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Das ABC des Bildes

Wie kaum ein zweites Phänomen in Kunst und Gesellschaft, bedarf das Bild einer grundsätzlichen Klärung in einer allgemein verständlichen Darstellung, weil der Umgang mit Bildern und die Nutzung von Bildmedien eines Fundaments bedarf, was unter Bild historisch, theoretisch und praktisch zu verstehen sein könnte. Der Konjunktiv zeigt es an, einfach ist diese Frage, gleichwohl Bilder ubiquitär verbreitet sind, nicht zu beantworten. Diesem Thema widmet sich die Abhandlung von Matthias Bruhn in „Das Bild“, das zu einer neuen Reihe von Studienbüchern gehört, die der Akademie Verlag zu unterschiedlichen Sachverhalten konzipierte.

Auf 250 Seiten geht der Autor, Mitarbeiter am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität Berlin, jeder nur erdenklichen Facette zum Thema Bild nach und er beginnt den umgangssprachlichen Gebrauch, dass meist unter Bild ein Tafelbild verstanden und der Begriff dementsprechend fast synonym verwendet wird, zurechtzurücken, denn das Bild entzöge sich, so der Autor, einer essentialistischen Begrifflichkeit. Was damit gemeint ist, erschließt sich jedoch allenfalls einem akademisch gebildeten Publikum. An dieser Stelle hätte der Autor ein wenig weiter ausholen sollen. Knapp formuliert, eine Auskunft zum Wesen des Bildes, die sich häufig in die Frage „Was ist ein Bild?“ kleidet, kann nicht gegeben werden, obwohl gerade dies wahrscheinlich von Lesern erwartet wird. Aus dieser Lage macht Bruhn das Beste und bietet ein großes Spektrum möglicher Zugangsweisen zum Thema Bild und setzt zu einer Abhandlung über Begriffssemantiken an, die kultur- und sprachübergreifend angelegt und historisch bedingt ist. Zwar als „Studienbuch“ betitelt und damit eher in den Hochschulbereich eingerückt, nimmt Bruhn, bedingt durch die Formatvorlage der Gesamtreihe Studienbücher, die am Textrand den jeweils verhandelten Sachverhalt in einer fett gedruckten Überschrift prägnant zusammenfasst, ein möglichst großes Publikum mit auf seine Reise durch Bildwelten.

Im ersten Kapitel werden, nach einer kurzen Einführung, die nächsten behandelten Aspekte vorgestellt. Auf die Betrachtungsweisen von Bildern (1.1.) folgen mit (1.2.) Begrifflichkeiten usw. Die Mehrheit der Bilder, so der Autor auf S. 13, wären eher dem Bereich Grafik, wie z.B. Piktogrammen, zuzuordnen, als einem Gemälde. Das englische „picture“ meint eine einzelne Darstellung, „„image“ allgemeine oder kollektive Phänomene wie z.B. das Erscheinungsbild“. Jedes Kapitel endet mit einem Teil, wie er in Schulbüchern zu finden ist, in dem Vertiefungsfragen und Lektüreempfehlungen angesiedelt sind.

Im zweiten Kapitel geht es um Bildträger und Bildmedien. Bruhn ist mit dem Metier Bild bestens vertraut, baut in diesem, wie in alle anderen Teilen, mal in Nebensätzen versteckt, dann etwas ausführlicher, viel Wissenswertes ein und erklärt Sachverhalte, etwa die Abbildlehre von Platon, leicht verständlich. Damit sich Zusammenhänge erkennen lassen wird darüberhinaus, sofern der behandelte Aspekt an anderer Stelle weiter behandelt wird, in Klammern auf die Fortführung im entsprechenden Kapitel verwiesen. Selbstredend werden zahlreiche Hinweise zum Forschungsstand bzw. zu Forschungsgegenständen einer Bildwissenschaft bzw. von Wissenschaften in diesem Umfeld gegeben.

In insgesamt 14 Kapiteln geht es um „Das Bild als Wissensmodell“, darin z.B. um das Diagramm als Bildgattung, um „Bewegte Bilder“, „Standpunkte der Betrachtung“, Funktionen, Märkte, vergleichende Bilder, um den Gebrauch von „Farbe und Linie“, „Formen und Wahrnehmung“, „Geschichte, Sprache, Diskurs“. Bruhn, das wird in allen Sektionen deutlich, beherrscht sein Handwerk exzellent und jede Schwierigkeit auf diesem Parcours bewältigt er souverän.

Horst Bredekamp diagnostizierte in seinem Aufsatz „Das Bild als Leitbild“, trotz der Allgegenwart von Bildern, analog des Analphabetismus, einen Anikonismus. Gemeint ist damit die Unfähigkeit, Bilder deuten zu können. Angesichts dieses Bild-Analphetismus ist nicht nur eine Schulung des Sehvermögens vonnöten, sondern auch eine Schulung zu Motiven, Themen, Formen, Geschichte, Funktion und Materialität von Bildern und ihrer Kontexte. Matthias Bruhn, einer der Mitherausgeber der von Bredekamp herausgegeben Reihe „Bildwelten des Wissens“ gelang mit dieser Publikation eine Fibel des Bildes. Insofern kann hier jeder Interessierte das Alphabet der Bilder lernen und sich darüber hinaus, mittels umfangreichem Serviceteil, weiterbilden. Dieses Angebot ist konkurrenzlos, enthält es, neben einer, nach unterschiedlichen Sachfragen strukturierten, Bibliographie, auch Hinweise zu Institutionen und Organisationen, die sich, auch im Internet (Netzwerke, Portale, Blogs) mit Fragen zu Bildern beschäftigen. Hinweise zu Bildarchiven, eine Bibliographie der zitierten Literatur und ein Glossar nebst Sachregister ergänzen dieses Grundlagenwerk.
22.7.2009
Sigrid Gaisreiter
Matthias Bruhn. Das Bild. Theorie – Geschichte – Praxis. 255 S., 14 fb. u. 32 sw Abb., Br. Akademie Verlag, Berlin 2009. EUR 19,80
ISBN 978-3-05-004367-8
 
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