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Die Große Unschuld

Anlässlich einer Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld erschien 2009 der Katalog „1968. Die Große Unschuld“. Der Katalog beschreibt eine der interessantesten politischen Bewegungen Deutschlands, die auch, oder besonders in der Kunst einen nachhaltigen Ausdruck fand. In 20 Kapiteln und auf über 500 Seiten werden die verschiedensten Themenbereiche der Ausstellung wissenschaftlich aufgearbeitet. So widmet sich Thomas Kellein in seinem Einführungstext „Das Individuum als Gesetzgeber" der Veränderung des Selbstverständnisses von Künstlern. „Zwischen 'Serieller Formation' und Ironie" erkennt er „Das Erwachen Deutschlands". Der so genannten „heißen Viertelstunde", Österreichs Beitrag zum Jahr 1968, widmet sich Roman Grabner in seinem Essay „'geht's heim zu mutti!'" Über den Beitrag der Künstlerinnen zum Umbruchjahr 1968 informiert Daniel Neugebauers Beitrag „Mit Körpern und Kanonen. Kunst und Geschlecht ab 1968".

Der Kulturumbruch, der heute als „Die-68er-Bewegung“ bezeichnetet wird, ist gekennzeichnet von einer politisch-gesellschaftlichen Erneuerung und dem Aufbruch zu einer grundlegenden künstlerischen Weltvermessung und Weltveränderung. Von Joseph Beuys bis Andy Warhol, von Louise Bourgeois bis zu Lawrence Weiner wird unter der Jahreszahl 1968 eine provokant vorgetragene Korrektur des Kunstsystems erkennbar.

1967 gründet Joseph Beuys „Die Deutsche Studentenpartei", der alle Menschen angehören sollen und Andy Warhol vergrößert seine bekannten Bildmotive, um mit neuen Formaten ganze Säle zu füllen. Louise Bourgois hat mit ihrem „Molotov Cocktail" ein bronzenes Gewaltstück geschaffen, eine der ersten feministischen Skulpturen und die „Land Art"-Künstler suchen Orte abseits des Museums auf.
Ihnen geht es um die Ruhe des Atems, das Plätschern des Wassers oder die Brise frischer Luft. In Gerry Schums Fernsehfilm zur „Land Art" hört man Richard Long, wie er Luft holend durch die englische Landschaft läuft, ohne sich zu zeigen. Jan Dibbets zieht mit dem Bulldozer Furchen in den Strand, unmittelbar anschließend erlebt man, wie die Nordsee seine perspektivische Zeichnung überspült. Der Band „Die Große Unschuld" demonstriert eine Fülle dieser künstlerischen Mittel und Methoden. Von Eva Hesse stammen Metallkisten namens „Accession“, deren Kunststoffbürsten weibliche Intimität suggerieren. Claes Oldenburg empfiehlt in der Kopfform von Bürgermeister Daley, der 1968 in Chicago 20.000 Soldaten, Nationalgardisten und Polizisten einen brutalen Einsatz gegen Demonstranten befiehlt, eine riesige, umgedrehte Skulptur zu errichten und Dieter Roth legt Fett absondernde Wurstscheiben auf farbige Papiere in Plastikhüllen und nennt die unappetitlich wachsenden Ränder „Sonnenuntergang" und Daniel Buren beginnt an verschiedensten Ausstellungsorten im Außenraum gleichmäßig breite Markisenstreifen zu applizieren. Das Machen, Verbreiten und Wahrnehmen von Kunst wird instrumentell. Die Künstler erzwingen individuell und in Kollektiven wegweisende Veränderungen.

Mehr als 300 Werke in diesem Buch zeigen, in welchem Umfang und mit welchen Methoden die Weltvermessung beginnt. Das kreative Ich stellt sich nach Jahrzehnten tradierter Kunstvermittlung unübersehbar in den Mittelpunkt.
Museen, Galerien und Sammler denken sehr rasch um. Der Impuls wirkt grundsätzlich wie nie. Vor allem in Deutschland schlägt sich die Veränderung in der öffentlichen Präsentation neuester Sammlungen nieder. Die Epoche des zeitgenössischen Kunstmuseums beginnt. Summarisch eröffnet Theodor W, Adorno seine „Ästhetische Theorie" von 1969 mit dem Satz, dass „zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht".

Ein Buch, dass allen politisch interessierten, aktiven und kreativen Lesern empfohlen sei.
7. 10. 2009
Gabriele Klempert
1968. Die Große Unschuld. Hrsg. v. Kellein, Thomas. 528 S., 400 fb. Abb. 24 x 17 cm. Gb Dumont, Köln 2009. EUR 49,95
ISBN 978-3-8321-9168-9
 
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