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Turquerie and the Politics of Representation

Eine Moschee im Schwetzingen, gebaut von einem Franzosen für einen christlichen Pfälzer. Ein badischer Landesfürst in türkischer Tracht. Ein türkischer Kiosk in München, dessen Name „Pagodenburg“ an China erinnert. Dies sind nur drei Beispiele einer Vielzahl europäischer – gebauter und gemalter – Kulturgüter, die von außereuropäischen Kulturen inspiriert sind. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert entstanden viele Gebäude und Werke, die heute von der Forschung gerne als „exotisch“ oder „chinoise“ bezeichnet werden. Doch trotz der Fülle an Beispielen gibt es häufig nur zwei Erklärungen für die europäische Orientierung an anderen Kulturen: Die politische Ikonographie bietet für’s 18. Jahrhundert die „Toleranz“ an, die bauende Herrscher vermeintlich demonstrieren wollten, indem sie außereuropäische Bauformen bedienten. Ansonsten gilt, dass Bauherr und Künstler kaum zwischen den verschiedenen Kulturkreisen differenzierten, sondern die „andere“ Kultur als Gegenbild zur eigenen rationalen als ursprünglich, paradiesisch, emotional verklärten. Seitdem Edward Said in seinem Buch „Orientalismus“ eine solch eurozentrische Perspektive als intellektuellen Nährboden zur Kolonisierung des Nahen Ostens beschrieben hat, gerät schnell jedes exotisch anmutende Werk in den Verdacht, Zeugnis geistiger Brandstifter zu sein.

Mit dem Buch „Turquerie and the Politics of Representation, 1728-1876“ liegt jetzt eine Arbeit vor, die gegen verallgemeinernde Erläuterungen erfolgreich anschreibt. Die Autorin Nebahat Avcioğlu zeigt auf, wie wählerisch Europäer vorgingen, die sich mit Fremden – und bereits hier differenziert die Autorin – nämlich mit „türkischer“ Architektur schmückten. Avcioğlu konzentriert sich dabei auf wenige Personen und Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts, untersucht diese jedoch umfassend. Die Architektur des vertriebenen Polenkönigs Stanislaus Leszczyński (1677-1766) in Zweibrücken und Lunéville, die Gebäude in Vauxhall und Kew, errichtet durch den Prinz of Wales Friedrich Ludwig (1707-1751) und Davis Urquharts (1805–1877) Kampf für die Einführung des türkischen Bades in England sind ihre Hauptuntersuchungsgegenstände.

Zur ersten Einordnung werden jeweils die Bauten sowie ihre türkischen Vorbilder beschrieben. Hier kann Avcioğlu mit ihrer fundierten Kenntnis der türkischen Architektur zeigen, dass die türkischen Referenzbauten bestens ausgewählt worden waren und es sich vor allem um Herrscherarchitektur handelt: So war zum Beispiel die in Europa zu findende Idee einer Moschee das Abbild der Sultansmoscheen Istanbuls. In ihrer Analyse, wie die europäische Architektur nach türkischen Prototypen entstand, berücksichtigt die Autorin nicht nur reale Bauten, sondern diverse zeitgenössische schriftliche und bildliche Quellen. Zu nennen sind hier Reiseberichte, medizinische Schriften, Briefe, aber auch Porträts und graphische Darstellungen in Reiseberichten und Architekturbüchern. Der Leser bekommt somit trotz der Konzentration auf wenige Bauten ein umfassendes Bild der Epoche und ihrer Architektur vermittelt.

Einen weiteren Schwerpunkt legt die Arbeit auf die persönlichen Motive für den jeweils gewählten Türkeibezug, der zumeist in der Biographie der Auftraggeber angelegt war. Dabei wird deutlich, dass es bereits im 18. Jahrhundert eine intensive, sehr ernsthafte Auseinandersetzung Europas mit der türkischen Kultur gab, nicht zuletzt, da die Türkei und ihre Bewohner als wahre Nachfolger der antiken Zivilisationen gesehen wurden. So steht am Ende des vorliegenden Buches eine Umdeutung von Edward Saids These: Die Türkei (beziehungsweise das Osmanische Reich) erscheint als Herrschaftsbereich, der Europäern als zivilisiertes Gegenüber entgegentritt. In dieser Form kann die „Turquerie“ dem exilierten Polenkönig ebenso wie dem englischen Thronfolger zur legitimierenden Repräsentation seines innereuropäischen Status dienen, ja sogar sein Anrecht auf die Königswürde darstellen.

Nur ein winziger Makel bleibt an diesem rundum gelungenen Buch zu beklagen: Die Gliederung des Inhalts unter die Schlagworte „Kiosk“, „Moschee“, „Hamam“ weckt die Erwartung an eine universalen Behandlung dieser Bautypen. Eine solche ist jedoch durch die notwendige Konzentration auf wenige Bauherren und Gebäude nicht zu erreichen.

21.05.2012
Vera Herzog
Turquerie and the Politics of Representation, 1728–1876. English. 338 S., 17 co. and 86 bw. Illustrations. 24 x 17 cm, Gb. Ashgate, Farnham, Surrey GB. 2011. £ 70,00. Website price:
£ 63,00. www.ashgate.com
ISBN 978-0-7546-6422-2
 
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