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Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im ersten Jahrtausend.

"So nahm er das Reich Sigiberts mit allen Schätzen in Besitz". Gregor von Tours schildert in seiner "Historia Francorum" mit diesen Worten die Übernahme des rheinfränkischen Reiches durch König Chlodwig I. Und als Ludwig der Fromme die Nachfolge des großen Karl antritt, läßt er sich wie sein Biograph Thegan berichtet, "zuerst und in aller Eile" die Schätze seines Vaters in Gold, Silber, kostbaren Steinen und jeglichem Gerät "zeigen".
Wie sehr Herrschaft und Gold zusammengehören, führt das hier angezeigte Buch von M. Hardt, eine Marburger Dissertation von 1999, eindrucksvoll vor Augen. In wohldifferenzierter Ordnung der vielfältigen Aspekte, die sich zu dieser Thematik anbieten, ist zunächst ein Überblick über das Verhältnis von Herrschaft und Königshort gegeben. Die Darstellung nicht nur dieses Kapitels gründet auf umfassender Kenntnis und Zitation der Quellenlage in schriftlichen wie auszugsweise materiellen Denkmälern. In fundierter Überprüfung wird damit zugleich eine Entschlüsselung konkreter sozialer Verhältnisse und Strukturen der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters vermittelt, der Königsschatz als zeitbedingtes Element der Herrschaftsordnung. Im Ringen darum zwischen den handelnden Eliten geht es oft genug dramatisch zu, in persönlichen Rivalitäten wie kriegerischen Auseinandersetzungen unter den Völkern.
Nach dem allgemeinen Problem von Königshort und Macht stellt sich die Frage nach Inhalt und Beschaffenheit des Schatzes selber - aus ungemünztem und gemüntztem Gold und Silber, kostbaren Steinen, Schmuck und herrscherlichen Insignien. Überraschend mag die hohe Wertschätzung von kostbarem Tafelgeschirr sein, in dessen Gebrauch der Reichtum des Fürsten sichtbar demonstriert werden konnte. Auch Reliquien und kostbare Gerätschaften für den Gottesdienst waren angesichts der wichtigen Rolle der Religion in der Gesellschaft von hoher Bedeutung im herrscherlichen Schatz, zumal in Notzeiten auf kirchlichen Besitz zurück-
gegriffen werden konnte.
Ein drittes Kapitel des Buches stellt die Frage nach Herkunft und Alimentation des Königsschatzes: - Steuern, Zölle, Handelserträge, Geschenke anderer Fürsten und nicht zuletzt kriegerische Beute. Man mag sich dabei vor allem der sog. Avarenbeute Karls des Großen erinnern, die mit 15 vierspännigen Ochsenwagen aus Pannonien nach Aachen überführt wurde und dort eine wahre Goldschwemme auslöste. Erhaltene archäologische Funde bieten anschauliche Beispiele, wie die Funde von Nagy Szent Miklòs (Wien), Malaja Perescepina (St.Petersburg) oder - im Buch leider nicht genannt - von Glodosy (Kiew).
Ein kurzer Abschnitt des Buches befaßt sich mit den Problemen von Verwaltung und Aufbewahrung des Königshortes. Es wäre von Nutzen gewesen, dazu die Erkenntnisse heranzuziehen, die mit dem Studium der bedeutenden byzantinischen Silberfunde gewonnen worden sind. Auch besondere Fragen zu handwerklichen Techniken und den Handwerkern bzw. Künstlern hätten stärkere Beachtung verdient - hier spielt natürlich der unvermeidliche fränkische Hofgoldschmied Eligius eine wichtige Rolle.
Der abschließende Abschnitt zur Verwendung des Königs- bzw. Staatsschatzes verdient besonderes Interesse: Weitergabe an die Gefolgschaft und vor allem an das Militär, reiche Geschenke an fremde Könige, manchmal wohl als eine Art Tribut zu verstehen, nicht zuletzt Stiftung an die Kirchen. Hier erinnere man sich an die von Einhard beschriebenen goldenen Objekte, die Kaiser Karl um 800 nach Rom sandte. Auch zur Selbstdarstellung des Herrschers fanden die Kostbarkeiten des Schatzes eine wichtige Verwendung, neben Kronen und Schmuck auch für die königliche Tafel. Notker beschreibt beispielsweise die Erscheinung des Kaisers vor fremden Gesandten: "...strahlend wie die Sonne, geschmückt mit Gold und Edelsteinen..."
Ein wohlgefüllter "thesaurus" und die daraus gespeisten herrscherlichen "largitiones" waren jedenfalls eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Regierung. Mit dem hohen Mittelalter tritt anstelle der Begabung mit Schatzelementen das Entgelt mit Grund und Boden durch den Herrscher, eine wesentliche Voraussetzung für die Feudalisierung in dieser Zeit. Der goldene Glanz des Königshortes im frühen Mittelalter lebt fort in Sage und Dichtung - und mit kostbaren archäologischen Zeugnissen in den Sammlungen unserer Museen.
Das angezeigte Buch über "Gold und Herrschaft" bietet eine ungewöhnliche Zusammenstellung des Quellenmaterials, begleitet von Verzeichnissen, Registern und über 2000 Anmerkungen. Über diese verdienstvolle Leistung hinaus möchte vielleicht doch mancher Leser etwas erfahren über Sinn und Bedeutung edler Metalle, leuchtender Edelsteine und kostbarer Gerätschaften in jenen verlorenen Schätzen der Könige. War es doch vor allem die gleichnishafte, anagogische Bedeutung der edlen Materialien, die ihre innere Substanz ausmachten. Dies wenigstens anzudeuten, hätte dem Buch mehr als nützlich sein können. Aber wie Peter Bamm einmal meinte, machen die Historiker weniger große Anstrengungen, den Sinn hinter dem Gegenstand ihrer Forschung herauszufinden, als zu beweisen, daß es keinen gebe (An den Küsten des Lichts).
Victor Elbern
Hardt, Matthias: Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im ersten Jahrtausend. 370 S. 20 Abb. 24 cm. Gb., Akademie-Verlag, München 2003. EUR 64,80
ISBN 3-05-003763-6
 
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