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Bild und Politik als Bildpolitik

Auf den Spuren der Visual Culture Studies, die sich mit Visualisierungen gesellschaftlicher Verhältnisse befassen, wandelt eine Publikation von Barbara Segelken mit dem Titel „Bilder des Staates – Kammer, Kasten und Tafel als Visualisierungen staatlicher Zusammenhänge“. Es handelt sich um eine veränderte Fassung ihrer am Kunstwissenschaftlichen Seminar an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin entstandenen Dissertation.

Der Fokus der Arbeit liegt dementsprechend auf Bedingungszusammenhängen von Visualisierungsvorgängen. Segelken fragt daher nach der Anschlusskraft von Bildern für politisches Handeln und nach der „gesellschaftlichen Funktion und der politischen Wirksamkeit von Sammlungspraktiken“. Erörtert, so weiter in der Einleitung, werden „Argumentationsstrategien aus Museologie und Staatsbeschreibung mit Blick auf Handhabung und Aufbereitung der gesammelten Informationen und Objekte“. Aufgezeigt werden soll der Zusammenhang von Museologie und Staatsbeschreibung für das späte 17. und 18. Jahrhundert. In der Einleitung betont die Autorin weiter, dass Staatsbeschreibungen, die dem Körper des Regenten und dessen Repräsentationssystemen gilt, in ihrer Untersuchung nicht im Fokus steht, sondern Visualisierungen staatlicher Zusammenhänge, die „nicht unmittelbar den Körper des Königs betreffen.“

Kleine Leerstellen in den Schnittstellen
In ihrer Einleitung skizziert die Autorin kurz ihren zweiteiligen Argumentationsgang. Zunächst soll im ersten Kapitel, anhand von Quellentexten eine systematische Betrachtung erfolgen, in der „enge Bezüge von Museologie und Staatsbeschreibung“ herausgearbeitet werden, um dann den „Umgang mit gesammelten Informationen und Objekten aus museologischer Perspektive anhand der Staatstabelle, als einer Form der Staatsdarstellung, zu untersuchen (Kapitel 2 bis 5). Der zweite Teil gilt einem historischen Beispiel: Brandenburg-Preußen. Leider begründet die Autorin nicht, weshalb sie dieses Ordnungsgebilde ausgewählt hat. Obwohl es eine einfache Begründung gibt, ist das Fehlen einer Begründung misslich, da Nicht-Politologen kaum mit dem historischen Prozess der Staatsbildung, der im 13. Jahrhundert einsetzte, vertraut sein dürften. Brandenburg-Preußen, so darf man spekulieren, wurde von Segelken gewählt, da sich, wegen dessen am weitesten fortgeschrittenen Staatsbildungsprozess, das hier zur Rede stehende Thema am leichtesten nachvollziehbar abbilden lässt.

Da die Autorin beansprucht, Visualisierungen als Erkenntnisqualitäten zu behandeln, wäre es zudem unerlässlich gewesen, sich begrifflich zu positionieren, da der Begriff Visualisierung in den Visual Culture Studies unterschiedlich verwendet wird. Von einem jedoch scheint die Autorin auszugehen, dass in den von ihr verwendeten Bildtypen wie Diagrammen, Tafeln oder Karten, Abbildungssicherheit herrscht. Dass dies keinesfalls so ist, arbeitete 2008 Doris Bachmann-Medick in dem Aufsatz „Gegen Worte – Was heißt Iconic / Visual Turn“ heraus. Des Weiteren bezieht sich die Autorin auf einen, im Zuge des Siegeszuges des Poststrukturalismus aus Frankreich importierten Ansatz von der Konstruiertheit gesellschaftlicher Phänomen, der von den Visual Cultures aufgenommen wurde. In Bildern wird demnach nicht nur etwas abgebildet, sondern auch ein Narrativ entworfen.

Zusammenhänge
Aus den theoretischen Vorgaben des Visual Turns entnahm Segelken die ihre Untersuchung leitenden Fragen: Wie, wo und warum werden Bilder eingesetzt, wer produziert sie mit welchem Interesse? Die Autorin nähert sich diesen Fragen über eine doppelte Verknüpfung. Werden in staatlichen Kunstkammern, Objekte aller Art an einem Ort gesammelt und einem Ordnungsprinzip unterworfen und so als für die Erkenntnisgewinnung förderlich auch mittels verschiedener Bildtypen aufgezeichnet, so verläuft parallel dazu die Entwicklung von Staatsbeschreibungen bzw. von Statistiken, die Informationen aus allen Lebensbereichen in Tabellen, Diagrammen oder Tafeln erfasst, um den Informationsbedarf der politischen Führung, als Grundlage für Regierungsentscheidungen, zu befriedigen.

Navigation
Da die Autorin ein komplexes Feld behandelt und mehrere gleichzeitig ablaufende Prozesse, nicht zuletzt auch im Bereich der Wirtschaft, im Blick haben muss, sind Abkürzungen, Wiederholungen und Exkurse nicht vermeidbar. In einem solchen geht die Autorin, empirisch gut belegt, ausführlich auf Sammlungskonzeptionen und formale Ordnungskonzepte von Ökonomen und Philosophen im betrachteten Zeitraum ein und kommt zum Zwischenergebnis, dass „die Ordnungsmodelle aus Museologie, Staatsverwaltung und Natursystematik veranschaulichen, dass Planhaftigkeit, Verdichtung und Informationsbündelung (....)...die strukturierenden Elemente für die Erschließung von Wissens- und Sachkulturen bildeten. Diese, methodisch induktiv gewonnene Erkenntnis ist jedoch theoretisch, sei Max Webers Forschungen, State of the Art. Das Webersche Schlüsselwort, „Rationalisierung“, verstanden als umfassender Vorgang, der auch die Sphären Politik und Wissenschaft als Suche nach Ordnungsmodellen, Aufzeichnungstechniken und Aufzeichnungsdarstellungen, erfasste, fällt nicht. Interessant sind bei Segelken jene Passagen, die den Unterschieden der Bildtypen zur Visualisierung gesellschaftlicher, politischer oder ökonomischer Zusammenhänge gelten. Wegen des fehlenden theoretischen Zugangs überrascht auch Segelkens zweites Zwischenergebnis nicht: „In Museologie, Staatsverwaltung und Natursystematik wurden also die gleichen argumentativen Strategien und Vorgehensweisen angewandt, um Sinnzusammenhänge zu etablieren.“ Bildtypen wie Tabellen breiteten nicht nur Faktenmaterial aus, sondern, so die Zusammenfassung der Autorin, sie bildeten darüber hinaus das „grundlegende Beschreibungssystem des Staates.“

Überlagerungen
In ihrer einleitenden Rede weißt die Autorin darauf hin, dass das von ihr gewählte Thema interdisziplinarisches Arbeiten verlangt. Leider finden sich, abgesehen vom Heimspiel Kunstgeschichte, bei den wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Aspekten Fehler an. Diese sind, da das Niveau einer Dissertation verlangt wird, nicht marginal und die Aufnahme sozialwissenschaftlicher Literatur in die Bibliographie ersetzt Erkenntnis nicht. Politologisch ungenau ist ihre Rede vom „Staat seit dem Mittelalter“, obwohl Wolfgang Reinhards bahnbrechende Studie „Geschichte der Staatsgewalt“ (C.H.Beck Verlag, 1999) in die Bibliographie aufgenommen wurde.
In Passagen, die sich mit dem ökonomischen Denken, Kameralisten, Merkantilisten und Physiokraten auseinandersetzen, fehlen für Nicht-Ökonomen vertiefende Erläuterungen zu deren Ordnungsvorstellungen, abgesehen von der Verwechslung der wirtschaftlichen Begriffe „Effektivität“ und „Effizienz“. Dies zieht sich weiter, mal ist die Rede von der Staatsökonomie, dann wird das Ökonomische in der Gesellschaft verortet. Wenn Segelken von den Einnahmen bzw. Finanzen des Staates spricht, wäre es korrekt gewesen vom Domänenstaat zu sprechen.

Vision
Das von Segelken behandelte Thema ist zweifellos sehr interessant, es ergeben sich aber sozialwissenschaftlich einige Auslassungen und keine neuen Aspekte. Wesentlich klarer hätte man sich auch gewünscht zu erfahren, wie sich die Ordnung der Dinge in eine Ordnung des Wissens und dann in eine visuelle Ordnung übersetzt und in welchem Verhältnis medienspezifischen Limitierungen der unterschiedlichen Bildtypen zu politisch gewollten Limitierungen stehen. Überdies – eine rein funktionale Betrachtung – und eine solche liegt hier vor, ist immer in Gefahr, Entstehungskontexte zu vernachlässigen. Dies ist in der vorliegenden Arbeit geschehen. Eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, so auch jene von Steffen Siegel in „Tabula – Figuren der Ordnung um 1600“ graben im Bergwerk der Visual Cultures. Sie bringen durchaus Spannendes ans Licht, an der richtigen Ausleuchtung indes fehlt es jedoch noch gelegentlich. Das spricht nicht gegen die Arbeit von Segelken – sondern vielmehr dafür, sie als Beitrag weiterer Forschungen zu verstehen. Eine Kurzfassung dieser Arbeit veröffentlichte Segelken in der verdienstvollen Reihe des Akademie Verlages „Bildwelten des Wissens“ Heft 3,1: „Diagramme und bildtextile Ordnungen“.



07.05.2010
Sigrid Gaisreiter
Segelken, Barbara: Bilder des Staates. Kammer, Kasten und Tafel als Visualisierungen staatlicher Zusammenhänge. 250 S., 79 Abb. 24 x 17 cm. Gb Akademie Verlag, Berlin 2009. EUR 49,80
ISBN 978-3-05-004582-5
 
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