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Facetten einer russischen Ikone

Im Zentrum des Buches steht eine russische Ikone, die von der Kunsthistorikerin und Ikonenhändlerin Renate Gerstenlauer in Tallinn entdeckt und erworben wurde. Ausgestattet mit Fachkompetenz und einem geschulten Auge, gelangte die Besitzerin rasch zu der Erkenntnis, dass es sich bei der Tafel um eine besondere Ikone handelt, die unter der sichtbaren Malerei ältere Farbschichten beherbergt. Sie entschloss sich, die obere Farbschicht aus der Zeit um 1700, die neben Daniel in der Löwengrube Szenen der Schöpfungsgeschichte zeigte, abtragen zu lassen, um das darunter liegende Motiv aufzudecken. Zum Vorschein kam eine stehende Figur des „Guten Schächers“, also jenes reumütigen Räubers, der zusammen mit Christus gekreuzigt wurde. Im orthodoxen Russland erhielt dieser Schächer den Eigennamen Rach und seine Darstellung erscheint seit dem 16. Jahrhundert mehrfach auf der Nordtür russischer Ikonostasen.

Mit ihrem Buch eröffnet Renate Gerstenlauer interessante Perspektiven der Ikonenmalerei, wobei sie den Anspruch erfüllt, ein Kunstwerk von allen Seiten zu beleuchten. Beginnend mit Schilderungen zum Auffinden des Stückes über die Dokumentation der Entfernung jüngerer Farbschichten sowie der Darlegung von historischen Entwicklungen und ikonographischen und stilistischen Analysen, gelangt die Autorin zur kunsthistorischen Einordnung der Tafel in die Geschichte der russischen Ikonenmalerei. Schlussfolgerungen zur Region ihrer Entstehung und ihrer ehemaligen kirchlichen Verwendung schließen sich an. Im Anhang folgen ein Essay des Slawisten Thomas Daiber über das Bildmotiv des reumütigen Räubers und wissenschaftliche Expertisen von Ikonenfachleuten sowie Protokolle von naturwissenschaftlichen Untersuchungen.

Das Buch verfügt über einen hohen Informationswert, und vorbildlicher kann man ein Werk der Ikonenmalerei wohl kaum publizieren. Die Verfasserin hat weder Kosten noch Mühen gescheut, all ihre Überlegungen zu der Ikone und die Arbeitsgänge an ihr durch vortreffliche Abbildungen aufzuzeigen, was ebenso instruktiv wie ästhetisch gelungen ist. Die Publikation ist ansprechend gestaltet und zeugt von einem systematischen Umgang mit dem Bildmaterial. Speziell Ikonensammlern bietet dieses Buch eine spannende Lektüre, und die Begeisterung der Autorin für ihre Ikone und deren Geschichte überträgt sich zweifellos auf die Leserschaft. Das Buch bedient sowohl den interessierten Laien als auch den wissenschaftlich arbeitenden Kunsthistoriker, der einen umfassenden Überblick über Darstellungen des „Guten Schächers“ in der christlichen Kunst und speziell in der Ikonenmalerei Russlands erhält. Die selbst unter Ikonenfachleuten wenig bekannte Einzeldarstellung des guten Räubers Rach gewinnt mit der Studie eine angemessene Würdigung.

Dem wissenschaftlich arbeitenden Kunsthistoriker erschließen sich bei der Lektüre allerdings Unstimmigkeiten, die primär die Datierung der Tafel betreffen. Nach der Inschriftenanalyse von Th. Daiber im Anhang (S. 137-138) kann die Rach-Ikone nicht vor dem Ende des 16. Jahrhunderts entstanden sein, und der hinzu gezogene renommierte russische Ikonenspezialist G.V. Popov datiert die Tafel in seiner Expertise in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts (S. 150-151). Dagegen kommt die Autorin in ihrer kunsthistorischen Analyse zu dem Ergebnis, dass die Ikone bereits zwischen 1530 und 1550 gemalt wurde. Sie zieht überlieferte Rach-Ikonen des 16. und 17. Jahrhunderts als Vergleichsmaterial heran, um eine motivgeschichtliche Entwicklung des Themas aufzuzeigen. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass ihre Ikone den Beginn der chronologischen Reihe bildet und bestimmt sie als die älteste Einzeldarstellung des guten Räubers Rach (S. 80). Meines Erachtens sind ihre Argumente für diese frühere zeitliche Einordnung nicht stichhaltig genug, zumal die herangezogenen Bildzeugnisse in ihrer künstlerischen Ausführung deutlich differieren und verschiedene regionale Kunsttendenzen zum Ausdruck bringen.

Dessen ungeachtet bleiben als wesentliche Aspekte des vorgelegten Buches festzuhalten: Für die Ikonenforschung stellt die Publikation eine Bereicherung da. Besonders in Bezug auf außergewöhnliche Bildmotive in der russischen Ikonenmalerei mangelt es an erschöpfenden kunsthistorischen Studien. Die vorliegende Untersuchung trägt dazu bei, diese Lücke zu schließen, indem sie die Wiedergabe des reumütigen Räubers Rach in der russischen Ikonenmalerei umfassend beleuchtet und eine wichtige Zusammenstellung der erhalten Bildzeugnisse des Motivs bietet.
22.4.2009
Karin Kirchhainer
Gerstenlauer, Renate: Die Rach-Ikone /The Rach Icon. Entdeckung der wahren Identität /Discovery of its True Identity. 160 S., 40 sw. Abb., 65 fb. Abb. 26,9 x 22,5 cm. Legat-Verlag, Tübingen 2008. Ebr EUR 39,00
ISBN 3-932942-35-3
 
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