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Verlorene Bilder verlorene Leben

Im größten Kunstraum aller Zeiten enteignete das Naziregime etwa 600 000 Kunstwerke aus jüdischem Besitz. Sie wurden gestohlen, beschlagnahmt, eingezogen, zwangsverkauft oder versteigert. Seit 1945 bemühen sich Geschädigte und Erben meist mit mäßigem Erfolg um die Rückgabe ihrer „verlorenen“ Bilder, den oft letzten physisch greifbaren Erinnerungen an die in der NS-Zeit „verlorenen Leben“.
Während die Medien häufig nur über die heute zu erzielenden Kaufpreise der Bilder berichten und das Schicksal der beraubten Eigentümer ausblenden, geht es in diesem Buch um die Sammler und Mäzene, die diese Kunstwerke erwarben, besaßen und verloren, weil sie als Juden oder „jüdisch Versippte“ von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.
Melissa Müller, bekannt für zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. eine Biographie zu Anne Frank und die Erzählungen von Hitlers Sekretärin sowie Monika Tatzkow, die 1992 den Wissenschaftlichen Dokumentationsdienst für Offene Vermögensfragen in Berlin „Dr. Tatzkow und Partner“ gründete, recherchierten jahrelang für die nun vorliegenden Biographien in vielen Ländern Europas und in den USA.

Die Autorinnen verfolgten den Weg berühmter Kunstwerke wie Edgar Degas „Harlekin und Columbine“ aus der Sammlung Robert von Mendelsohn, Franz Marc’s „Kühe“, die „Stockhornkette mit Thunersee“ von Ferdinand Hodler, Edvard Munchs „Sommernacht am Strand“ oder Ernst Ludwig Kirchners berühmte „Straßenszene“, um nur einige der geraubten Kunstwerke zu nennen.

Den Autorinnen wurden zahlreiches, bislang unveröffentlichtes Bildmaterial und persönliche Dokumente von Familienmitgliedern zur Verfügung gestellt oder von ihnen und ihren Mitarbeitern Thomas Blubacher und Gunnar Schnabel in Archiven aufgefunden. Wie sehr die Überlebenden und ihre Nachkommen, denen oft nur die Suche nach ihren verlorenen Bildern geblieben ist, in ihren jahrzehntelangen Bemühungen gedemütigt, nochmals enteignet und betrogen wurden, wirft ein düsteres Licht auf den Umgang vieler Direktoren von Museen und Institutionen mit der gnadenlosen Geschichte des Naziregimes. Aber auch manche Politiker, Inhaber von Auktionshäusern und private Besitzer bemächtigten sich ohne Skrupel der geraubten Kunst.

Eindrucksvoll und erschütternd erzählt dieses Buch über das Schicksal der Künstler, ihrer Sammler und Mäzenen, die hinter den Kunstwerken stehen und gibt tiefe Einblicke, welche verschlungenen Wege die Kunstwerke genommen haben, die nur durch detektivische und juristische Feinarbeit aufgedeckt werden konnten.
Ein wichtiges Buch, das einen eindrucksvollen Beitrag leistet, das Schicksal der Sammler und Mäzene einst verfemter Künstler nicht zu vergessen.

An dieser Stelle wäre noch hinzufügen, dass sich am 30 Juni 2009 erneut Politiker, Opfervertreter, Juristen und Kunstexperten in Prag zusammenfanden, um feierlich ein Dokument zu verkünden, das den Umgang mit Raubkunst besser regeln soll. Das kann aber lediglich nur ein Signal sein, denn keiner der unterzeichnenden Staaten ist an diese Vereinbarungen gesetzlich gebunden. Einige Staaten verbieten sogar jede Ausfuhr von Kunstwerken. Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, gehen Experten davon aus, dass noch 100 000 Objekte zweifelhafter Herkunft verschollen sind. Georg Heuberger von der Jewish Claims Conference fordert darum unter anderem, dass die Kunstsammlungen von sich aus ihre Bestände durchforsten und deren Herkunft überprüfen. „Es könne nicht sein“, so Heuberger, „dass man wartet, bis sich jemand meldet, der Anspruch auf ein bestimmtes Bild erhebt“.

3.7.2009
Gabriele Klempert
Müller, Melissa /Tatzkow, Monika: Verlorene Bilder verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihnen und ihren Kunstwerken wurde. 2008. 150 S. 21 x 27,5 cm. Gb EUR 29,80
ISBN 3-938045-30-2
 
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