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Dürer - Kunst - Künstler - Kontext

Der Gesprächsstoff Dürer hat Konjunktur. Letztes Jahr in Nürnberg der „junge“ bzw. „frühe“, heuer in Frankfurt der Künstler im „Kontext“. Und nicht nur das: Die Dürer-Forschung blüht und zeitigt handfeste, oft auf technischen Untersuchungen gegründete Erkenntnisse – die allerdings, wie könnte es anders sein, neue Fragen hervorbringen. Zu allem Überfluss brachte im April 2012 der 99-jährige Peter Strieder (der 2013 zehn Tage vor seinem hundertsten Geburtstag verstarb) noch die 3. Auflage seines großen Überblicks-Werks heraus, das die zahlreichen „Dürer-Fragen“ in lesefreundlicher Gelassenheit aufzeigt.

Der Katalog zur Ausstellung im Frankfurter Städel (23.10.2013 - 02.02.2014) begleitet mit Essays die Schau, die in einer Mischung von Lebenslauf und Haupt-Themen das Werk durchstreift. 280 Exponate, davon 200 von Dürer werden in 16 Stationen gezeigt und im Katalog von 14 Autoren besprochen. Zwar fehlen etliche berühmte Stücke schon deshalb, weil sie nicht mehr reisefähig sind, umso faszinierender ist es, vielen kaum gesehenen Arbeiten zu begegnen, und zwar in erhellendem Kontext.

Zwei altbekannte Dürer-Fragen werden in Frankfurt „nur“ umkreist (bzw. umgangen): Gab es eine frühe Reise Dürers in die Niederlande und gab es zwei Venedig-Reisen Dürers oder endete die erste schon in Tirol?
Für mich eine Enttäuschung und eine Überraschung gab es auf der Suche nach Antwort in der „Fürlegerinnen-Frage“ (die beiden Junge-Frauen-Tüchleinbilder von 1497 in Berlin und im Städel mit Fürleger-Familienwappen). Galt nach meiner Wahrnehmung Dürers Autorschaft an dem bezaubernden Frankfurter Bildnis noch als ungeklärt, so wird sie hier fraglos vorausgesetzt. Für mich überraschend: Die Pflanzen in der Hand des 22-jährigen Dürer in seinem Selbstbildnis von 1493 – mit dem er sich seiner künftigen Frau Agnes Frey empfehlen wollte –, bisher als „Männertreu“ (Eryngium) bestimmt, entpuppten sich (schon anlässlich der Nürnberger Ausstellung) als Erotik-konnotiertes „Sternkraut“. Nun weist Jochen Sander darauf hin, dass in der Hand der „Berlinerin“ die Symbolik des Sternkrauts noch durch Stabwurz in Richtung „Liebeszauber“ verstärkt wurde.

Der wohl wichtigste Katalog-Beitrag stammt von Stephan Kemperdick (Berliner Gemäldegalerie), mit den Fragen um das Porträt der Mutter Dürers von 1490 und dem als Pendant gesehenen Porträt des Vaters, aus den Uffizien. Auf mehrere Gründe stützt sich Kemperdicks Vorschlag, das florentiner Bild als Selbstporträt des Vaters anzusehen. Dazu passt auch die Idee (die Jochen Sander im ersten Beitrag nur knapp erwähnt), dass die Mitteltafel des Dresdner Tüchlein-Triptychons von Vater Dürer stammen könnte. Spannend ist auch die Betrachtung der Gesellenzeit Dürers am Oberrhein, wenn die Frage nach Dürers Autorschaft an den Holzstöcken zu den Terenz-Texten und an dem Gemälde „Auffindung des ertrunkenen Knaben aus Bregenz“ in den Blick kommt. Geradezu amüsant zu lesen ist der Essay zu den „Meisterstichen“, speziell zur „Melencolia I“, weil er souverän die Heerschar der Überinterpretationen partiell nutzt, aufspießt oder gleich ganz beiseite lässt.
Allenthalben finden sich in den Essays scheinbare „collateral effects“ wie die Feststellung Kemperdicks, dass die Silberstift-Technik, die Vater Dürer aus den Niederlanden kannte, dort verbreitet, in Franken und damit Nürnberg aber ungebräuchlich war.

Der größte Clou der Ausstellung ist natürlich die Rekonstruktion des Heller-Altars mit Flügeln und Auszügen, darunter Grünewalds Grisaillen. Dürer selbst hat den Rang seines Beitrags, der zentralen Mitteltafel mit der Himmelfahrt und Krönung Mariä, oft schriftlich betont. Seine vielen Vorarbeiten dazu, die für unsere Augen oft selbstständige Kunstwerke sind, beweisen seinen Ehrgeiz und entzücken den Besucher der Ausstellung: statt der „Betenden Hände“ aus Wien darf man sich in Frankfurt an den „Füßen eines knienden Apostels“ ergötzen.

Bis diese Ausstellung und besonders die Beiträge im Katalog aufgearbeitet sein werden, ist viel Dürer-Literatur nachzujustieren, bleibt der Gesprächsstoff wohl unerschöpflich. Gut so.

Der frühe Dürer. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum 2012. Hrsg.: Hess, Daniel; Eser, Thomas. 2012. 604 S. 230 fb. Abb. im Text, 202 fb. Abb. 28 x 23 cm. Gb. EUR 46,00 ISBN 978-3-936688-59-7

Strieder, Peter: Dürer. 400 S., 481 meist fb. Abb. 33 x 25 cm, Leinen mit Schuber. Langewiesche Verlag, Königstein 2012. EUR 68,00 ISBN 978-3-7845-9142-1


10.12.2013
Hans-Curt Köster
Albrecht Dürer. Seine Kunst im Kontext ihrer Zeit. Hrsg.: Sander, Jochen. 400 S. 315 fb. Abb. 28 x 23 cm. Gb. Prestel Verlag, München 2013. EUR 59,00. CHF 78,90
ISBN 978-3-7913-5318-0
 
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