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Gustav Klimt - Wiege der Moderne

Der juristische und emotionale Kampf um eines der teuersten Gemälde der Welt, das von Gustav Klimt 1907 geschaffene Porträt "Adele Bloch-BauerI" erinnerte an den Kampf Davids gegen Goliath. Maria Altmann, eine der Erben des österreichischen Unternehmers Ferdinand Bloch-Bauer, verlangte von Österreich die Rückgabe von fünf Gemälden, die sich 1938 im Besitz der emigrierten jüdischen Familie befanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten sie in die Österreichische Galerie in Wien. Erst 2006 konnte der Streit durch ein Schiedsverfahren beendet werden, die Gemälde wurden restituiert und dann bei Christie's versteigert. Sie befinden sich heute in Privatbesitz, so die Auskunft aus der von Alfred Weidinger besorgten, gerade erschienenen Publikation, einer Kombination aus Monographie und Werkverzeichnis der Gemälde.

Dass Österreich emotional an den strittigen Gemälden hängt, wurde in einer Fernsehdokumentation zum Fall Altmann deutlich, gelten Gustav Klimts (1862-1918) Werke nicht nur als nationales Kulturgut, sondern sind als kunsthistorisch bedeutsamer österreichischer Beitrag bei der Herausbildung der künstlerischen Moderne anerkannt. Nur französische Kulturverantwortliche sahen das bis 2005 anders. Gegen diese Sicht, dass allein der Impressionismus der Ast sei, auf dem der Moderne dann vielfältige Zweige wuchsen, opponierte 2005 der Präsident des traditionsreichen Musée d'Orsay, Serge Lemoine. Er präsentierte in einer Ausstellung im Grand Palais in Paris mit "Wien um 1900", Oskar Kokoschka, Egon Schiele, Koloman Moser und Klimt als österreichische Vorbereiter der Moderne. Konzeptionell anspruchsvoll wurden die Künstler mit ihren stärksten Werken der mittleren Periode vorgestellt. In formaler Hinsicht, der Untersuchung vom Gebrauch von Struktur, Linie, Farbe, Raum, Rhythmus und den Beziehungen der Elemente untereinander, gelangte die Ausstellung zu neuen Erkenntnissen, auch weil sie den langen Entwicklungslinien nachspürte. Vor allem bei Klimt gelang es überzeugend dessen grundsätzliche Orientierung an Ornament, Struktur und Architektur, die Unterteilung der Gemälde in Bildfelder, die Verteilung der einzelnen Bildelemente in ihnen und deren Rhythmisierung herauszuarbeiten, Vorbild für nachfolgende Generationen wie Paul Klee oder Sophie Taeuber-Arp.

Wenig Berücksichtigung fand auch in diesem Katalog indes Klimts Frühwerk, in dem die Grundlagen für seinen späteren unverkennbaren Stil gelegt wurden. In diese Lücke springt Weidingers Arbeit in dreifacher Hinsicht. Nicht nur löst es das nicht mehr lieferbare Werkverzeichnis von Johannes Dobai / Fritz Novotny von 1967 ab, sondern sie spiegelt zudem den neuesten Stand der Wissenschaft und zeigt die malerischen Werke des Jugendstilkünstlers vollständig, deren ästhetischer Reiz durch den großformatigen, aufwendig gedruckten Band, sichtbar wird, dabei unterstützt von verständlichen Textbeiträgen und kluger Strukturierung.

Ermittelt hat Weidinger 253 Gemälde, die, nach dem Datum ihres Entstehens, im letzten Teil der dreigeteilten Publikation, präsentiert werden. Neben einer kleinen Abbildung findet sich ein ausführlicher Text mit Angaben zur von Klimt aufgenommenen Bildtradition, formalen Stilelementen und Hinweisen zur Ausführung. So ist interessant, dass Klimt in seinen frühen Landschaftsbildern an einen von Klaus Demus so bezeichneten "Stimmungsimpressionismus" anknüpft, dabei aber die Natur, zwei Waldbilder von 1881 zeigen dies, als stillstehende zeigt und sich auf einen Ausschnitt konzentriert. Zum erläuternden, wissenschaftlichen Text treten Informationen zur technischen Beschreibung und Provenienz, eine Auflistung der wichtigsten Ausstellungen und bibliographische Hinweise, der im nun folgenden Anhang, bestehend aus Bibliographie und einem Register, fortgesetzt wird. Dabei konzentrierten sich Weidinger und die beteiligten Kunstwissenschaftler Michaela Seiser und Eva Winkler, auf die wichtigsten Publikationen und Ausstellungen. "Eine vollständige Auflistung", so Weidinger im Vorwort, wird in den nächsten Jahren im Internet über das Belvedere abrufbar sein.

Die Ausarbeitung des mittleren Teils übertrug Weidinger seiner Mitarbeiterin Sybille Rinnerthaler, die anschaulich zu Leben und Werk Klimts schreibt und damit Klimts Spruch, er sei als Person nicht extra interessant, konterkariert. Rinnerthaler wägt insgesamt ab. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass sie sich nicht an weiteren wilden Spekulationen zu Klimts Privatleben beteiligt, sondern die dazu gemachten Aussagen neutral referiert. Das liest sich nach der 2005 erfolgten filmischen Dramatisierung mit John Malkovich und Veronica Ferres in den Hauptrollen, wohltuend sachlich. Natürlich wird auch Bekanntes wiederholt, denn inzwischen liegt auch eine Biographie, auch aus 2005, von Barbara Sternthal vor, aber es finden sich auch Details, die die Forschung anregen können. Rinnerthaler weist etwa auf die Sammlung Victor Zuckerkandls, Schwager der bekannten Wiener Salonière Berta Zuckerkandl, hin. So besaß dieser einer Ostasiensammlung, die, so die Autorin "vielleicht eine Anregung war, diese Motive in das Porträt von Victors Frau Paula Zuckerkandl (Kat.209)" einzuflechten. Der Beitrag von Rinnerthaler ist spannend geschrieben und der Leser gewinnt einen Eindruck des Netzwerks im Wien um 1900. So betrieb etwa auch die später porträtierte Adele Bloch-Bauer, wie Berta Zuckerkandl, einen Salon, Klimts Freunde Koloman Moser und Josef Hoffmann wiederum gründeten 1903 die Wiener Werkstätte, die von Berta Zuckerkandl ideell und publizistisch unterstützt wurde.

Mit dem monographischen Teil, für den weitere Wissenschaftler gewonnen werden konnten, beginnt diese Ausnahmepublikation und wählt eine fünffache Unterteilung. Auf der ersten Station zeichnet Michaela Seiser, ansprechend aufbereitet, Klimts Weg nach. Dieser beginnt 1875 an der Kunstgewerbeschule in Wien in der Vorbereitungsklasse zur Aufnahme in die Maler-Klasse, in die auch Klimts Bruder Ernst aufgenommen wird. Zusammen mit einem anderen Schüler, Franz Matsch, gründeten sie 1879 die Künstlergruppe "Compagnie" und fertigten ein Jahr später, so Seiser, "selbständig" ihren ersten Auftrag "für den Salon des von den Architekten Fellner und Helmer gebaute Palais Sturany am Schottenring 21" an. Es handelt sich um vier "allegorische Panneaus", die "Theater, Poesie, Tanz und Musik" darstellen. Auch in das Genre der allegorischen Darstellungen fallen die sogenannten "Fakultätsbilder >Medizin< und >Philosophie<", die in den Jahren 1897-1907 entstanden. Damit beschäftigt sich Alice Strobl, die seit 1958 zu den Zeichnungen von Klimt forscht, einen vierbändigen Werkkatalog dazu herausgab und der das malerische Werkverzeichnis gewidmet ist.

Wie zuvor schon im Katalog "Wien um 1900", so auch hier, bei allen Unterschieden in Herkunft und Werdegang, redet man von Klimt, darf ein expliziter Hinweis auf James Abbott McNeill Whistler (1834-1903) nicht fehlen, denn es existieren, so auch Manu von Miller in ihrem Beitrag, "auffällige Parallelen". Der Einfluss Whistlers, so die Autorin, fiel "bereits zeitgenössischen Kommentatoren" auf. Zunächst einmal geht sie auf institutionelle Gemeinsamkeiten ein. So war Whistler "Oberhaupt der im Jahr 1886 gegründeten >Gesellschaft Britischer Künstler< und ebenso der >Internationalen Gesellschaft der Bildhauer, Maler und Graphiker<" und Klimt übernahm "1897 den Vorsitz der von ihm mitbegründeten >Wiener Secession<". Durch Gegenüberstellung der Werke Klimts und Whistlers wird deren Parallelaktion auch optisch deutlich. Sehr markant etwa die Berührung der beiden Damen in Rosa (Whistler) (1871/74) und Weiß (Klimt) (1905), die auch in der Ausstellung im Grand Palais 2005 gezeigt wurden. Miller übergibt dann den Staffelstab wieder an Alice Strobl, die in Klimts Werkgruppe der Wasserbilder, unter Hinweis auf zeichnerische Vorstudien, einführt. Und spannend geht es weiter bei Marian Bisanz-Prakken und dem daran anschließenden Beitrag von Weidinger. Die Autorin widmet sich dem Beethovenfries von 1901/02, der sich im linken Seitensaal der Wiener Secession befindet, Weidinger dem Fries im Palais Stoclet in Brüssel, das Weidinger erstmals nach 1917 im Original studieren konnte und davon Fotografien anfertigte. Das Palais Stoclet, darauf weist Weidinger hin, ist das einzige "heute noch erhaltene, von allen Künsten durchdrungene Gesamtkunstwerk der >Wiener Werkstätte<", das Klimt 1914 erstmals "im eingebauten Zustand sehen konnte."

Zu den unterschiedlichen Genres von Klimt, liegen jeweils auch Einzelpublikationen vor. Eine beleuchtet den Beethoven-Fries, andere dessen Frauen- und Landschaftsgemälde, hier sind sie in die Gesamtdarstellung integriert. Für die Landschaftsdarstellungen zeichnet Weidinger, für die Frauenbilder Susanna Partsch verantwortlich. Beide Genres gehören zu den populärsten Werken Klimts. Sehr sorgfältig ordnen die Beiträger dessen Leistungen in den kunsthistorischen Kontext ein. Benutzerfreundlich stellt Weidinger Klimts "Ein Morgen am Teiche" von 1899 Claude Monets "Vormittag auf der Seine bei klarem Wetter" von 1897 gegenüber. Auch damit wird das Anliegen von Lemoine betont, die Entwicklung der Moderne auch aus anderen Maltraditionen herzuleiten, unterstrichen. Sorgfältig periodisiert wandert der Betrachter über Abbildungen, die zunehmend minimalistisch gestaltete Natur zeigen, die nur noch Farbe ist. Keine symbolistischen Szenerien mehr, die Bilder bedeuten nur das, was sie zeigen. Den Schluss der Reise zu Klimts Œuvre bildet die Gruppe der Frauenbilder und es ist, seit der spektakulären Auktion bei Christie's auch kein Geheimnis mehr, "Adele Bloch-Bauer I" gehört dem Unternehmer Ronald S. Lauder und wird, zusammen mit anderen Werken des Künstlers, vom 18.10.2007 bis zum 30.6.2008 in der Neuen Galerie in New York gezeigt.

Viel, auch Romane, sind über Klimt geschrieben worden und der Streit von Maria Altmann mit der Österreichischen Regierung nimmt sich selbst wie ein Roman aus. Einige Klimts wurden zu Ikonen des Fin de Siècle und viele berauschten sich an golddurchwirkten Szenerien. In einen solchen Rausch wird man auch hier durch die Gestaltung versetzt, die viel Gold verwendete und das Werk von Klimt kongenial einkleidete. Aber auch inhaltlich, für diese herausragende Arbeit kann es nur eine Goldmedaille für eines der schönsten und klügsten Kunstbücher des Jahres 2007 geben.


Sigrid Gaisreiter
Gustav Klimt. Hrsg.: Weidinger, Alfred. Beiträgen von Marian Bisanz-Prakken, Manu von Miller, Susanna Partsch, Sybille Rinnerthaler, Michaela Seiser, Alice Strobl, Alfred Weidinger, Eva Winkler. 2007. 320 S., 150 sw. u. 460 fb. Abb. 42 x 29 cm. Ln iSch., Prestel München 2007. EUR 148,00
ISBN 978-3-7913-3763-0
 
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