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Der barocke Garten. Magie und Ursprung

Seit langem erwartet, vom Verlag bereits für November 2003 unter dem Titel "André Le Nôtre und Vaux-le-Vicomte. Die Erfindung des barocken Gartens" angekündigt, ist die erste umfassende Monografie über die rund 50 Kilometer südöstlich von Paris gelegene, von André Le Nôtre als ein Gesmatkunstwerk konzipierte Anlage des Schlosses und Gartens in Vaux-Le-Vicomte jetzt erschienen - und übertrifft alle Erwartungen.
Das Werk aus der Feder des Professors für Kunstgeschichte an der Fachhochschule München und aktiven Fotografen Michael Brix führt seine Leser in eine Welt, in der andere Gesetze gelten als in der schnelllebigen Zeit der Gegenwart. Ein opulent und didaktisch äußerst gelunges Layout, lassen selbst in demjenigen, der Vaux-Le-Vicomte aus eigenem Augenschein kennt, noch das Gefühl entstehen, bisher nur das Oberflächliche einer Gesamtkonzeption wahrgenommen zu haben, die in komplexer Weise den Gesetzmäßigkeiten der Geometrie und Perspektive verflichtet ist. Viel zu diesem Eindruck tragen die subtilen Abbildungen des Verfassers bei, die in dem jeweils richtigen Augenblick im Text erscheinen und diesen nicht nur bestens illustrieren, sondern nicht selten gleichsam "krönen", indem sie diesen qualitativ steigern. Der Leser möge dazu einmal das Bildmotiv der beiden, erstmals auf Seite 29 in einer Luftbildaufnahme gezeigten Broderieparterres unmittelbar vor dem Schloss im Verlauf des Bandes verfolgen (S. 32 aus der Luft als Messbild-Fotografie, S. 34 von der Laterne der Schlosskuppel aus gesehen, S. 40 erneut aus der Luft erkennbar, S. 67 und S. 69 im Detail kontrastierend mit einem historischen Stich und einem Kostüm der Zeit, sowie S. 86, 139 und 140 im Bezug auf die große Achse) oder im Kapitel über der Sturz des Oberintendaten der Finanzen, Nicolas Fouqet, die das große Eröffnungsfest vom 17. August des Jahres 1661 in Szene setzende Bildfolge (S. 149ff.) überdenken, um zu ermessen, mit welchem Gespür hier Autor und Verlag gleichermaßen am Werk waren.
Nicht nur dadurch wird das Gefühl innerer Wohlgestimmtheit, das sich beim Spazierengehen in einer Anlage wie der von Vaux-Le-Vicomte rasch einstellt, in seinen tieferen Gesetzmäßigkeiten erkenn- und durchschaubar. Auch der Text, dem - in insgesamt zehn thematische Kapitel geordnet - jeweils Zitate der Zeitgenossen André Le Nôtres und Nicolas' Fouqets vorangestellt sind, wirkt klar, ruhig und bringt das Wesentliche präzise auf den Punkt: "In Vaux-le-Vicomte hat André Le Nôtre zum ersten Mal das Wechselspiel von Verbergen und Enthüllen erprobt, und dies auf so großartige Weise, dass man von einer Wende in der Gartenkunst sprechen kann" (S. 104). Es ist ein außerordentlicher Genuß, den Gedankengängen des Autors im Zuge der Darstellung dieser "Wende in der Gartenkunst" zu folgen, und es ist gewiss nicht zu viel gesagt, dass dieses Buch über André Le Nôtres Werk in Vaux-le-Vicomte bestens dafür geeignet ist, das Interesse an Gartenkunst- und architektur entscheidend zu fördern.
So dürfte es auch kein Zufall sein, dass auf den Seiten 94 und 95 - praktisch genau in der Mitte des Buches - doppelseitig eine ideale Stadtansicht eines unbekannten italienischen Künstlers aus dem Ende des 15. Jahrhunderts abgebildet ist, die auf den für Vaux-le-Vicomte so entscheidenden Aspekt von Perspektive und Geometrie weist. Denn hier scheinen - wie Michael Brix überzeugend nachweisen kann - diese Prinzipen durch die Berücksichtigung neuester naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Seh- und Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen, wie etwa René Descartes' Schrift "La Dioptique" aus dem Jahre 1637, radikal und völlig neu formuliert. Am Ende der Lektüre des wertvollen Buches, das in der Fachwelt auch aufgrund einer Dokumentation zu "André Le Nôtre in Vaux-le-Vicomte" (S. 164-192) für Diskussion sorgen dürfte, entsteht der Eindruck, dass sich im Werk der Gestalt des einer berühmten Gärtnersfamilie entstammenden André Le Nôtre (1613-1700) fast schon etwas von der Bestimmtheit und Klarheit des auf den Barock folgenden Denkens der Aufklärung präfiguriert.

Matthias Mochner
Brix, Michael: Der barocke französische Garten. André Le Nôtre und Vaux-le-Vicomte. 192 S. 150 fb. Abb. 26 cm. Gb Arnoldsche VA, Stuttgart 2004. EUR 39,80
ISBN 3-89790-199-4
 
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