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Arkadien - Imagination Europas

Anlass zu diesem Symposiumsband, entstanden im Jahr 2005 und 2008 herausgegeben, waren die restaurierten sechs Tapetengemälde, die der Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert (1737-1807) in seinen jungen Jahren im Festsaal auf Gut Boldevitz auf Rügen hinterlassen hat. Unter den Wandmalereien des Festsaales, die nun wieder besichtigt werden können, befindet sich auch die erstmalige Darstellung der berühmten Kreidefelsen.
Das Besondere an den Kunstwerken Hackerts, die dem damaligen Zeitgeist der Auftragsmalerei durchaus folgen, ist die Vermischung von realer Landschaftsansicht mit idealen Motiven, das heißt, die raue Landschaft Rügens verzaubert sich in ein Arkadien, wo man statt leichter Leinenbekleidung dicke Pullover braucht. Dem Auftraggeber dieser Gemälde, der schwedisch-pommersche Regierungsrat Adolf Friedrich von Olthoff, der nach wenigen Jahren Aufenthalts pleite ging, lag allerdings weniger an der Landschaftsmalerei selbst, sondern daran, „seiner“ Landschaft mit Versatzstücken antiker griechisch-römischer Ruinen einen Ausdruck traditionell begründeter Macht zu verleihen.

Der von Andreas Beyer, Lucas Burkart, Achatz von Müller und Gregor Vogt-Spira herausgegebene Band beleuchtet aber nicht nur das Werk Hackerts und die Motive seines Auftraggebers, sondern untersucht in weiteren Aufsätzen die facettenreichen Aspekte des Arkadienthemas insgesamt.

Besonders interessant für Laien zu lesen – der Fachwelt wird das nicht neu sein – ist der Aufsatz „Wohnen in Arkadien“ von Lucas Burkart, in dem der Aufenthalt Hackerts in Rom und der seiner Dichter- und Malerkollegen erläutert wird und der Zusammenhang zwischen H. W. Tischbeins Gemälde „Goethe am Fenster der Wohnung am Corso“ und „Goethe in der Campagna“ ein weiteres Licht auf die Landschaftsmalerei um 1800 wirft. Andreas Beyer rückt in seinem Aufsatz „Arkadien im Landschaftsgarten von Clisson“ indessen den Bildhauer Francois-Frédéric Lemot in das Blickfeld des Interesses. Lemot verwirklichte in einer während der Revolution fast völlig zerstörten Anlage in der Vendée ganz eigene Vorstellungen seines Arkadiens. Dem Maler Pierre Cacault, der weitere Künstler nach Clisson brachte, war es in Italien um 1800 politisch zu unruhig geworden und so fand man in Frankreich ein neues Arkadien.
Ebenso spannend zu lesen ist der Aufsatz von Wolfgang Klein „Die schöne Landschaft als Lebensform“, in dem dargstellt wird, auf welche Weise ein durchdacht geplanter Landschaftsgarten, bzw. die absichtsvoll gesetzten Naturdenkmale eine vorsichtige, fast „vormärzlich“ revolutionäre Bedeutung erlangen.
Arkadien als Mythos für eine bessere Welt. Die Idee von „Arkadien“ wird in diesem Buch weit über das Malerische, bzw. das Werk Hackerts hinaus behandelt. Den Schlusspunkt dieser Idee setzen die Autoren der letzten Kapitel: Achatz von Müller „Erinnerung, Idyll, Utopie: Europa-Arkadien“ sowie Georg Kreis in seinem Aufsatz „Innerer Friede ohne äußeren Frieden – Europaentwürfe zwischen 1300 und 1946“ wo sich Italiensehnsucht und der Wunsch nach Friede und Natur artikulierten und kluge und weniger kluge Köpfe sehr unterschiedliche Formen eines zukünftigen Europa entwerfen.

Ein Fachbuch, das auch für den Laien viele interessante Erkenntnisse bereit hält. Falls der Leser aber weder über ausreichend englische oder italienische Kenntnisse verfügt, muss er leider zwei Kapitel zum Werk Hackerts auslassen, was den Genuss des Buches allerdings so gut wie kaum schmälert.
23.7.2009

Gabriele Klempert
Europa Arkadien. Jakob Philipp Hackert und die Imagination Europas um 1800. Hrsg. v. Beyer, Andreas/Burkart, Lucas /Müller, Achatz von /Vogt-Spira, Gregor. 414 S., 150 z.T. farb. Abb. Wallstein, Göttingen 2008. Gb EUR 48,00
ISBN 3-8353-0308-2
 
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