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König der Könige. Der Bamberger Reiter in neuer Interpretation

Der so genannte „Bamberger Reiter“ gehört gewiss zu den Höhepunkten der deutschen Skulptur des 13. Jahrhunderts. Dass er nach wie vor wie ein Magnet wirkt, verdankt sich wohl vor allem den Foto- und Filmkameras und hier den suggestiven Aufnahmen Walter Heges, der um 1930 die Skulptur in ungewöhnlichen Blickwinkeln und mit spannungsvollen Hell-Dunkel-Kontrasten ins Szene setzte, sie inszenierte und damit zugleich aktualisierte. Denn zuvor stand er nämlich – über Jahrhunderte hinweg – ziemlich unbeachtet an seinem Eckpfeiler des Georgenchores im Inneren des Bamberger Doms.
Wenn sich Kunsthistoriker mit dem Reiter auseinandergesetzt haben, ging es vornehmlich um die Frage, wer hier eigentlich dargestellt sei, geleitet offenbar von dem Wunsch, das Werk, das eher als ein Relief anzusprechen ist, aus seiner Anonymisierung zu befreien. Vorgeschlagen und jeweils mit großer Akribie begründet wurden Identifizierungen als David, einen der hl. Drei Könige, als hl. Georg, Konstantin, Stefan von Ungarn, Konrad III., Friedrich I. Barbarossa, Friedrich II., auch der Endzeitkaiser wurde ins Spiel gebracht. In letzter Zeit hat sich die Benennung als Stefan von Ungarn durchgesetzt. Problem dabei ist, dass keine Inschrift am Werk selbst und auch keine zeitgenössische Quelle des 13. Jahrhunderts die Namensgebung fundieren würde. Erst 1510 ist die Rede von einem „Bildnis Kaiser Heinrichs II.“ im Inneren des Doms, und diese Erwähnung ist noch nicht einmal zuverlässig auf den Reiter zu beziehen. Die Bezeichnung als Stefan von Ungarn findet sich gar erst 1729.
Wenn nun ein Historiker, hier der Mediävist Hannes Möhring, sich erneut der Benennungsproblematik widmet, scheint offensichtlich, dass er sich damit einer Forschungstradition einschreibt, die auf den ersten Blick nach Peter Cornelius Claussen „nur noch für die Rätselecke geeignet ist“. Möhring hält sich nicht lange mit den alten Deutungen auf, erst gegen Ende des schlanken und elegant formulierten Bändchens diskutiert er die nach seiner Meinung allesamt zu verwerfenden Identifizierungen. Stimmiger wäre gewiss die umgekehrte Reihenfolge gewesen, zumal sich als Schlusskapitel noch eine zusätzliche Volte der Interpretation anschließt: Der Reiter wird hier als „Apotheose Friedrichs II.“ beschrieben und in den Diskussionen über die Endzeit im 13. Jahrhundert verortet. Die vorzüglich reproduzierten Abbildungen – darunter auch zahlreiche historische – spielen dabei eine größere Rolle als man zunächst erwarten würde. Sie werden nicht eigens thematisiert und auch eine Rekonstruktion der ursprünglichen Farbigkeit des Werkes, etwa nach den Ergebnissen der Forschungen von Walter Hartleitner (publ. im Ausstellungskatalog „Bayern – Ungarn“, Augsburg 2001 sowie im Münster 56, 2003) sucht man vergebens – zumindest sind sie Möhring bekannt, und er wertet sie für seine Interpretation aus. Das Thema der fotografischen Wiedergaben wäre aber wichtig gewesen, denn sie spiegeln die Geschichte der Aneignung des Bamberger Reiters. Wer die im ausführlichen Literaturverzeichnis nachgewiesenen Beiträge von Berthold Hinz oder Wolfgang Ullrich liest, erhält jedoch ein wirksames Antidot zur Rezeptionsgeschichte der Skulptur.
Als „neue Interpretation“ – die Idee wurde indes bereits schon 1937 im Jahrbuch Sachsen und Anhalt geäußert, sie findet sich auch in einer Auflistung der möglichen Interpretationen bei Jörg Traeger – schlägt Möhring die Benennung der Skulptur als Messias nach der Offenbarung des Johannes 19, 11-16 vor. Anders als man es bei einem Historiker erwarten würde, stützt er sich dabei auf visuelle Befunde, hier die ungewöhnlich hohe Krone des Reiters sowie seinen geöffneten Mund – bei seinem Auftritt am Weltende vernichtet der Messias alle seine Feinde durch den Hauch seines Mundes. Hinzu kommen Buchmalereien als Vergleich und weitere Einzelskulpturen im Inneren des Doms – die so genannte Seherin, Maria, der hl. Dionysius sowie der „lachende Engel“, die sich anscheinend unproblematisch dieser Interpretation einfügen lassen. Ob diese Interpretation sich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten, absolut zwingend scheint sie mir keinesfalls.
Ein Wermutstropfen schließlich lässt die Lektüre des Buches mitunter unangenehm werden: Die Bildunterschriften sind nämlich durchweg unbrauchbar. So ist der Abbildung eines Kopfes des Reiters, die geradezu ein Porträt suggeriert, die Unterschrift beigegeben: „Auf der Stirn des Reiters steht zorniger Unmut.“ Und unter der Figur der Maria findet sich die Bemerkung: „Die mit dem Messias schwangere Maria in stiller Vorfreude.“ Die letzte Abbildung ist schließlich mit dem Satz untertitelt: „Weit über die Mauern seiner Kirche und die Grenzen der Christenheit hinaus geht des Reiters Blick in die Ferne.“ Die Bildunterschriften sind damit unangenehm sententiös geraten, sie gemahnen zudem stark an die Psychologisierungen einer vergangenen Kunstgeschichte.



Alexander Markschies
Hannes Möhring: König der Könige - Der Bamberger Reiter in neuer Interpretation. 64 S., 47 Abb., dav. 17 fb., 25 cm, Br., Langewiesche Nachfg. Königstein 2004, EUR 5,00
ISBN 3-7845-2141-X   [Langewiesche - Königstein]
 
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