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Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie

Entfaltung
Ein altes Material, Papier, gelangt in letzter Zeit zu neuer Wertschätzung in Kunst, Design, Architektur, Film und Industrie. Das hat viele Gründe, nicht zuletzt ökologische, da Papier aus nachwachsendem Rohstoff erzeugt wird. Gleich mehrere Autoren bemühen sich die Wertschätzung von Papier zu steigern. So erschienen fast gleichzeitig zwei größere Publikationen zum Werkstoff Papier, die sich gut ergänzen. Robert Klanten betitelt sein im Verlag Gestalten erschienenes Werk mit „papercraft – Design and Art with Paper“, das Autorinnenduo Petra Schmidt und Nicola Stattmann halten es mit „Unfolded – Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie. Der Verlag Birkhäuser signalisiert mit dem auf dem Umschlag angebrachten Aufkleber „Paper goes 3D“ auf die Möglichkeiten räumlichen Gestaltens mit Papier und papierähnlichem Material.

Laufrichtung 1
Das Autorinnenduo Schmidt / Stattmann, beide im Bereich Design tätig, ist davon überzeugt, dass „Papier ein Material“ sei, von dem „wir in den nächsten Jahren noch einiges zu erwarten haben.“ Ihr Buch sei „erst der Anfang“. Was sie als Anfang präsentieren, besticht durch eine große Bandbreite. Geschickt teilten sie ihre Untersuchung in zwei Kapitel. Das erste präsentiert Projekte und im zweiten stellen sie Materialien und Technologien vor.

Ein visuelles Erlebnis bietet der erste Teil und bietet in einem, in alphabetischer Reihenfolge der Namen der Gestalter strukturieren, Durchgang ein großes Spektrum an Anwendungsbereichen auf. Es handelt sich um Gebrauchsgegenstände wie Mode, Schmuck, Inneneinrichtungen / Räume und Gebäude, Behältnisse und Schreibwaren aller Art und um technische Geräte wie Uhren, Telefone, Radios und Flugzeuge und um Buchkunst. Auch der Bereich der freien Künste ist vertreten, wenngleich der Fokus auf den angewandten Künsten liegt. Die Autorinnen wurden in Europa, Amerika, Australien und Asien fündig und präsentieren Arbeiten von 78 Gestaltern. Zu jeder Abbildung der Werke setzten sie Basisinformationen wie Titel des Werkes, Herstellungsdatum, verwendetes Material, Namen der Auftraggeber und eine Ortsangabe zur Plazierung des jeweiligen Gegenstands. In einem kurzen Textteil besprechen sie die Objekte. Man erfährt auch, von welchen Ideen die Gestalter beflügelt wurden und wie sie diese umsetzten. Deren Experimentierfreude ist groß und so begegnet man verschiedenen Papieren und Techniken. Kombinieren die einen alte Techniken mit neuen Herstellverfahren und neuen Papierqualitäten, so setzen andere darauf, gebrauchtes Papier neuen Verwendungsmöglichkeiten zuzuführen. Die Untersuchung zeigt viele Facetten unterschiedlicher Anwendungen. Zwar kommen diese noch nicht massenhaft zum Einsatz, aber die Autorinne sind von deren großem wirtschaftlichen und ökologischen Potenzial überzeugt. Dazu kommt, dass Ökologisches auch ästhetischen Reiz entfaltet. Dass hier Vordenker am Werk sind, zeigt sich auch daran, dass es keineswegs abwegig ist, ein Telefon (Design: Priestman Goode / London) oder Radiogehäuse (Marine Rouit / Paris) aus Papier zu gestalten. So entwickelte der in Stanford lehrende Materialwissenschaftler Yi Cui aus einem Briefbogen mit Nanotinte eine Batterie.

Papier verwenden heißt auch, sich über Material und Techniken zu informieren. Zu diesem Zweck konzipierten sie Autorinnen den zweiten Teil als Sammlung neuester Verfahren bei der Papierherstellung und zu Papiersorten. Dort trifft man auf Nanopapier, silikonisiertes Kraftpapier, wasser- feuer- reiss- und wetterfestes Papier und es gibt auf atmungsaktives Papier. Es kann geschichtet, geschäumt, geschöpft, gelasert oder chemisch und elektronisch behandelt werden. Es gibt Keramik- und Kompositpapier und Vieles mehr. Wer sich über Grundlagen zum Papier informieren möchte, sei auf den „Werkbericht >>P<<“ des Designlabors Gutenberg an der Fachhochschule Mainz verwiesen, der nicht nur ein exzellentes Papieralphabet, von A wie „Abfallholz“ bis Z wie „Zellstoff“ enthält, sondern auch über Bezugsquellen für Papier und ökologische Aspekte aufklärt.

Laufrichtung 2
Fasziniert vom Werkstoff Papier ist auch Robert Klanten und spricht in der englischsprachigen Publikation vom „return to a physical medium“ als Kehrseite der digitalen Revolution, die auf Immaterielles setzte. Ganz à jour spielt Klanten damit auf den von den Kulturwissenschaften ausgerufenen material turn an. Es ist schön, dass von diesem Turn auch das Material Papier profitiert. Es zeigt sich gerade nicht als Papiertiger, sondern als Kraftpaket, der zudem relativ preisgünstig und überall leicht verfügbarer ist. Wo immer auch die Gründe für die Renaissance des Papiers gesucht werden, allerorten wird geschnitten, gestanzt und gefalzt. Es entstehen aufwendige Werke in kleinteiliger zeitintensiver Handarbeit, die einen ganz eigenen ästhetischen Reiz entfalten. Diesem ist auch Klanten verfallen und führt, nach Funktionsbereichen geordnet, durch die „Unfolded“ (Poster, Collagen, Typographie), „Play und display“ (Objekte, Charaktere, Spiele) gefolgt von „Bespoken reinvention“ (Mode, Kostüme) und von „Shapes and Guises“ (Pop-Up, Buch, Objekte, Schichten) zu „Setting the scene“ (Installationen). Der Phantasie scheint das Papier keine Grenzen zu setzen: aus alten Zeitungen baute Sumer Erek sein „Newspaper House“, Pixelgarten gibt durch einen Papiernachbau von Computermasken einen ironischen Kommentar zur digitalen Welt ab und Owen Gildersleeve landet mit seiner Arbeit „Ithaqua“ mitten in Geschichten des Science-Ficton-Autors H.P.Lovecraft.

Zauberkunst Papier
Nicht wenige der Künstler, die bei Klanten auftreten, schafften den Sprung in Ausstellungen, wie Ferry Staverman oder Yu Jordy Fu. Zu ihnen gesellten sich bei Schmidt / Stattmann, Rob Voerman, Richard Sweeney oder der neue Stern am Kunsthimmel, Thomas Demand, dessen Arbeiten 2009 in der Berliner Neuen Nationalgalerie gezeigt wurden. Ihm verwandt, bauteSarah Illenberger ein „German breakfast“, wie Demand, aus Pappe nach. Doch dem Zauber des Papiers sind noch weitere Künstler erlegen, für die sich kein Platz in beiden Büchern fand. Zu denken ist dabei an Lore Bert, die ihre Papierenvironments auf der ganzen Welt verstreute. Ausgestellt hat sie in der Galerie Dorothea van der Koelen. Diese Galerie zeigte 2009 auch Papierarbeiten von Angela Glajcar, die in einem Katalog, erschienen beim Kerber Verlag, zu bestaunt werden können. Eine Werkgruppe nennt die Künstlerin „Terforationen“. Aus einzelnen übereinander gestapelten großformatigen Papierbögen ergeben sich so sukzessive, Blatt um Blatt, kubistische Großgebilde, die sich stets auf die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten des Ausstellungsortes beziehen.

Papier + Buch = Kunst
Die Welt ist nicht flach – warum sollten es Bücher sein? sagte sich der Papieringenieur David A. Carter und kreierte als Klapp-Art – Pop-Up-Bücher der Sonderklasse. Eines seiner neuesten dreidimensionalen Kunstwerke trägt den schlichten Titel „600 schwarze Punkte“. Diese haben es nicht nur in sich, sondern springen und tanzen den Mondrian-Tanz als Rot-Gelb-Blau-Schwarzes Ballett. Das Wunderwerk erschien beim Verlag Boje, der noch weitere Punktlandungen von Carter bereithält und sein Angebot gerade erweitert hat und ein nettes gelbes Quadrat dem Betrachter zu suchen aufgibt.

Aber wie zaubert Carter aus der Flachware dreidimensionale Werke? Er entschloss sich, sein Können weiterzugeben und sich in seinen Baukasten sehen zu lassen. Herauskam ein Pop-Up-Handbuch als Anleitung zum Selbstbau. Für sein pädagogisch wertvolles Unternehmen gewann Carter mit James Diaz einen weiteren Meister des Fachs. Schritt für Schritt geht es zu Schnitt und Falz. Die Pop-Up-Welt, parallele, abgewinkelte Elemente, Laschen und Drehscheiben, erklären die beiden so einfach, das es jeder, da die einzelnen Elemente auch als dreidimensionale Modelle im Buch vorhanden sind, nachbauen kann. Auf der letzten Seite gibt es Hinweise zu Roh- und Hilfsstoffen und Werkzeugen. Eingepackt hat das Ganze der Verlag Jacoby & Stuart.

Wer nun auf der Suche nach weiteren Anregungen ist, der wird im Buch von Robert Klanten fündig. Auf einer beiliegenden DVD findet sich eine Auswahl verschiedener, ausdruckbarer Schablonen aus der Abteilung „Charakters, Toys“. Wer noch mehr Inspiration benötigt, für den hält die DVD 17 Musik- und Animationsfilme, die unter Verwendung von Papierarbeiten entstanden sind, bereit.

Probierpapier
Geschichten rund um das Papier gibt es viele – aber eine ganze Papierwelt entwarf erst Jörg Hilbert mit den „Pappenheimern“. Sprechende Namen haben die Bewohner dieser Welt, die Papierleute, natürlich auch: Folia, Oktavian, Falzbein und Zwecke, Schnipsel, Blöckchen, Knöllchen, Origami, Zellulose, Papyrus und Zettel. Sie wohnen in einer Stadt, in der alles aus Papier ist und sie selbst natürlich auch. Wer sich von einer Stadt aus Papier eine Vorstellung machen möchte, schlage bei Klanten auf den Seiten 186-194 und auf den Seiten 140-147 nach. Die Pappenheimer möblierten sich zwar fast ausschließlich aus weggeworfenem Verpackungmaterial, waren aber durchaus auch erfinderisch. Auch wenn sie nicht mit den Stylisten wie Colette, Hattie Newman & Co. mithalten können, die Pappeisenbahnen von Jeremias Böttcher wären durchaus nach ihrem Geschmack gewesen. Noch besser hätten sie es allerdings bei Edouard Sautai gehabt, der ihnen gleich ein eigenes Arrondissement mit eigener Nachtbeleuchtung gebaut hat. Wie auch immer, die Papierleute fanden, als der Regen ihr ursprüngliches Quartier hinweg geschwemmt hatte, bei zwei Kindern Asyl. Die Geschichte wurde vom Autor Jörg Hilbert auch illustriert und der Verlag Terzio lädt auf seiner Homepage ein, sich als Pappenheimer-Architekt zu versuchen.

Umlaufbahn Papier
Der britische Philosoph Francis Bacon war 1620 davon überzeugt, dass Papier unter den menschlichen Produkten kaum Seinesgleichen habe. Die Ausgangslage hat sich zwar grundlegend gewandelt und das Material auch, geblieben ist bei allen vorgestellten Künstlern, Designern und Materialwissenschaftlern die Faszination für das altjunge Medium Papier. Davon ließen sich auch die Verlage anstecken. Der Birkhäuser Verlag beauftragte Pixelgarten und diese hüllten, nun aber „folded“, das Kompendium in ein silbergrau schimmerndes Papiergewand. Auch die Fotografen, die die Werke ins rechte Licht rückten, tragen dazu bei, dass die ausgebreitete Materialfülle auch anschaulich wird. Keine Frage, das Autorinnenduo leistete ganze Arbeit. Besser kann man Kenntnisse, ob nun zu Materialeigenschaften oder Technologien von Papier nicht vermitteln.

Michael Klanten sah es spielerisch. Die Stärke des Buches liegt darin, Papierkunst in Verbindung mit anderen Künsten, als großes Augenfest in Szene zu setzen und zum Selbstbau anzuregen. Zum Selbstfalten entwickelten Ulrich Namislow und Stephanie Kaplan vom Designlabor Gutenberg einen Buchstabenfalter: „Ah! BC – es geht!“ Ganz leicht, versprochen.

Sowohl das Buch von Klanten als auch vom Schmidt / Stattmann erschienen 2009, dem „Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation“ und das war ein glücklicher Zufall. Wie die Kreativität der Künstler und das Innovationspotenzial von Papier aber präsentiert wird, ist nicht dem Zufall, sondern der Zusammenarbeit aller Beteiligten geschuldet. Noch viele mehr arbeiten im Schaltwerk Papierkunst – sei es in zwei oder drei Dimensionen. Zum guten Schluss noch ein Papierwerk aus dem Designlabor Gutenberg, einen Faltplan aller heute auf dem Computer verfügbaren Zeichensysteme. Konzipiert wurde dieses geniale und typographisch ansprechend gestaltete Stück von decodeunicode, einer im Studiengang Design an der Fachhochschule Mainz entwickelte unabhängige Plattform für digitale Schriftkultur. Sie brachten die heute, dank des Weltstandards Unicode, mehr als 50.000, auf dem PC abrufbaren, Schriftzeichen in eine Ordnung und leisten damit typografische Grundlagenforschung. Unter http://shop.designinmainz.de sind alle vorgestellten Objekte beziehbar.

Beifall für alle. Auch im Entwurf dieser Papierwerke spielte Digitales und Immaterielles eine große Rolle, das Ergebnis wurde dann aber keinem e-Book, sondern einem herkömmlichen aus Papier anvertraut. Die Freude an diesem Material ist auch bei allen Autoren spürbar. Es stimmt darüber hinaus hoffnungsfroh, zu sehen, wie kreativ und innovativ der akademische Nachwuchs sich diesem Werkstoff angenommen hat und so nimmt man es ihnen auch ab, wenn sie im „Werkbericht >>P<<“ schreiben: „Uns geht es um >>P<< wie Papier.“ Es bleibt nur eines zu wünschen: mehr solcher Papierwerke zum Papier.
7. 4. 2010

Papercraft. Design and Art with Paper. Hrsg. v. Klanten, R. /Ehmann, S. /Meyer, B. 256 S., zahlr. meist fb. Abb. 30 x 24 cm. Gb Die Gestalten, Berlin 2009. EUR 44,00 ISBN 978-3-89955-251-5

Sigrid Gaisreiter
Schmidt, Petra /Stattmann, Nicola: Unfolded. Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie. 2009. 256 S., 300 fb. Abb., 300 fb. Fotos, 28 x 22 cm. Gb EUR 49,90
ISBN 978-3-0346-0031-6
 
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