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Sahure – Tod und Leben eines großen Pharao

Einer der im Bewusstsein der Öffentlichkeit „großen“ Pharaonen ist Sahure (endbetont gesprochen) nicht, so wie etwa Ramses oder Echnaton. Er wird um 2490 v. Chr. für ein Dutzend Jahre über Ägypten regiert haben und ist in der heutigen Zeit weniger wegen wichtiger politischer oder militärischer Entscheidungen als vielmehr aufgrund zahlreicher baulicher Hinterlassenschaften bekannt. Die Skulpturensammlung im Frankfurter Liebieghaus verfügt über einige herausragende Reliefs von Bauten dieses Herrschers, die zusammen mit Objekten aus Berlin, New York, Heidelberg, München, Paris, Wien, Hannover, Bonn, Hildesheim, Bremen und Kairo zu einer einmaligen Ausstellung verbunden worden sind, die vom 24. Juni bis zum 28. November 2010 in Frankfurt a.M. zu sehen war.
Der hierzu erschienene, umfangreiche Katalog „Sahure – Tod und Leben eines großen Pharao“ ist vom Herausgeber Vinzenz Brinkmann erfreulicherweise nicht als ein reiner Quellennachweis der ausgestellten Stücke konzipiert worden, sondern wie ein Handbuch aufgebaut: Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Historie, der Kunstgeschichte und der Architektur jener Zeit sowie dem Nachleben des Königs und dessen Erforschung. Die Verfassernamen der einzelnen Beiträge garantieren einen hohen wissenschaftlichen Standard und gut lesbare Texte. Dies schließt die Qualität der Übersetzungen mit ein.
Ein erster Blick in das Buch zeigt ein übersichtliches und offenes Layout, eine durchweg hohe Bildqualität und einen klaren Druck – bereits dies macht den Band äußerst ansprechend. Den erläuternden Texten sind Grußworte der Sponsoren und Einleitungen der Organisatoren der Schau – Museumsdirektor Max Hollein, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung (a.D.) Zahi Hawass und Sammlungsleiter Vinzenz Brinkmann – vorangestellt. Religiöses und historisches Umfeld skizzieren Michel Baud (S. 31-43) und Miroslav Verner (S. 45-55). Baud beschränkt sich dabei nicht alleine auf die 5. Dynastie, der Sahure angehört, und ihrer solaren Theologie, sondern bezieht in seine Darstellung erkennbare Anfänge des Sonnenkultes früherer Dynastien mit ein. Verner (ihm ist u. a. die inzwischen verbindlich gewordene Königsabfolge Sahure-Neferirkare-Kakai-Neferefre zu verdanken, vgl. im Katalog S. 23 mit Aufstellung der revidierten Chronologie nach Hornung / Krauss / Warburton) bringt in seinem Aufsatz noch einmal die gesamte Problematik der familiären Verbindungen der 4. auf die 5. Dynastie und innerhalb der 5. Dynastie zur Sprache, und er diskutiert mögliche Familienbande, die sich aus Namen, Wahl der Bestattungs- und Kultorte usw. ergeben. Die Königinnen namens Chentkaus stehen hierbei im Fokus seiner Betrachtung. Michael Höveler-Müller geht in seinem Beitrag (S. 57-65) auf Titulatur und Namen des Sahure ein. Leider fehlt die Anbindung an den Text von Verner, und auch die angeführten Fallbeispiele sind teilweise zeitlich weit von der Herrscherzeit Sahures entfernt, was deren Relevanz fraglich erscheinen lassen kann. In der Erläuterung als „zweifellos“ oder „keinesfalls“ Apostrophiertes hätte zurückhaltender formuliert werden sollen, denn die Untersuchungen zu jener Zeit beruhen auf einem schmalen Erkenntnissteg. Ferner sind die Zitate 3 und 4 nur flüchtig ihrer Quelle entnommen. Die rundbildlichen Darstellungen der Pharaonen der 4. und 5. Dynastie stellt umfassend Hourig Sourouzian dar (S. 69-83). Ihren detaillierten Beschreibungen kann der Leser sicher gut folgen, ebenso den von ihr aufgezeigten Veränderungen unter den verschiedenen Herrschern, angefangen bei Snofru, endend bei Niuserre. Gleiches gilt für den lesenswerten Beitrag von Dorothea Arnold (S. 85-97), der die Reliefkunst in den königlichen Bauten des Alten Reiches abhandelt. Ausgehend von den Figurenschemata zeigt sie die Entwicklung hin zu den großen Kompositionen ganzer Wandflächen und beschreibt deren Einbindung in ihren architektonischen Rahmen. Die Forschungsgeschichte Abusirs, wo der bedeutende Taltempel Sahures stand, setzt Zahi Hawass in einen kulturhistorischen Kontext (S. 101-107): Er beschreibt Ludwig Borchardts akademische Laufbahn, seinen Weg nach Ägypten und seine Ausgrabung in Abusir in Art einer Gesamtschau. Hawass rekonstruiert anhand Borchardts Publikation „Das Grabdenkmal des Königs Sahure“ die ehemals angebrachte Wanddekoration des Totentempels, die er mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen der Grabung unterfüttert. Hawass’ Eigentümlichkeit, Forschungsberichte und eigene, individuelle Vorhaben textlich zu vermischen, wodurch der Eindruck entsteht, hier arbeite er demnächst selbst daran, obwohl er stets arbeiten lässt, münden angesichts seiner Entlassung im Zuge der Februarrevolution 2011 skurril an. Blickt man nämlich auf sein Gesamtwerk zurück, ist abgesehen von seinen Ankündigungen nichts Nennenswertes publiziert worden. Dem Mikrokosmos Borchardt hat sich Susanne Voß gewidmet (S. 108-121). Sie hat Grabungstagebücher, Abrechnungen und vergleichbares Material ausgewertet. Darauf aufbauend skizziert sie äußerst anschaulich, was eine Grabung Anfang des 20. Jahrhunderts logistisch, diplomatisch und organisatorisch allen Beteiligten abverlangte. Zahlreiche Fotografien und Reproduktionen verschiedener Dokumente untermauern den Text aussagekräftig, inklusive einer Wiedergabe des Teilungsvertrags und der persönlichen Korrespondenz Borchardts. Ergänzend hierzu ist der Beitrag von Cilli Kapser-Holtkotte zur Geschichte der Familie Cohen in Frankfurt zu lesen (S. 122-141) (in der Ausstellung war dieser Abschnitt – weniger beachtet – im Kellergeschoss des Liebieghauses untergebracht). Borchardts Mitarbeiter, dem Bauforscher Uvo Hölscher, hat Christian E. Loeben einen eigenen Beitrag widmen können (S. 143-151). Pläne und Rekonstruktionszeichnungen aus Hölschers Feder haben maßgeblich das moderne Bild altägyptischer Architektur bis Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Topografie Abusirs ist Thema im reich bebilderten Artikel von Miroslav Verner (S. 152-165). Darin stellt er die bedeutendsten Gräber und Bauwerke des gesamten Areals vor. Zeitlich schließt er, über die Epoche Sahures weit hinaus, auch die Schachtgräber der Saiten- und Perserzeit mit in seine Darstellung ein. Nach diesen allgemeineren Vorbemerkungen analysiert Rainer Stadelmann die Pyramidenanlage des Sahure in Abusir (S. 169-181). Dabei beschreibt er die Lage und Funktion sowohl des Pyramidenbezirks wie auch die des Sonnenheiligtums. Die Dekoration der Anlage rekonstruiert anhand der heute im Ägyptischen Museum Berlin aufbewahrten Reliefblöcke Dietrich Wildung (S. 183-195). Ein stark unreflektiertes Bild über das alte Ägypten begegnet dem Leser im Beitrag von Tarek Al-Awadi (S. 197-207). Dies wird gleich zu Beginn seines Artikels deutlich, wenn er mit Aussagen wie „Die […] Reliefszenen […] lassen keinen Zweifel, dass der zweite Pharao der 5. Dynastie im Kreis seiner Familie eine friedliche Regierungszeit erlebte“ alle Forschungen zur Reliefkunst Lügen strafen will. Denn nach allgemeiner Lehrmeinung bilden altägyptische Reliefs nicht Wirklichkeiten, sondern stets Idealzustände ab (beides kann sich überschneiden, jedoch ist dies nie zwangsläufig, womit die These Al-Awadis keine Grundlage besitzt). Lässt man die Deutungen beiseite und konzentriert sich auf die Beschreibungen, kann man auch diesen Abschnitt dennoch mit Gewinn lesen. Felix Arnold bereitet in seinem Beitrag die Raum- und Lichtwirkung für die Leserschaft auf (S. 209-215). Da Punktstrahlen im alten Ägypten nur über die Leuchtkraft der Sonne in einen Kernbau einzubringen waren, zeigen sich gerade in der Austaxierung der Beleuchtung architektonisch-revolutionäre Entwürfe besonders deutlich. Die Konservierung, beschrieben von Thomas Lucker, schlägt die Brücke aus der historischen Betrachtung hinein in die Gegenwart, was alles zu tun ist (und getan wurde), das pharaonische Erbe Sahures zu bewahren (S. 217-221). Auf der Grundlage ihrer Qualifikationsarbeit beschreibt nochmals Susanne Voß den Tempeltyp des Sonnenheiligtums (S. 225-233). Diese im sog. Alten Reich zeitlich nur eng begrenzt gebaute Architektur ist auch religionshistorisch eine Besonderheit: Hier scheinen Opferweihungen erstmals an einem vom Grab losgelösten, separaten Ort vorgenommen worden zu sein. Klaus Finneiser stellt ergänzend dazu entsprechende Reliefszenen vor (S. 234-247). Die in Abusir aufgefundenen Papyri, die als Rollen oder fragmentarisch erhalten geblieben sind, behandelt Miroslav Verner (S. 251-263). Inzwischen auf eine Vielzahl europäischer Museen verteilt, geht der Verfasser in seinem Beitrag auf die Entdeckungs- und Forschungsgeschichte sowie kursorisch auf die Inhalte der Texte ein. Größtenteils sind es Dokumente der Buchhaltung, die viel über die Mechanismen der Tempelverwaltung jener Zeit und die Organisation der Priesterschaft verraten. Hervorragende Abbildungen bebildern den Artikel. Das Zeitgeschehen der 5. Dynastie beleuchtet Hartwig Altenmüller in seinem Aufsatz über die Erzählungen des Papyrus Westcar (S. 264-273). Der Untertitel verrät bereits alles: „Geschichte am Hof des Königs Cheops und die Prophezeiungen der Geburt der Könige der frühen 5. Dynastie als Söhne des Sonnengottes“. Das Nachleben des Sahure, von Dietrich Wildung geschildert (S. 275-277), leitet zu dem ausführlichen Katalogteil über (S. 280-337), der in seiner Präsentation und den beschreibenden Texten vorbildlich ist. Ein obligatorisches Literaturverzeichnis und das Impressum beschließen den Band.
Pharao Sahure und seine Zeit haben mit diesem Katalog ein ansprechendes Referenzwerk bekommen, welches weder inhaltlich noch seitens der Aufmachung einen gravierenden Makel erkennen lässt. Eine übersichtliche Struktur, namhafte und kompetente Autoren, sehr gute Übersetzungen (Birgit Lamerz-Beckschäfer, Bernd Weiß und Wolf B. Oerter), hervorragende Fotografien und ein kompetenter sowie erfahrener Verleger, der in der Lage war, ein Überformat zu einem erschwinglichen Preis zu produzieren, lassen diese Ausstellung weit über ihre Präsentation hinaus im Gedächtnis ihrer Besucher sein. Wer den Weg nach Frankfurt a.M. in das Liebieghaus nicht finden konnte, hat mit dem Kauf des Katalogs einen adäquaten Ersatz. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sahure wird diesen Katalog nicht übergehen können; er wird Ausgangspunkt aller weiteren Forschungen sein müssen. Mehr Qualität als „Sahure – Tod und Leben eines großen Pharao“ kann ein Katalog nicht haben.

18.09.2011
Orell Witthuhn
Sahure. Tod und Leben eines großen Pharao, Katalog zur Ausstellung. Hrsg.: Brinkmann, Vinzenz. 288 S. 300 fb. Abb. 30 x 24 cm. Hirmer, München 2010. EUR 39,90. CHF 62,90
ISBN 978-3-7774-2861-1
 
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