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Fritz Kahn - Man Machine

Das Bedürfnis, das zunächst naturgegebene Verhältnis von Menschen und Welt mittels der Technik gestaltend zu verändern ist alt und findet sich im Ikaros-Motiv schon in der griechischen Antike. Die Idee einer scheinbaren Erklärung des Menschen als Räderwerk, als eine Maschine, greift sich dann Raum im europäischen Materialismus des späten 17. Jahrhunderts. René Descartes erklärt das Tier als eine Maschine. Hundert Jahre später wird auch der Mensch als Maschine gesehen. Von hier weist eine geistesgeschichtliche Linie über die Technikbegeisterung der italienischen Futuristen und anderer im frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die Gegenwart. Heute wird auch das Einseitige solcher Betrachtung des Menschen erlebbar. Fritz Kahn (1888-1968), ein auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisierter Arzt in Berlin und Bestsellerautor, später vor den Nationalsozialisten, die seine Bücher verbrennen, auf der Flucht und im Exil lebend, steht in dieser Tradition, freilich mit einer fast märchenhaft anmutenden Naivität.

In sein Lebenswerk führt die erste Monografie überhaupt über den jüdischen Arzt und Forscher in großartiger Weise ein. Ihre Bedeutung ist nicht gering, ist doch aufgrund der bewegten Lebensgeschichte Fritz Kahns, der 1968 in der Schweiz stirbt, kein eigentlicher Nachlass vorhanden. Zudem sind die Texte – ein Vorwort sowie kurze thematische Einleitungen zu bestimmten Gesichtspunkten seines Schaffens und vor allem der Essay „Humanist und technischer Aufklärer“ und das Porträt „Meister und Manipulierer“ – ausgesprochen lebendig und einfühlsam geschrieben. Fritz Kahns reichhaltiges publizistisches und volksaufklärerisches Werk ist auch von künstlerischem Interesse, da der umtriebige Gelehrte eine Schar heute nur schwer identifizierbarer Künstler – im altmeisterlichen Stil sozusagen – mit der Illustration seiner Publikationen, allen voran die fünf Bände seines Hauptwerkes „Das Leben des Menschen“ beauftragte.

Das Buch bietet wesentliche Einsichten in Fritz Kahns schriftstellerisches Oeuvre, in dem sich nicht zuletzt auch ein Abschnitt europäischer Technikgeschichte spiegelt, dessen Auswirkungen wir in der Gegenwart teilweise schmerzlich erfahren. Doch vielleicht gerade deshalb, lohnt eine Auseinandersetzung mit dieser Persönlichkeit, deren Leben trotz vieler Schicksalsschläge bis ins hohe Lebensalter eine bemerkenswerte Zuversicht in die eigene Biografie erkennen lässt.
25.03.2010
Matthias Mochner
Debschitz, Uta von /Debschitz, Thilo von: Fritz Kahn. Man Machine - Maschine Mensch. Beitr. v. Borck,C. /Eilers, M. 2009. 208 S., 259 fb. Abb. Springer Verlag, Wien 2009. Gb EUR 49,95
ISBN 978-3-211-99181-7
 
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