brandstätter hierzu ein Kompendium an, das gerade erschien und mit „Wien 1900“ schlicht betitelt wurde. Es wurde als Querschnitt zu allen künstlerischen und wissenschaftlichen Gattungen angelegt, Kunst und Kunsthandwerk, Architektur, Theater, Literatur, Musik und Philosophie/Wissenschaft, inklusive ein Beitrag zur Entwicklung der Psychoanalyse. So schließt sich im Hause Brandstätter der Kreis. Flanieren kann man mit Überblicken und vertiefenden Einzelstudien und auch einen Blick in eine der zentralen Vermittlungsinstitutionen werfen, das berühmte Kaffeehaus. Auch zu dieser Institution liegt ein eigener Band vor, und es wird in „Wien 1900“ behandelt.
Brandstätter macht es möglich, über Wien und die Moderne, alles aus einer Hand und in gleichbleibend hoher Qualität zu erhalten.

Christian Brandstätter (Hrsg.) (2005) Wien 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne. 399 S., 742 Abb., Gb., Christian Brandstätter, Wien 2005. EUR 49,90
ISBN 3-85498-355-7
Sigrid Gaisreiter
Angela Völker. Die Stoffe der Wiener-Werkstätten 1910-1932. 288 S., 415 meist fb. Abb., 28 cm, Gb., Christian Brandstätter, Wien 2004. EUR 39,90
ISBN 3-85498-357-3
 
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