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Die Etrusker. Luxus für das Jenseits. Bilder vom Diesseits - Bilder vom Tod

Der Katalog zur Doppelausstellung in Hamburg über die Kultur der Etrusker behandelt erfreulicherweise insbesondere die Frage nach den Vorstellungen, welche sich Menschen im etruskischen Kulturkreis zwischen dem 9. und 1. Jahrhundert vor Christi Geburt über das Dieseits und Jenseits bildeten. Im zweigeteilten Aufbau dem Konzept der beiden Ausstellungen folgend, hebt sich dieser Katalog dadurch positiv von anderen Darstellungen über die Etrusker ab. Zwar ist deren spezifische Beziehung dem Jenseits gegenüber wie auch die Adaption westgriechischer Ideen durch etruskische Kunsthandwerker - etwa das berühmte Grab des Tauchers in Paestum, dessen farbige Innengestaltung aus der Zeit um 480 v. Chr. sich an attischer Vasenmalerei orientert - seit langem bekannt, doch unterließ man es bisher, gezielt zu fragen, warum einzelne Motive den Etruskern geeigneter als andere für die Ausschmückung ihrer Gräber erschienen. Der Aufsatz von Cornelia Weber-Lehmanns "Die etruskische Grabmalerei: Bilder zwischen Tod und ewigem Leben" reflektiert diese Frage am Beispiel von fünf Gräbern der Totenstadt in Tarquinia. Die Deutung dieser Anlagen als Orte des Übergangs überzeugt, da eine solche Interpretation Fragen aufwirft, die die Ergebnisse der Archäologie und Kunstgeschichte in einen größeren Zusammenhang stellen. Begreift man mit der Autorin Gräber der Etrusker als "rites de passages", so stellt sich etwa die Frage, welches Bewußtsein die Grabmalereien widerspiegeln?
Was diesen Band, der weitere fünf Beiträge zur etruskischen Geschichte, dem Wandel der Grabausstattungen und zur Technik der Faksimilierung etruskischer Gabmalereien vereint, jedoch vor allem auszeichnet, ist die Anschaulichkeit, mit der hier Wissen und Forschungstätigkeit vermittelt werden. Der ehemalige Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, Bernard Andrae, bezieht in seinen Artikeln über die "Tomba François" und die "Tomba del Citaredo" den Leser praktisch wie einen Kollegen in die Erforschung der Gräber der Etrusker mit ein. Man merkt, hier schreibt ein Gelehrter, der wirklich ein Anliegen hat. Dies gilt auch für Andreas Hoffmann, der im ersten Teil des Bandes die Geschichte der Etrusker präzie schildert, wobei der Fokus auf der Entwicklung der Grabbeigabensitten liegt.
Die Tatsache, dass nicht wenige der abgebildeten Objekte sehr klein reproduziert wurden, stellt aufgrund ihrer hervorragenden Qualität selbst im eigentlichen Katalogteil keinen echten Nachteil dar. Hinzu kommt, das dem Band eine Konzeption zu Grunde liegt, die den Leser befähigt, denkend und zugleich empfindend in die Welt der etruskischen Gräber einzutauchen (wobei Empfindung nicht Nostalgie meint!). Es komme ihm so vor, ließ der italienische Künstler Renato Roscani - von ihm stammen die ausgezeichneten Faksimiles der Grabmalereien - gegenüber National Geographic im Februar 2004 wissen, "als arbeite" er "in der gleichen Haltung wie der [etruskische] Meister damals". Der Rezensent glaubt, dass vorliegender Katalog aus einer der etruskischen Kultur ebenso adäquaten Haltung heraus entstanden ist.
Wer sich für die Welt der Etrusker und ihre Erforschung mit neusten Methoden begeistern lassen will, der kann es guten Gewissens über diesen kompakten, spannend geschriebenen Katalog tun, der viel mehr leistet, als nur eine interessante Ausstellung zu dokumentieren. Eine der besten - vielleicht sogar die schönste - Publikation über Etrusker seit der Europaratausstellung „Die Etrusker und Europa“ im Jahre 1993.
Matthias Mochner
Die Etrusker. Katalogbuch zur Doppelausstellung, Hamburg, Bucerius Kunst Forum und Museum für Kunst und Gewerbe, 13.2.-16.5. 2004. Hrsg. Spielmann, Heinz /Westheider, Ortrud /Hornborstel, Wilhelm /Hoffmann, Andreas. 224 S., 200 fb. Abb. 28 cm. Ln, Hirmer, München 2004. EUR 39,90
ISBN 3-7774-2055-7
 
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