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Syrien und seine Nachbarn von der Spätantike bis in die islamische Zeit

Dieses Buch, das der Professorin für christliche Archäologie Christine Strube gewidmet ist, stellt mit seinen Beiträgen einen Reflex auf den Forschungsschwerpunkt von Christine Strube dar und soll zur weiteren Beschäftigung mit den künstlerischen und kulturellen Hinterlassenschaften Syriens anregen.
Der erste Teil des Bandes beschäftigt sich mit der Architektur und Baudekoration Syriens und Kilikiens und führt direkt in die syrische Hauptstadt Antiochia, zum sog. Eisernen Tor, ein Bau, der u. a. zur Regulierung der winterlichen Wasserfluten in der Parmeniosschlucht diente und der unter der Leitung von Gunnar Brands seit einigen Jahren detailliert aufgenommen wird. Ebenfalls mit städtebaulichen Fragen setzt sich der folgende Beitrag von Beat Brenk auseinander. Während der jüngsten Grabungen in Gerasa wurde nördlich der großen Treppe der Kathedrale ein von Portiken umgebener Hof ausgegraben, der als Wohnbau des Klerus gedeutet werden kann.
Drei Beiträge nehmen die Beziehungen zwischen Syrien und den Provinzen Kilikia I, Kilikia II und Isauria als unmittelbare nordwestliche Nachbarprovinzen Syriens in den Blick, darin werden wirtschaftliche und bautechnisch-künstlerische Verbindungen zwischen Kilikien und Syrien ebenso wie regionale Eigenständigkeiten der benachbarten Provinzen deutlich.
Das bedeutendste Pilgerzentrum Kilikiens, das Thekla-Heiligtum in Meriamlik, heute Ayatekla bei Seleukeia am Kalykadnos, ist Ausgangspunkt für weitere Fragestellungen. Die Bedeutung des Thekla-Heiligtums als zentraler Kultort der Spätantike ist für Kilikien gleichzusetzen mit der Bedeutung des Heiligtums des Symeon Stylites d. Ä. bei Antiochia. Auf der Grundlage alter Grabungsdokumentation rollt Gabriele Mietke die Datierungsfrage der Theklabasilika neu auf.
Im Beitrag von Urs Peschlow stehen Profanbauten im Vordergrund. Ausgehend von der Entdeckung, dass konstantinopolitanische Ziegelstempel auf Mauerziegeln erscheinen, die in der Region um Seleukeia/Meriamlik hergestellt wurden, stellt Peschlow den Zusammenhang zwischen der Produktionsstätte im Rauhen Kilikien und dem Export solcher Ziegel nach Berytos/Beirut auf. Die Konstantinopler Stempel nahmen offenbar „Gastarbeiter" in die Region um Meriamlik mit. Da die einheimischen Bauleute jedoch überwiegend die Hausteinbauweise kannten, waren ihnen die neue Anwendung so wenig vertraut, dass sie z. T. Dachziegel als Mauerziegel verwendeten.
Einen ganz anderen Zusammenhang, der die Verwendung von Gurtbögen betrifft, über denen Steinbalken zur Flachdeckung verlegt waren, stellt sich im Falle der Zisterne l im Thekla-Heiligtum bei Meriamlik dar, eine Bautechnik aus dem südsyrischen Hauran, oder in al-Andarin/Androna.
Regionale Entwicklungen und Eigenständigkeiten in der Hausarchitektur ist das Thema von Ina Eichner und stellt zwischen Syrien und Kilikien grundlegende Unterschiede in der Anordnung der Räume fest.
Peter Grossmann setzt sich mit Kirchenbauten auseinander, die sich auf den Gabal Barisa und die benachbarten Landschaften konzentrieren, und die anstelle einer Apsis einen rechteckigen Altarraum mit nach Osten abfallendem Pultdach aufweisen. Grossmann weist überzeugend nach, dass es sich um unvollendet gelassene Kirchen handelt.
Den Fragen der Baudekoration geht Philipp Niehwöhner nach und illustriert am fein gezahnten Akanthus mit fleischigem Blatt, dass die Stilentwicklung weder zwangsläufig noch zufällig passierte und man sich ihr nicht nur in der nordsyrischen Provinz ihrer bediente, sondern auch in der Hauptstadt Konstantinopel sich ihr nicht entziehen konnte.
Die Beiträge im zweiten Teil des Bandes beschäftigen sich mit Malerei und Fragen des Kultes und widmen sich vor allem kunst- und kulturhistorischen Fragen.
Mit dem berühmten ,Bapstisterium' von Dura-Europos beschäftigt sich der Beitrag von Dieter Korol, in Verbindung mit Matthias Stanke. Mittelpunkt des Beitrags bildet die David- und Goliath-Darstellung und Kurt Weitzmann stellte die These auf, dass diese Darstellung auf den gleichen Archetypus zurückzuführen sei wie eine Miniatur im Vatopedi-Fsalter (Athos, Vatopedi-Kloster/ cod. 761). Der Autor sieht in der bildlichen Darstellung die aktuelle politische Situation zwischen dem römischen und persischen Reich reflektiert. Die siegreiche Gestalt des jungen David kann von einem in Dura lebenden Christen wohl als eine Art Hoffnungsträger gegen die Übermacht der Perser angesehen worden sein.
Abgesehen von der Hauskirche in Dura Europos mit ihren Malereien aus dem 3. Jahrhundert sind bislang nur wenige syrische Ausmalungen nachgewiesen. Zu diesen gehört auch diejenige im Beltempel in Palmyra, der sich der Beitrag von Stephan Westphalen widmet, indem er u.a. bislang unregistrierte Darstellungen vorstellt und die bisherige Deutung revidiert. In seinem Beitrag geht Westphalen außerdem der Frage nach, wo die Kathedrale Palmyras zu lokalisieren sei. Neben der Kirche im Beltempel sind vier weitere Kirchenbauten aus Palmyra bekannt geworden, unter denen die Kirche II mit ihrem Baptisterium eine besondere Stellung einnimmt.
Syrien nimmt als Schauplatz der frühen christlichen Kirche einen wichtigen Platz ein. Ein bedeutender Vertreter der ostsyrischen Kirche war der Verfasser der bekanntesten Evangelienharmonie, Tatian. Dieser Evangelienharmonie (Diatessaron), deren Verwendung erst im 5. Jh. verboten wurde und bis in die Neuzeit nachwirkte, widmet sich Vasiliki Tsamakda indem er zunächst die komplizierte Geschichte der Textüberlieferung erläutert, um dann der Frage nach dem Einfluss von Tatians Diatessaron auf die frühe Evangelienillustration nachzugehen.
Am Ende stellt es sich heraus, dass das harmonistische Denken einen umfassenderen Einfluss auf die frühchristliche Kunst ausübte, als uns heute bewusst ist.
Wie sehr Syrien und Palästina als christliche Pilgerziele eine Rolle spielten, davon zeugen zahlreiche Pilgerandenken, die von Achim Arbeiter untersucht werden. Eine Sondergruppe der nahöstlichen Terrakotta-Eulogien aus einem Altardepot in Lusitanien fand in ganz Europa Verbreitung. Die Eulogien wurden in einem Reliquiar im Fußboden einer Kirche in Südportugal aufbewahrt und als die Altarweihe garantierenden Reliquien anerkannt. Darüber hinaus liegt ihre Bedeutung auch in den Bildthemen, die das Panorama der frühbyzantinisch-syropalästinensischen Vergleichsstücke um einiges erweitern.

Als syrische Besonderheit werden die extremen Askeseformen betrachtet, die im 5. Jh. im Stylitentum eine Steigerung erfahren. Dieses Themas nimmt sich Christine Stephan-Kaissis in ihrem Beitrag an. Sie untersucht die Darstellung eines Styliten aus dem 9. Jh. im Chludovpsalter und fragt nach der Rolle der Stylitenverehrung im Zusammenhang mit dem byzantinischen Bilderstreit.
Gerhard Wolf befasst sich am Ende des Bandes mit einer der wichtigsten Reliquien des Christentums, dem Mandylion, dem Abdruck des Antlitzes Christi. Dabei dienen ihm ein Text aus dem 4. Jahrhundert und ein Bildwerk aus dem 14. Jh. als Ausgangspunkte, um zwei Reisen vorzustellen, die sich mit der Abgarlegende befassen.

Zum einen handelt es sich um die Pilgerreise der Egeria und ihren Besuch in Edessa auf der Suche nach dem Grab des Apostels Thomas, als die Abgarlegende noch mit der späteren Tradition des Abgarbildes, des Mandylion, verbunden war. Die zweite Reise betrifft die Translation des Abgarbildes von Edessa nach Konstantinopel, wie sie auf dem Rahmen des Mandylion von Genua wiedergegeben ist, oder im letzen Bildfeld des Genueser Rahmens die wundersame Überfahrt des Mandylion über den Euphrat.

Ein Buch, das für die Wissenschaft von großem Nutzen sein dürfte. Laien hingegen bräuchten besondere Geduld beim Lesen der gut verständlichen Texte. Diese Geduld wird am Ende des Buches nicht nur mit einem Zuwachs an Wissen belohnt, sondern auch mit der Erkenntnis, dass archäologische Wissenschaft, trotz der akribisch geführten und notwendigerweise auch von Fachbegriffen begleiteten Darlegung von Fakten durchaus spannend sein kann.
3.02.2010



Gabriele Klempert
Syrien und seine Nachbarn von der Spätantike bis in die islamische Zeit. Hrsg. v. Eichner, Ina /Tsamakda, Vasiliki. 2009. 308 S., 92 sw Abb., 20 Karten und Pläne, 15 Zeichnungen, 1 Tabelle auf 54 Tafeln 24 x 17 cm. (Spätantike - Frühes Christentum - Byzanz. B Band 25) Gb L. Reichert Verlag, Wiesbaden 2009. EUR 98,00
ISBN 978-3-89500-674-6   [L, Reichert]
 
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