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Aufklärung – Das deutsche 18. Jahrhundert – Ein Epochenbild

Um Kunst und Kultur einer Epoche besser einordnen zu können empfiehlt sich der Blick auf die Literatur jenseits des Kunstbuchs – am besten auf die großen geistesgeschichtlichen Überblickswerke, von denen, dank Profilierungsdrang heutiger Professoren, in regelmäßigem Abstand immer neue erscheinen. „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert. Ein Epochenbild“ bietet sich im Hinblick auf das 18. Jahrhundert geradezu idealtypisch an: Das Buch ist in seiner Stoßrichtung umfassend angelegt, da es nicht von politischen, sondern geistesgeschichtlichen Zusammenhängen ausgeht, um das 18. Jahrhundert im kleinstaatlich zersplitterten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in einem ganzheitlichen Sinne zu begreifen. Kulturgeschichtsschreibung im besten Sinne, sollte man meinen.
Der Autor Steffen Martus ist von Haus aus Germanist und Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Man merkt seinem über 800 Druckseiten umfassenden Text an, dass er vor allem zur Literatur einen unmittelbaren Zugriff hat. Das gilt für die spätbarocken Gesänge der Pietisten und Lutheraner genauso wie für Klopstock und Lessing, Goethe und Schiller, aber auch – Lichtenberg und Kant – für die Philosophen, auf die der Terminus „Aufklärung“ zurückzuführen ist, vor allem die legendäre Definition ihres Wesens, nämlich den von Martus einleitend zitierten Merksatz: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Alles Philologische – und das betrifft nicht allein publizierte Texte, sondern auch Zeitschrifteneditionen, Verlagsgeschichten, Medienzusammenhänge, Zensuraspekte – seziert der Autor ausgiebig und eindringlich. Und das ist, zumal für den nichtgermanistischen Leser, erhellend.
Aber damit stößt man auch schon zu einem Problem vor, das den Band als Ganzes kennzeichnet. Martus ist kein Mann der knappen Charakterisierung. Er sucht sein Argument in kreisenden Bewegungen. Er textet lang und breit, bisweilen textet er sich auch um Kopf und Kragen. Und da es unfein ist, einem Akademiker bei der Suche nach dem Wort, dass ihm fehlt, über die Schulter zu schauen, schaut man lieber weg – und schon hat Martus seinen Leser verloren. Anders gesagt: Ohne Intensivlektorat hätte man einen solchen Autor nicht auf den Buchmarkt loslassen dürfen: Sein Werk ist noch nicht reif. Das gilt im Großen wie im Kleinen – bis hin zu Formulierungsschwächen.
Der erste Teil des Bandes – er besteht aus insgesamt vieren – zeigt einen wesentlichen Knackpunkt: 250 Druckseiten für eine einführende Erzählung, die anhand dreier Beispiele stellvertretend für den Adel (der Berliner Hof unter König Friedrich I. in Preußen), die Gelehrten (die Berliner Akademie) und das Bürgertum (Casus Hamburg) die politisch-sozialen Rahmenbedingungen für die Herausbildung der Frühaufklärung schildert. Martus sucht einen erzählerischen Zugang. Er schildert plastisch Ereignisse und Charaktere (so etwa den preußischen König und seine Motivation zu Selbstkrönung in Königsberg 1701). Das ist gut und richtig. Aber es ist jedes Mal zu lang und zu umständlich. Und das gilt für die daran anknüpfende Interpretation, deren Aussage alle paar Seiten gebetsmühlenartig wiederholt wird, genauso. Die Folge: Redundanz. Das Buch, so merkt man bald, ist also nicht etwa so dick, weil es das umfassende „Epochenbild“ verlangt hätte, sondern weil es unbefriedigend strukturiert ist. Hätte man sich getraut 300 Druckseiten wegzuhobeln, um die Pointen des Textes an der jeweils richtigen Stelle rauszukitzeln, so wäre das ein erster richtiger Schritt gewesen. Aber dazu fehlten vielleicht – wir wissen es nicht – Zeit, Mut, Mittel.
Was bleibt? Es bleibt der Ansatz zu einem Buch, das hätte gut werden können. Die Grundidee, Aufklärung den Sphären der Philosophie zu entreißen und sie stärker als politisches – und in zweiter, für uns relevanterer Instanz als kulturpolitisches – Projekt darzustellen, ist sehr brauchbar – und das wird im Verlauf des Bandes trotz der Längen auch immer wieder deutlich. Denn erst dadurch bekommen die zwischen Buchdeckel gepressten Konzepte der aufklärerischen Denker ein Leben: Indem man zeigt, wie sie sich verselbständigten. Wie sie „nutzbar“ gemacht wurden in einer von Ränke und Ranküne, Kabale und Krieg, Herrschsucht und Händel geprägten Epoche, indem der eine Fürst den anderen, vermeintlich unaufgeklärten aussticht. Genau hier spielte dann, das lässt sich aus Martus’ Buch begreifen, das alles bestimmende Zeremoniell eine Schlüsselrolle: Die alles durchdringende Inszenierungskunst des höfischen Lebens, zu der eben auch die Kunst selbst, und die Architektur, die Gartengestaltung, das Theater, die Oper, Literatur, Religion, Universität etc. pp. gehörten – und die wir eben nicht verstehen können, ohne ein Bild von der Epoche insgesamt zu haben. Dieses müssen wir uns jedoch besser, vor allem: konziser an anderer Stelle verschaffen. Das ist schade.

22.01.2016
Christian Welzbacher
Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert - ein Epochenbild. Martus, Steffen. 1040 S., zahlr. Ab. 22 x 14 cm, Gb. Rowohlt Verlag, Berlin 2015. EUR 39,95 CHF 48,50
ISBN 978-3-87134-716-0
 
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