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Van Gogh – Die Briefe

„Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele“

Das Originäre eines Malers sind seine Farben und die Leinwand, doch einige, wenige von ihnen haben neben einem faszinierenden künstlerischen Oeuvre Eindrucksvolles mit ihren geschriebenen Worten hinterlassen. Wen würden wir heute zu den bedeutendsten briefeschreibenden Künstlern zählen? Vielleicht die Malerin Paula Modersohn-Becker, doch mit Sicherheit den wort- wie farbgewandten Ausnahmekünstler Vincent van Gogh: „Es gibt so viele Leute, vor allem unter den Freunden, die glauben, dass die Worte nichts sind. Im Gegenteil, nicht wahr, es ist genauso interessant & genauso schwer, eine Sache gut zu sagen, wie eine Sache zu malen“, beschrieb Van Gogh anschaulich sein stetes Ringen um die beste Formulierung, die für ihn alles andere als eine Nebensächlichkeit war, in einem Brief vom 19. April 1888 an seinen Malerkollegen Emile Bernard (Brief Nr. 599f, S. 679).
In diesem Herbst ist nun eine umfangreiche Liebhaber-Ausgabe der Briefe des Künstlers erschienen. Der gewichtige Prachtband von biblischem Umfang (über 3kg, 1056 leinengebundene Seiten mit zwei farbigen Lesebändchen und serviert in einer Schuberschlaufe) basiert auf der 2009 veröffentlichten, auf 15-jähriger Forschungsarbeit beruhenden Neuedition sämtlicher Briefe des Künstlers, die vom Van Gogh Museum und dem Huygens Institut für Niederländische Geschichte erarbeitet wurde und die in einer sechsbändigen Ausgabe (engl., ndl., und frz.) vorliegt. Weiterführend sei hier unbedingt auf die frei zugängliche Online-Datenbank des Editionsprojekts der Briefe verwiesen (www.vangoghletters.org), welche die Lektüre der vorliegenden Ausgabe, die auf ergänzende Anmerkungen oder Werkbezüge verzichtet, um ein Vielfaches (Faksimiles der Briefe, Übersetzungen, Anmerkungen, Werkbezüge usw.) zu erweitern vermag.
Wer den bibliophilen Genuss sucht, ist mit der vorliegenden Neuerscheinung „Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele“ bestens beraten. Nach einer Kurzbiografie des Künstlers sowie einigen Vorbemerkungen der Herausgeber ist der Aufbau chronologisch nach den Schauplätzen der wechselvollen Lebensstationen des Malers gegliedert. Der Band versammelt 265 der 903 erhaltenen Briefe Vincent van Goghs, die dieser zwischen 1872 und 1890 verfasste und die heute – bis auf wenige Ausnahmen – Eigentum der Vincent van Gogh Foundation sind. Zu den Adressaten gehören neben seinem Bruder Theo sowie ein paar anderen Verwandten auch die Künstlerfreunde Emile Bernard und Paul Gauguin, wobei das Namensregister im hinteren Buchabschnitt eine gezielte Recherche ermöglicht. Neben der Briefnummer, die sich mit der Web-Fassung deckt, gibt ein kleines „f“ „n“ oder „e“ jeweils zu erkennen, aus welcher Sprache der Brief ins Deutsche übersetzt worden ist, wobei Van Gogh spätestens seit seinem Aufenthalt im provenzalischen Arles seine Briefe (auch an seinen Bruder Theo) zumeist auf Französisch verfasste. „Qu’importe donc si son style n’est pas correct, il est vivant, et notre indulgence y saura mettre sa délicate attention“, beschreibt Bernard seinen Eindruck von lebendigen Sprache des Freundes, trotz der kleinen Fehler, die diesem in der Fremdsprache unterliefen (vgl. Lettres à Bernard 1911, S. 42).
Dass die Briefe des Künstlers weit mehr als bloße Berichterstattung von Ereignissen enthielten, sondern intime Einblicke in das Seelenleben eines Jahrhundertkünstlers geben, war schon früh erkannt worden. Verschiedenste Briefausgaben sind seit dem Tod des Malers publiziert worden und haben zu seiner Popularisierung beigetragen. Die Wegmarken der Van-Gogh-Brief-Editionen benennen die Herausgeber ebenfalls in ihren prägnanten Vorbemerkungen „Briefe mit einer Geschichte“. Hervorgehoben sei hierbei die erste umfangreichere Briefausgabe, die die Schwester des Künstlers 1914 auf eigensinnige Weise edierte. Eine deutschsprachige Übersetzung einer Auswahl der Briefe des Künstlers durch Margarete Mauthner wurde bereits 1904/05 im Verlag von Bruno Cassirer publiziert, zunächst in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“, wenig später als Buchausgabe.
Ein wenig irreführend werden auf dem Buchcover „110 Originalzeichnungen“ angekündigt, doch auch wenn keine Originale, sondern nur gut gedruckte Reproduktionen der Briefe, die Zeichnungen enthalten, damit gemeint sind, eignet sich der Band als Weihnachtsgeschenk für alle Van Gogh-Liebhaber. Bereits der Künstler wusste: „Es gibt die Kunst der Linien & Farben, aber auch die Kunst der Worte gibt es, und sie wird nicht weniger von Bestand sein“ (s.o.). Die Herausgeber und Übersetzer dieser prachtvollen Briefausgabe versichern uns einmal mehr der Richtigkeit dieser Annahme: Vincent van Gogh und sein Werk können nicht ohne seine Briefe ‚gelesen’ werden.

07.12.2017
Gloria Köpnick
"Manch einer hat ein großes Feuer in seiner Seele". Die Briefe. Vincent, Gogh. Hrsg.: Jansen, Leo; Luijten, Hans; Bakker, Nienke; Übersetzt von Prins, Andrea; Röckel, Susanne; Müller-Haas, Marlene;. 2017. 1056 S. 190 meist fb. Abb. 29 x 19 cm. Gb. EUR 68,00
ISBN 978-3-406-68531-6   [C. H. Beck]
 
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