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Möbel und Marketing im 18. Jahrhundert

Die deutschen Top-Ebenisten Abraham und David Roentgen haben Konjunktur. Nach der Berliner Ausstellung und ihrem kleineren Nürnberger Gegenstück erscheint nun ein Aufsatzband, der „Möbel und Marketing im 18. Jahrhundert“ beinhaltet. Nun, die Möbel sind mehr als Möbel, sie sind Kunstwerke und das Marketing könnte ein säkularisierter Ableger von früheren Missionsreisen gewesen sein, denn Davids Vater Abraham Roentgen war überzeugter Herrenhuter und hat als solcher England bereist und eine Auswanderung nach Carolina vorbereitet, die aber scheiterte. Nicht auszudenken, was damit der Möbelkunst entgangen wäre. Seiner Missionstätigkeit gilt der letzte Aufsatz von Michael Sulzbacher.

Das Buch zeichnet sich durch sehr präzise Periodisierungs-Ansätze aus. So gliedert Hans Ottomeyer die Entwicklung des Klassizismus in drei Epochen. Den Beginn um 1755, die Archäologisierung – Ottomeyer spricht vom „Groteskenstil“ - um 1776 (Adam, Clérisseau, Piranesi) und das, was gemeinhin Empire heißt, seit etwa 1795. Hierzu parallel versucht Hans Michaelsen eine Periodisierung der Möbelkunst am Objekt, wobei er einen Prozess zunehmender Verfeinerung zwischen 1750 und 1780 konstatieren kann. Die feine Ausdifferenzierung, die er leistet, gehört zum Besten und wohl auch wirklich Neuen, was das Buch bietet: So werden um 1765 beim Furnier die Edelhölzer aus Kostengründen durch einheimische Arten ersetzt, wie sich auch um jene Zeit der geometrische Stil in eine illusionistische Form mit partieller Bemalung verwandelt. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre wird dann die Färbetechnik verfeinert, bevor sie in eine Marketerie „à la mosaique“ übergeht. Die dann gewissermaßen unübertrefflich feinteilige Flächenteilung durch extrem präzise Sägetechnik endet um 1780 im fast vollständigen Rückgang jeglicher Intarsie.

Das Oeuvre Davids wird erweitert, so durch ein Drehtabernakel in Mainz (das erste sakrale Werk, das ihm zugeschrieben wird und über das Diana Ecker und Paul Engelmann schreiben), Rosemarie Stratmann-Döhler untersucht Lieferungen an die Markgrafen von Baden und die Fürstbischöfe von Speyer für deren Residenz in Bruchsal. Achim Stiegel summiert die Verkaufs- und Lotterie-Reisen Roentgens und stellt die großen Schreib- und Kabinett-Möbel vor. Roentgen in „Dessau, Weimar und anderswo“ (Andreas Büttner) geht den Erwerbungsumständen an kleineren, aber geschmacklich stilprägenden Höfen nach, wobei unter „anderswo“ vor allem die Kaufmanns-Metropole Leipzig zu verstehen ist. Georg Himmelheber kann anhand von Briefen Johann Heinrich Mercks nachweisen, dass Ludwig XVI. den großen Kabinettschrank nicht (allein) aus technischem Interesse für dessen Mechanik erwarb, sondern dank geschäftlicher Diplomatie Roentgens. Auch geht Himmelheber den wieder verwendeten Intarsientafeln des 1824 zerstörten Möbelstücks nach.
Das spezifisch „Klassizistische“ an Roentgens Möbeln untersucht Ursula Weber-Woelk

Mechanik und Konstruktion werden durch Ulrich Leben eindrucksvoll vorgestellt. Wobei sich der Berliner Katalog „Präzision und Hingabe“ (von Achim Stiegel, SMPK 2007) als Ergänzung anbietet, weil hier die Roentgen-Möbel in ihrer ganzen Wandelbarkeit, also in den verschiedenen Stadien geschlossenen, geöffneten, geheimen und technischen Innenlebens gezeigt werden. Das, was nach den Roentgen kam, wird durch Johannes Klinckerfuß in Stuttgart (Wolfgang Wiese) und Johann David Hacker in Berlin (Marc Heincke) exemplifiziert. Das Buch endet mit den Herrenhutern und ihrem Sinn für die nützlichen Künste (Gerdi Maierbach-Legl). Insgesamt erweitert es unsere Kenntnis des genialen „Möbeltischlers“ und seiner Mitarbeiter erheblich und präsentiert sich auch optisch als Augenschmaus.
23.7.2009

Jörg Deuter
David Roentgen. Möbelkunst und Marketing im 18. Jahrhundert. Von Ecker, D. /Büttner, Andreas/Engelmann, P. /Heincke, M. /Himmelheber, G. /Leben, U. /Maierbacher-Legl, G. /Michaelsen, H. /Ottomeyer,H. /Stiegel, A. /Stratmann-Döhler, R. /Weber-Woelk, U. /Wiese, W. /Sulzbacher, Michael /Hrsg.: Büttner,Andreas /Weber-Woelk, Ursula. 256 S., 23 sw. Abb., 124 fb. Abb. 28 x 21 cm. Pb Schnell & Steiner, Regensburg 2009. EUR 49,90
ISBN 978-3-7954-2132-8   [Schnell & Steiner]
 
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