KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Der radikale Narr des Kapitals. Jeremy Bentham

Schaut man unter Wikipedia nach, steht der Begriff „Panoptikum“ sinngemäß für „Etwas umfassend sehen, schauen können“. Auf den Namen „Jeremy Bentham“ weitergeleitet stößt man auf die von Bentham entworfene Gefängnisbauweise „panopticon“.
Doch hier sollte man Halt machen, denn was dann folgt, stimmt nicht mit dem überein, was Christian Welzbacher in seinem Buch „Der radikale Narr des Kapitals“ berichtet.

Jeremy Bentham, ein Zeitgenosse Goethes, war keineswegs derjenige, der Gefangene bis zur körperlichen und psychischen Erschöpfung auszubeuten und zu drangsalieren trachtete. Betrachtet man diesen ersten „Sozialphilosophen“ aus dem Zeitgeist heraus, ergeben seine Vorstellungen über die Behandlung straffällig gewordener Menschen ein anderes Bild.
Mit Akribie und einem Schuss Humor hat Christian Welzbacher die Schriften Benthams „Panopticon“ or „The Inspection-House“ und sein letztes Werk „Auto-Ikone“ neu gelesen und interpretiert.

Wenn Johann Wolfgang Goethe seinen ihm geistesverwandten Bentham in einem Gespräch mit Peter Eckermann als „radikalen Narr“ bezeichnet, trifft das auf Zweierlei zu. Erstens, dass Bentham eine radikale und völlig neue Sozialethik einführte – dennoch gilt Bentham als Begründer des Utilitarismus – mit dem Ziel, den Gefangenen als belehrbaren und zu bessernden Menschen zu verstehen, was nicht zuletzt dazu führen sollte, diesen wieder als nützliches Wesen zu gestalten. Architektonisch entwarf er dazu, angelehnt an die russischen Arbeitshäuser des Feldmarschalls Potjomkin, eine Art antiken Theaterbau in dessen Mitte sich ein für die in den Zellen rundum arbeitenden Gefangenen ein uneinsehbarer Beobachtungsturm befand. Die Beobachtungen des Bewachers sollten nach Bentham dazu dienen, die Entwicklung des Gefangenen zu beobachten und zu dessen Wohl und zum Wohl der Effizienz seiner Arbeit zu verbessern. Schließlich lag Bentham daran, die Gefangenen nicht zu brechen, sondern sie zu bessern, was im ausgehenden 18. Jahrhundert absolut neu war. In seinen Zeichnungen, die er für ein Frontispiz anfertigte, tritt dann logischerweise ein Auge auf, das Auge Gottes, obwohl er mit der Kirche so gar nichts gemein hatte.

Zweitens galt Bentham nicht nur als radikal, sondern auch als ein Narr, indem man seine in Architektur umgesetzte Philosophie einfach nicht ernst nahm. Dass er zudem als außerordentlich exzentrisch galt, war zu dieser Zeit in England nichts Ungewöhnliches und wurde von der Elite eher als eine Belobigung, denn als Beleidigung empfunden. Benthams Panoptikum wurde nie gebaut, er kassierte lediglich eine Abfindung.

Ebenso radikal und „närrisch“ war sein letztes Werk, die „Auto-Ikone“. Ganz im Sinne seines Panoptikums, sowohl gesehen zu werden als auch sehend, hat er sich nach seinem Tod mumifizieren lassen. Da sein Kopf aus technischen Gründen nicht das hergab, was er einst darstellte, ersetzte man diesen durch ein Wachsmodell. Auf derlei Art noch heute ausgestellt blieb er seiner Philosophie über den Tod hinaus treu. Sein geschrumpfter Kopf, der ihm ursprünglich zu Füßen lag, liegt inzwischen im Kühlhaus.

Was hat das Buch mit Kunst zu tun? Abgesehen von der Idee einer Architektur Benthams ging es dem Autor darum, mit kunsthistorischer Methodik das Phänomen einer Realität gewordenen Philosophie zu untersuchen, insofern sind Benthams Schriften ein Thema der Bildwissenschaft.

Das Buch ist keine leichte Kost, aber durch den von Welzbacher immer wieder eingeflochtenen Humors gelingt es dem Leser, eine gewisse Distanz zu den Methoden des Gefangenseins im 18. Jahrhundert herzustellen. Stellt man sich daneben die grausame Effizienz deutscher Gefängnisse und KZ’s während des Nationalsozialismus vor, mildert sich die Kritik an Benthams Reformideen. Aus dem Blickwinkel seiner Zeit war Bentham nicht nur radikal, sondern revolutionär, wenngleich er mit der Französischen Revolution durchaus Probleme hatte.

Christian Welzbacher hat mit diesem Buch die Sicht auf Bentham in ein neues Licht gestellt. Zeit also Jeremy Bentham zu rehabilitieren, oder wenigstens zu relativieren und den Wikipedia-Eintrag zu korrigieren.



Gabriele Klempert
Welzbacher, Christian. Der radikale Narr des Kapitals. Jeremy Bentham, das „Panoptikum“ und die „Auto-Ikone“. 219 S. Abb. Br. Matthes & Seitz, Berlin 2011. EUR 14,80.
ISBN 978-3-88221-570-0
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]