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Formulierte Fiktionen

Formulierte Fiktionen – Texte zur Kunst

„Zeitgenössisch arbeiten heißt, seine eigenen Beobachtungen zu testen. Beobachtungen verändern Maßstäbe. Maßstäbe setzen Grenzen, die Kommunikation verhindern und provozieren“ lautet das Votum von Michael Kröger.
Die hier von Michael Kröger vorgelegten Texte entstanden in den Jahren 2000 bis 2009 im Kontext seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Kurator am Museum für zeitgenössische Kunst und Design MARTa Herford. Dass der Autor sich den Überraschungsräumen von Peter Sloterdijk ebenso verbunden fühlt wie den Unterscheidungskünsten des Soziologen Niklas Luhmann oder der intuitiven Hellsichtigkeit des ersten Direktors des MARTa Herford, Jan Hoet, wie es im Klappentext heißt, lässt erahnen, dass diese Lektüre eher der Wissenschaft gewidmet ist, als dem Interesse von Laien.

Alle hier versammelten Texte befassen sich im weitesten Sinne mit der Kommunikation „im“ Medium Kunst und „mit“ dem Medium Kunst. Künstlerische Kommunikation betrachtet Kröger als die große Unbekannte gegenwärtigen Handelns, die auch scheinbar nichtkünstlerische Vorgaben in den Mittelpunkt rückt. Krögers Themenpaare sind "Erwartung und Entwertung", "Risiko und Rekursion", "Fiktion und Funktion", "Unterscheidung und Beobachtung", "Form und Formulierung" und nicht zuletzt Gnade, Glück und Intuition.
Nicht nur „mit“, sondern wo möglich auch „gegen“ Kunst denken lernen, heißt für Kröger nach Übergängen Ausschau zu halten und die mit ihr verknüpften Beobachtungen des (noch) Ungedachten oder zumindest noch nicht zu Ende gedachten ins Gespräch zu bringen, beziehungsweise soziale Phänomene und eigenständige Wahrnehmungen miteinander zu kombinieren.
In der Literatur würde man sagen, das Wesentliche steht nicht im Text, sondern entsteht dazwischen – zwischen einer spontanen, intuitiven Wahrnehmung, aber noch unscharfen Erkenntnis.

Leser, die Texte moderner Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Niklas Luhmann flott wie einen Kriminalroman lesen, haben mit dem kleinen gewichtigen Essaybändchen vermutlich keine Schwierigkeiten. Andere hingegen werden sich die Aussagen Krögers, gespickt mit Fachbegriffen, mühsam erarbeiten müssen. Doch man wird am Ende durchaus belohnt – mit Kröger zu sprechen, das noch Ungedachte nimmt immer wieder und immer neue Formen an. In dem Essay „Zwischen ästhetischer Prophetie und medialer Selbsttäuschung – Kleine Geschichte der Kunsterwartung“ heißt es: „Eine Erwartung ist eine Form einer (unausgesprochenen) selbstbezüglichen Mitteilung… Oder: "die Äußerung von Erwartungen verhindert, die Verhinderung der eigenen Nichtkommunikation zu verhindern“. Noch Fragen? Jetzt aber: „Wer als Leser und Autor Erwartungen äußert, ist nicht in der Lage nicht zu kommunizieren – er zwingt sich, für den Fall wahrscheinlichen Nichtkommunizierens Erwartungsweisen zu kreieren, die ein Kommunizieren mit je aktuellen Kommunikationen wahrscheinlicher werden lassen“.
In seinem Essay „Der Konsum, die Form, das Ding – Die Evolution des Designs in der Gegenwart“ nimmt Kröger ein Zitat von Norbert Bolz auf: Die Götter, die aus dem Himmel der Religionen verdrängt wurden, kehren als Idole des Marktes wieder.“ Kröger folgert: „Ohne Zweifel verändert das Design der Dinge, wie es sich uns in virtuellen Oberflächen und realen Kunstlandschaften präsentiert, unseren Umgang mit den Dingen und die Dinge unseren Umgang mit uns selbst“. Wir können diesen Idolen also nicht entgehen, aber wir können lernen, dass wir ihnen nicht entgehen. Will sagen, wenn wir das Markeprodukt X kaufen, dann kaufen wir es im Bewusstsein ertappt zu sein, bis wir irgendwann feststellen, dass wir die Sache überhaupt nicht brauchen. Aber das ist immerhin besser, als einem unsinnigen Produkt mangels Finanzkraft unnötig nachzutrauern.

Dieses kleine, wenige Gramm schwere Büchlein sollte man für den Fall bei sich tragen, dass man irgendwo gnadenlos hängenbleibt. Auf diese Weise hat man für viele Stunden immer ausreichend geistiges Futter, um sich über sich selbst und den Zustand der Welt Gedanken zu machen.

01.06.2010
Gabriele Klempert
Kröger, Michael: Formulierte Fiktionen. Texte zur Kunst. 2009. 143 S., 10 Abb. 17 x10 cm. VDG-Verlag, Weimar 2009 Pb EUR 14,80
ISBN 978-3-89739-636-4
 
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