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Zeichnen im Konjunktiv bei Tomas Schmit

Fluxlist

Zu den Pionieren der Fluxus-Bewegung in den frühen 1960er Jahren gehörte der Künstler Tomas Schmit (1943-2006), der „nie als Student eine Kunstakademie oder etwas vergleichbares besucht hat.“ Beteiligt an fast allen internationalen Fluxusfestivals, organisierte er auch das legendäre Festival „20. Juli 1964 TU Aachen“ und wurde mit der Aktion „zyklus für wassereimer (oder flaschen)“ 1962 bekannt. 1965 zog er sich aus der Bewegung zurück und wandte sich, nach einer kreativen Pause, seit Anfang der 1970er Jahren dem Zeichnen und Schreiben zu. Es entstanden Editionen, Serien, Bücher und ein Film „e-constellations“ 2004 und auf zwei, 2005 erschienenen Audio-CDs, liest er eigene Texte. Als spielerische Erkundungen, in der sich Text und Bild ergänzend kommentieren, legte er seine Spaziergänge zu Fragen menschlicher Wahrnehmung, zu Sprache, Logik, Verhaltensforschung, Biologie, Mathematik und zu Traditionen fremder Kulturen an. Er sagte dazu, es sei ein „Zeichnen im Konjunktiv“. Aus Spiel, Zufall, Möglichkeit, Variation und Paradoxien baute Schmit sein Universum, das sich ironisch zur Erstwelt verhält. Festgehalten hat er sein Pluriversum in den sogenannten „Quagga-Heften“, seiner Sammlung von Ein-, Zu- und Abfällen, die er durchnumerierte und in vier Katalogen zusammenfasste. Es geht los mit einem Katalog des Kölnischen Kunstvereins 1978 und den Nummern 1-207, es folgen, in lockerer Folge mit größeren Pausen dazwischen, 1987 im Katalog der DAAD-Galerie die Nummern 208-310, sodann im Portikus in Frankfurt am Main die Nummern 311-473 und im vierten Teilstück seines Werkverzeichnisses finden sich die Nummern 474-653. Schmit nannte es „gespenst“ und es ist die Vorlage für das beim Verlag Walther König 2007 publizierte Buch. Dessen Erscheinen nahm das Museum Ludwig zum Anlass für eine Ausstellung (21.4.-24.6.2007) mit dem Titel „Können Menschen denken?“ und versorgte das Publikum mit einem kleinen Katalog gleichen Titels.
Außerhalb der Werkverzeichnisse erschien dann 2008 im Verlag Barbara Wien ein Buch, das Gespräche mit einer Mitarbeiterin des Verlages, Wilma Lukatsch, enthält, die sich mit Schmit von Juni bis Dezember 2005 traf. Dieses Buch enthält, als Unterbrechungen des Textteils, Werk-Abbildungen aus allen Schaffensperioden.

Offene Ästhetik 1: „ORCHidee“

Eines der Werke von Schmit, das Auffinden der Buchstabenfolge „idee“ führte ihn zu herrlichen Wortschöpfungen wie „meideesel“ vor allem bei der „getreideernte“. Sie produziert ein „scheideergebnis“ und womöglich, wenn die Ernte schlecht und der Erlös dementsprechend gering war, steht am Ende, wenn Bilanz gezogen und auf einer Tafel Kosten und Erträge verrechnet werden, eine „kreideerhebung“ (Katalog 4, Nummer: 576). Diesem Einzelgänger spürt Wilma Lukatsch nach. Dabei führt Schmit ihr sein Prinzip von der „gewichtigkeit von rätseln“ manchmal in seinen Antworten vor. Wie Schmit dies anstellt ist im Buch sehr gut zu beobachten, da das Gespräch, als Stenogramm angelegt, dessen Wendungen im gedruckten Text wiedergibt. Lukatsch ist mit dem Kandidaten enorm geduldig, geht auf dessen Allotria ein und es wird viel gelacht. Aber es ist auch Ernst im Spiel und so entsteht ein lebendiges Bild von Schmits künstlerischem und persönlichem Umfeld und seinen künstlerischen Favoriten. Als diese treten auf, der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg, mit dem Schmit sich messen kann, John Cage natürlich, George Brecht, Nam June Paik, der satirische Zeichner William Hogarth oder der geniale Karl Valentin, aber auch Gertrude Stein, Lewis Carroll, Franz Kafka oder Robert Walser. Wie Walser beharrt Schmit auf Spracheigenheiten. So generiert er neue Wörter wie „Unlogischkeiten“ oder „Zeitwinkel“, sagt „Population“ statt „Publikation“ und Pellkartoffeln werden vom notorischen Kleinschreiber „pell/karto/ffel/n“ geschrieben.


Offene Ästhetik 2: „verkeerter vermeer“

Dass das berühmte Gemälde von René Magritte „Dies ist keine Pfeife“, Schmit herausfordern muss, liegt nahe, thematisiert Magritte auf dem Bild die Differenz von Abbildung und Realität spielerisch. Als Verdoppelung der Magritte-Ironie erscheint nun dessen Gemälde unter der laufenden Schmit-Nummer 270 mit dem Bildtitel „Ich bin kein Magritte“ und statt der Pfeife sieht man zum Text „Dies ist keine Pfeife“ ein Eichhörnchen. So als schreibe er über sich, spricht Schmit über Magritte als von einem, der „ohne Rücksicht auf Zeitstilgeschmack und Malstilgeschmack“, seine „verrückten...Bilder gemalt“ habe. Um Ver-Rückungen geht es auch bei Schmit und dafür eröffneten ihm eine Reihe von Galerien Spielräume, die er im Gespräch nennt: Galerie Parnass, Armin Hundertmark, Kasper und Walther König, Barbara Wien, René Block, Galerie Michael Werner und Wendelin Niedlich.


Offene Ästhetik 3: „MIR zentral ist dieser graue flickerl-teppich“

An diesem Teppich wob Schmit beharrlich und suchte nach dem Flickerl „Visuelle Poesie“. Da traf er sich mit Gerhard Rühm und war 1964 in einer Berliner Ausstellung dabei. Abgebildet ist im Wien-Katalog sein berühmtes „Schreibmaschinengedicht“ von 1963. Auf einem anderen Flickerl steht dann Kalligraphie, klar erkennbar sind Schmits Anleihen bei fernöstlicher Kunst.


Offene Ästhetik 4: e-constellations

Im Werkverzeichnis 4 und im Wien-Katalog wurden Abbildungen der Stills aus dem Schmit-Film „e-constellations“ von 2004 aufgenommen. Zu sehen sind auf diesen Bildern, die auch als ironischer Kommentar auf das Wissenschaftsjahr 2009, das der Astronomie gewidmet ist, verstanden werden können, vor allem frei erfundene Sternbilder, die als „gleisschaden“, „frosch“ oder „tischtennisspieler“ firmieren. So leicht das alles bei Schmit scheint, auch zum Darwin-Jahr und der Evolution hat er etwas zu sagen, so stellt er in seinen künstlerischen Reflexionen wissenschaftliche Fragen, die kaum ein Wissenschaftler zu fragen wagt: „Woher weiß ein Chamäleon, welche Farbe es annehmen soll?“. Immerhin, ein Wissenschaftler nahm ihn ernst und veröffentlichte in der renommierten naturwissenschaftlichen Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ eine Rezension zu einem Schmit-Buch.

Offene Ästhetik 5: „ich flöte vernunft“

ist ein Anagramm von „unveröffentlicht“ und am 26.9.2005 sagte Schmit zu Lukatsch auf deren Frage, wie er auf das Anagrammieren gekommen sei, er habe es halt ausprobiert. Aus der Probe wurde mehr und so permutierte Schmit immer weiter, aus „unikat“, auch eine Arbeit von ihm, lassen sich 720 Variationen erstellen. Auch im Fall dieser reinen Textarbeit, ist ein Bezug zur Wissenschaft, der Mathematik, vorhanden. Im Katalog „Können Menschen denken?“ werden vor allem auf Schmits Bezüge zur Wissenschaft hervorgehoben und im Textbeitrag von Stefan Ripplinger gibt darüberhinaus eine kleine Einführung zu Berührungspunkten von Kunst / Ästhetik, Wissenschaft und Erkenntnistheorie. Eine Arbeit von Schmit, das 2005 entstandene „purzel-puzzle“, demonstriert sehr schön optische Täuschungen, die alles Denken übersteigen. Zwar fand Schmit, dass „alle Materie aus mißratenen Zeichnungen“ bestehe, seine allerdings sind so herrlich verspielt und ernst zugleich, dass sie, nun auch auf Materie, meist auf Papier, gebracht, allesamt Ausnahmen seines Diktums sind.


„das können ameisen besser“

wird im vierten Katalog des Werkverzeichnisses als Nummer 550 geführt. Abgebildet sind zwei Schmit-Blätter mit diagonal über die Seiten verlaufenden farbigen Punkten. Kleine Ameisenstraßen könnten es sein, die sich „z.B. einen geraden, direkten heimweg sich ausdenken...“. Einen solchen dachte Schmit für sich zwar nicht aus, jedenfalls steht davon nichts im Katalog, eine solche Heimat jedoch bot ihm Barbara Wien und so war sie es auch, zusammen mit Wilma Lukatsch, die den vierten Katalog bearbeitete und zusammenstellte. Besser, auch wenn Ameisen beteiligt wären, kann man das hinterlassene Konvolut des Künstlers nicht bearbeiten und auch die Gespräche, die Kai-Morten Vollmer transkribierte, stellten hohe Anforderungen. Schmit veröffentlichte im Laufe seines Lebens „ein meer – von büchern“. Viele davon sind vergriffen, manche Texte sind schwer zugänglich und so besteht der Wien-Katalog aus einem zweiten Teil, einem Anhang, der diese Texte, auch bislang unveröffentlichte, präsentiert. Insbesondere dieser Katalog bietet einen unterhaltsamen und guten Einstieg in Leben, Denken und Werk von „akrobat“ Schmit, der stets von konkreten Beobachtungen ausgehend sich mit Neugier den Phänomenen der Welt stellte. Er nannte dies „Scharren am Zaun“. Barbara Wien und Wilma Lukatsch bauten in diesen eine Tür ein, eine andere freilich führt in eine Buchhandlung. Diesem Berufsstand verschrieb sich Schmit: „was kann einen buchhändler mehr erfreuen als ein praktisch leeres regal?!“

Barbara Wien / Wilma Lukatsch (Hrsg.) (2007) tomas schmit / katalog 4. kart., 220 S., durchgehend farbige Abb., 20,5 x 15 cm. Köln. Verlag der Buchhandlung Walther König. ISBN: 978-3-86560-243-5. EUR 38,00

Julia Friedrich (Hrsg.) (2007) Tomas Schmit. Können Menschen denken? Beiträge von Julia Friedrich, Kasper König, Stefan Ripplinger. kart., 70 S., zahlreiche, meist farbige Abb., 21 x 15 cm. Köln. Museum Ludwig / Verlag der Buchhandlung Walther König. ISBN: 978-3-86560-264-0. € 9,80
29.6.2009
Sigrid Gaisreiter
Tomas Schmit / Wilma Lukatsch (2008) Dreizehn Montagsgespräche. kart., 408 S., 288 farbige Abb., 27 x 21 cm. Wiens Verlag, Berlin 2008. EUR 39,80
ISBN 978-3-9811288-1-9
 
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