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Jugendstil am Oberrhein

"Kunst und Leben ohne Grenzen" - der Untertitel dieser Ausstellung ist mehrdeutig: Nicht nur von einer der aufregendsten Kunstrichtungen Europas ist die Rede, sondern auch davon, wie der Jugendstil um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Einzug ins alltägliche und nicht-alltägliche Leben hielt und Ausdruck in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen fand: in Handel und Werbung, Architektur und Design, der Mode und der Unterhaltungsindustrie, Kunsthandwerk und der Bildenden Kunst - eine Symbiose von Kunst und Leben, die nicht unbedingt selbstverständlich war (und ist) und die ihren Ursprung auch in der zunehmenden Mobilität der Gesellschaft um 1900 findet.

Wenn es im Untertitel heißt: "ohne Grenzen", so weist dies auch auf das Gegenteil hin, die natürliche Grenze des Rheins nämlich und auf politische, mentale und kulturelle Grenzen zwischen den vier Regionen Elsass, Deutschland, Frankreich und der Schweiz, vor allem zwischen dem Reichsland Elsass-Lothringen und dem Großherzogtum Baden - die aber auch zu überwinden waren. Für manche, wie für den Elsässer René Schickele, gab es sogar mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, denn "die Landschaften links und rechts des Rheins" seien wie die "zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches, dessen Rücken der Strom selbst darstellt" (Wolfgang Hug im Beitrag über "Hochindustrialisierung und Bürgergesellschaft am Oberrhein um 1900").

Historischer Hintergrund, die verschiedenen Gattungen der Kunst am Oberrhein, regionale Schwerpunkte und städtische Metropolen (Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Straßburg, Mülhausen, Basel), wichtigste künstlerische Vertreter des Jugendstils und Frauen als ausübende Künstlerinnen sind die Themen, um die die dreißig Katalogbeiträge der Fachleute - Kulturwissenschaftler, (Kunst)-Historiker, Kuratoren, Archivare etc. - kreisen.

Von der Muse zur Künstlerin: Frauen trugen im Jugendstil nicht nur die atmungsfreundlichen Reformkleider, sondern wollten auch selbst mit künstlerischer Tätigkeit ernst genommen werden. Gelegenheit für eine echte künstlerische Ausbildung hatten sie an der Malerinnenschule Karlsruhe, die von der kunstinteressierten Großherzogin Luise von Baden seit 1885 protegiert wurde und die bis 1923 bestand - seit 1919 konnten Frauen auch an der Karlsruher Akademie aufgenommen werden. Bekannte Künstlerinnen der Epoche sind zum Beispiel die Keramikerinnen Elisabeth Schmidt-Pecht und Käthe Roman-Försterling, die Modeschöpferin Emmy Schoch, die Goldschmiedin Johanna Frentzen, die Grafikerin Jenny Fikentscher und viele andere, die hie und da im Katalog Erwähnung finden, sowie viele namentlich niemals erwähnte Stickerinnen, die die Entwürfe der Dessinateure (nicht Designer!) ausführten.

Eigene Katalogbeiträge sind dem Keramiker Max Laeuger (Lehrer an der "Großherzoglichen Majolika-Manufaktur Karlsruhe"), dem Architekten Hermann Billing (Schöpfer der Mannheimer Kunsthalle), dem Möbeldessinateur und Begründer der "Illustrirten Elsässischen Rundschau" Charles Spindler, dem elsässischen Satiriker Jean-Jacques Waltz alias "Hansi" und dem - leider relativ unbekannten - Basler Künstler Hans Sandreuter gewidmet.

Der "verlassenen Barockresidenz" und durch ihren Hafen zu einer modernen City gewordenen Stadt Mannheim werden die beiden Universitätsstädte Heidelberg und Freiburg gegenübergestellt: Während in Mannheim die Jugendstil-Architektur kühne Formen annahm, zog man in den konservativeren Universitätsstädten ein "historisierendes Formenvokabular" vor. Karlsruhe, Residenz der Kunst, beherbergte nicht nur die Großherzogliche Majolika-Manufaktur, sondern neben der Malerinnenschule auch die Großherzogliche Badische Kunstgewerbeschule. In Straßburg wird eine Städtische Kunstgewerbeschule mit vier Werkstätten (Goldschmiedekunst, Keramik, Kunstschlosserei, Kunstschreinerei) gegründet, und obwohl sie zu sehr im Traditionellen verhaftet ist - wie der Autor Jean-Claude Richez betont -, besteht sie immerhin 25 Jahre lang; in der zweitgrößten elsässischen Stadt Mülhausen mit der florierenden Textil- und Tapetenindustrie herrscht eine "elsässische Kultur mit frankophilen Zügen" - man richtet sich dort künstlerisch lieber nach Frankreich als nach Deutschland aus. Im multinationalen Basel pflegt man in Grafik und Architektur sowie in der "Allgemeinen Gewerbeschule Basel" eine "schweizerische Spielart des Jugendstils"; Vorzeigebauwerk des Jugendstils ist und bleibt das zwischen 1910 und 1913 erbaute Goetheanum in Dornach.

Augenschwelgerei (fast) ohne Ende bietet das Oeuvre des Katalogs, der nach Gattungen gegliedert ist: Möbel und Holz, Keramik, Glasmalerei, Metallkunst (inclusive Schmuck), Textilien (darunter einige Beispiele aus der "Werkstätte für neue Frauentracht und künstlerische Stickerei Emmy Schoch") sowie Tapetenentwürfe, Malerei und Grafik (darunter Plakate und Buchkunst), Skulptur und Plastik sowie Architektur. Die Objekte stammen von Leihgebern aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz, aber nicht zuletzt aus dem "Hausschatz" des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, das eine der größten Jugendstilsammlungen Deutschlands aufzuweisen hat.
2.6.2009
Daniela Maria Ziegler
Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Jugendstil am Oberrhein. Kunst und Leben ohne Grenzen, Ausstellungskatalog, Ausst. im Bad. Landesmuseum bis 9.8.2009. 376 S., 380 fb. Abb. Gb. G. Braun Buchverlag, Karlsruhe 2009. Bis 10. August 2009 EUR 34,90, danach EUR 39,90.
ISBN 978-3-7650-8510-9
 
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