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So schlich das Untier über das Gras - Walton Ford

„Wilden Gerüchten zufolge steckten hinter den mörderischen Angriffen nicht Wölfe, sondern Werwölfe, jene Kreaturen – halb Mensch, halb Wolf-, die schon seit Menschengedenken durch volkstümliche Überlieferungen geistern. (…) Aufgebrachte Dorfbewohner haben Fremde attackiert und sind manchmal auch aufeinander losgegangen. Nach den Lynchmorden, denen bislang zwanzig Menschen zum Opfer fielen, haben die Behörden 150 Personen verhaftet… ‚So schlich das Untier über das Gras‘, berichtete Sita Devi, die zehnjährige Schwester des Jungen, der am 16. August in Banbirpur von einem Wolf getötet wurde… ‚Als es dann Anand packte, erhob es sich auf zwei Beine, bis es groß war wie ein Mann‘, sagte sie, ‚Dann warf es ihn über seine Schulter. Es trug einen schwarzen Mantel und einen Helm und eine Schutzbrille. ‘… /_ _ _ John F. Burns in der NEW YORK TIMES vom 1. September 1996 über Umtriebe menschenfressender Wölfe, die den indischen Bundesstaat Uttar Pradesh terrorisierten.
Walton Ford ist einer der ersten Künstler seit Erfindung des Pinsels, der seine Bilder nicht in unserer bunten, chaotischen, formenreichen Welt findet, sondern aus Büchern schöpft, beschreibt der New Yorker Journalist Bill Buford in seinem Vorwort zu diesem gewichtigen Katalog die Arbeitsweise Fords. Tatsächlich sind die übergroßen fabelhaften Tier-Aquarelle des 1960 geborenen US-Amerikaners Walton Ford einzigartig, scheinbar aus der Zeit gefallen. Schon früh begeisterte sich Ford für Naturkundemuseen und setzte sich intensiv mit den Auf-Zeichnungen des US-amerikanischen Ornithologen und Tierzeichners John James Audubon (1785–1851) auseinander. Auf 320 Seiten ist nun detailliert zu bewundern, wie Ford aus Textquellen vergangener Jahrhunderte zitiert, ins Surreale verwebt und neue Analogien schöpft. Schrift und schriftstellerische Einbildungskraft spielen eine sichtbare Rolle, aus den verwandelten Texten entstehen Gemälde mit Textmarkierungen, Notizen, Anspielungen. Erinnern die Bilder auf den ersten Blick an jahrhundertealte Tierstudien Forschungsreisender, enthalten sie bei genauerem Betrachten jedoch doppelsinnige Botschaften, kritische und verstörende Interpretationen. Der Katalog bietet durch seine wuchtigen Ausmaße von 27 x 37 x 4 cm ein angemessenes „Herantreten“ an die tatsächlichen Formate Fords. Nicht selten haben die Aquarelle Ausmaße von 1,5 x 3 Metern! Wie bei einem Spaziergang durch das „Bestiarium“ der in diesen Tagen zuende gehenden Ausstellung im Berliner Hamburger Bahnhof und damit erstmals in Europa gezeigten Werke kann der Betrachter sich in Details vertiefen. Hier wird ein Papageienkopf in schmerzhaft grellem Rot heran gezoomt, dort ein fallen gelassener Fisch, nach dem vier Vögel gleichzeitig schnappen. Ein Panther mit dampfendem Atem und irre wirkendem Blick streicht über eine Schweizer Schneelandschaft, verfolgt von fackeltragenden Menschen. „Der Pantherausbruch“ orientiert sich an einer tatsächlichen Geschichte, die im Winter 1934 geschah und dem Züricher Zoo über Nacht zu Rum verhalf.
„Infiltrators“, das Bild zum eingangs zitierten Text, zeigt Wölfe in bedrohlichem Szenario. Den gesamten Bildraum des Aquarells füllt ein hellbrauner Wolf aus, der mit geöffnetem Maul zum Sprung ansetzt, unter den Vorderläufen und der Schnauze des Wolfes liegt eine Schutzbrille mit grünen Gläsern. Im Hintergrund sind durch die Beine desselben seine Kumpane zu erkennen, sie sitzen auf einem Feldhügel und betrachten als dunkle Schemen ein in der Ebene liegendes Dorf. Links hinter dem Rudel steigt eine mächtige Feuerwolke auf und verdunkelt den Himmel. Einer der Wölfe im Hintergrund trägt einen Helm mit herabhängenden Verschlussbändern, ein anderer einen Mantel. Rechts vom Mantelträger, der bereits eine Pfote recht unwölfisch in die Höhe reckt, steht ein Wolf auf seinen Hinterbeinen und scheint sich in Richtung Ebene in Bewegung zu setzen, weiter hinten ist der aufgerichtete Oberkörper eines anderen Tieres zu erkennen. Haben sie sich verabredet, das Dorf heimzusuchen? Verwandeln sie sich auf dem Wege dorthin in Werwölfe? Walton Ford lässt es offen. Er spielt mit seinen Protagonisten und uns, den Betrachtern.
Die ewige Wechselwirkung von Mensch und Natur, Schönheit der Schöpfung, Grausamkeit, Kampf – all das steckt in den Bildern des Zauberers Walton Ford. Nicht alle Bilder, die zur Zeit in Berlin im Original zu betrachten sind, haben Eingang in den Katalog gefunden – im Hamburger Bahnhof wiederum kann nur ein Ausschnitt des phantastischen Werkumfanges Fords gezeigt werden, so sei dem geneigten Entdecker des komplexen Ford-Kosmos beiderlei ans Herz gelegt! Enttäuschend am Katalog ist einzig die Platzierung der Text-Quellen des Künstlers - ganz hinten auf den zwanzig letzten Seiten. Das ist sehr schade und beschwerlich für den Betrachter, da beim Suchen der jeweiligen Quelle das Buch umständlich durchwuchtet werden muss – in der Ausstellung sind die Textstücke den Bildern zugesellt, was ihrem Stellenwert entspricht und das Verständnis erleichtert bzw. erhellt und verschönt.

Viele Geschichten böten sich noch an, um Sie ins Ford´sche Universum zu locken, die des Elches, der an ein Rathaus gekettet sterben musste, die des alten Affen, der würdig wie Herrscher auf dem Totenbett ruht, die der Taubenplage und des gemeuchelten Papageien… aber nein, schauen und erlesen Sie sich das selbst! Von Walton Ford ist noch viel zu erwarten!

01.06.2010
Anne Hahn
Buford, Bill: Walton Ford - Pancha Tantra. 2009. 320 S. 37 x 28 cm. TASCHEN Verlag, Köln 2009 Gb EUR 49,99
ISBN 978-3-8228-5237-8
 
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