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Hans Belting, Bild-Anthropologie. Körper-Bild-Medium

Im Juni schrieb Jean Christophe Amman in der FAZ in seinem Plädoyer für die Verteidung des Menschenbildes in der neueren Malerei: „Weil sich die Neugier und der Wissensdrang der Menschen nicht eingrenzen lassen, ist es so wichtig, den anthropologischen Konstanten Gehör zu verschaffen...". Zu den Vorzügen von Hans Beltings neuestem Buch „Bild-Anthropologie“ gehört, dass er genau in Ammans Sinne Gedanken formuliert, die die Frühgeschichte visueller anthropologischer Konstanten und Grunderfahrungen betrifft, die in der Gegenwart so merkwürdig konturlos erscheinen. Alle acht Aufsätze Beltings kreisen um Kontexte, die in der neuesten Kunstgeschichte als Wende zu einer noch nicht formulierten BILD-Wissenschaft, zu einer umfassenden Theorie des Bildes diskutiert und eingefordert werden. Belting präsentiert neben Ergebnissen auch Fragmente und überraschend „konservative“ Einsichten auf dem Weg zu deren Formulierung.
„Es ist immer noch Usus, in Bildern lieber die Produktionsweise zu beschreiben, als sie im medialen Dialog mit einem Betrachter zu sehen, der seine Bildwünsche auf diese überträgt und an ihnen neue Erfahrungen macht“ (S. 41). Immer wieder betont Belting, dass es ihm neben der Theorie des Bildes um den Betrachter geht, der an der „Erweiterung seiner Imagination“ arbeite (S. 43). Hier bringt Belting die selten reflektierte Frage auf den Punkt: wie sich im Betrachter das mentale Bild eines Bildes formen wird und welche Prozesse dabei wirken: „Die Grenzziehung zwischen dem, was Bild und dem was nicht Bild ist, ist in unserem inneren Bildgedächtnis und in der Bildphantasie bereits angelegt. Dort findet ein Selektionsprozeß statt, aus dem die Bilder mit einer besonderen Verdichtung und Intensität hervorgehen“ (S. 3).
Gleichzeitig betont Belting, dass es ihm um die Markierung offener Räume geht: „Zwischen Bildern und Orten bestehen Beziehungen, die noch keine Interpreten gefunden haben“ (S. 61). Nicht nur hier gelingen dem Autor außerordentlich fruchtbare Einsichten. Die Aura der alten Bilder war, so Belting, mit einem sublimen Ortsbegriff (S. 61) verbunden, der sich in den digitalen Bildern verwandelt habe: „Wir ersetzen sie mit Bildern von Orten, die wir auf dem Bildschirm empfangen. Viele Orte existieren für uns, wie früher nur die Orte der Vergangenheit, allein als Bilder. Man hat sich immer von Orten ein Bild gemacht und sie als Bild erinnert, aber das setzte voraus, dass man an ihnen gewesen war. (...) Heute dagegen kennen wir viele Orte nur im Bild, in dem sie für uns eine Präsenz anderer Art gewonnen haben. Damit verschiebt sich die Relation von Bild und Ort. Statt Bilder an bestimmten Orten zu suchen, besuchen wir heute lieber Orte im Bild“ (S. 61).
Einen zentralen Aspekt in Beltings Überlegungen nimmt der Körper ein: Kann man den Körper auf ein Bild reduzieren fragt er (S. 87) und konstatiert, dass der Körper selbst ein Bild sei, bevor er in Bildern nachgebildet werde. Aus dieser Vorüberlegung problematisiert Belting die Geschichte einer Dreiecksbeziehung zwischen „Mensch-Körper-Bild“, die in der heutigen Diskussion häufig nur auf ihre Teilgrößen bezogen werde. Belting versteht den Körper als Trägermedium, das sowohl sterbliche Person als auch eine unsterbliche soziale Rolle verkörpern konnte, was in der mittelalterlichen Grabmalskulptur deutlich wird: „Was man sah, war ein Bild, und was man nicht sah, war ein Leichnam“ (S.98). Aus dem natürlichen Körper wurde so ein repräsentierter, sozial und ästhetisch normierter Bildkörper, in dem sich die Relationen von Leben und Tod wandelten. Im Bildkörper wird die Wahrheit über die Natur (den Tod) verborgen und die Illusion über den Repräsentationscharakter des „Bild-Körpers“ inszeniert. Die Wahrheit des Körpers ist der Schein seiner Inszenierbarkeit – ein Modell, in dem Belting die Widersprüche zwischen Sein und Schein, Leben und Tod, Illusion und Realität als Folge eines Auflösungsprozesses deutet, in dem die Repräsentation in die doppelten Beziehungen eines medialisierten Bild-Körpers aufgelöst wird. Das Bild (des ursprünglichen Körpers) bezieht sich in dreifacher Beziehung auf das Bild einer vergehenden Natur, einer sozial/ästhetisch bestimmten Kultur und einem aktuellen Medium der Darstellung und dessen Versuch, zwischen diesen beiden Medien eigene Markierungen zu setzen.
Zu den spannendsten Aspekten dieses Buches gehören sicherlich die Überlegungen, die Belting zur Geschichte des Bildzaubers und der Animation frühester (Ur)bilder anstellt. „Bilder waren im Totenkult Ausdruck und Begleitung von Handlungen, waren Masken, Bemalungen. Verkleidungen... noch bevor sie sich vom Körper lösten und ihn in der Puppe oder dem Fetisch verdoppelten. (...) In der Stellvertretung lag schon die Absicht, einen Körper entweder zu verwandeln oder zu verdoppeln“ (S. 118). Es ist faszinierend zu verfolgen, welche Konsequenzen der Autor aus diesen Vorausetzungen frühesten Bildermachens zieht: die Ähnlichkeit – zentrale Vorausetzung im frühen Totenkult – garantierte die Wirklichkeit des Bildzaubers und der Beseelung des Bildes in der Erinnerung des Betrachtenden. Genau dieser Aspekt sei in der technologischen Abbildung des Körpers ausgefallen. In der heute digitalisierten Moderne haben sich die Bilder vom Körper gelöst. Die heutigen (fotografischen) Bilder sind „die Nomaden der Medien. Sie schlagen in jedem neuen Medium ihre Zelte, auf bevor sie in das nächste weiterziehen. Es wäre ein Irrtum, die Bilder mit den Medien zu verwechseln. Die Medien selbst sind ein Archiv von toten Bildern, die wir erst in unserem Blick animieren.“ (S. 214). Belting geht davon aus, dass das Medium als eine technische Erfindung und das Bild als ein symbolischer Sinn des Mediums fungiere. Was heute interessiere, sei die Interaktion zwischen den medialen, körperlosen Bildern und den Medien, deren Wahrnehmung den heutigen Körpern so vielfältige Möglichkeiten einer inneren Wandlung bieten. Die Bilder entstehen dabei in einer Geschichte visueller Medien, die einander ablösen, aber auch während ihrer Aktualität eine interne Wandlung durchlebt haben (S. 227).
Wer hofft, mit Beltings ins Grundsätzliche zielenden Einsichten eine in sich abgeschlossene Theorie zu einer Bild-Anthropologie in den Händen zu halten, der irrt. An einigen Stellen hätte man ausführliche Exkurse zu wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten erwartet (Aby Warburgs und Walter Benjamins Überlegungen zur historischen Funktion der Bildmagie fallen m. E etwas dürftig aus). Beltings Buch ist eine imponierende wissenschaftliche Darstellung mit hohem Zukunftswert. So wie das vom Autor immer wieder beschworene Bild ist auch der Leser als textorientiertes Medium darauf angewiesen, den historischen Sinn zwischen den unterschiedlichen Bezügen und Elementen zu erkennen und diesen – in seiner jeweiligen Gegenwart – in weitergehende Bild-Medien zu verwandeln.
21.10.2001
Michael Kröger
Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. 278 S., 180 sw. Abb. (Bild u.Text ) Pb. Wilhelm Fink, Paderborn 2005. EUR 25,90
ISBN 3-7705-3449-2
 
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