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Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose

Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose. Dieser Film ist ein Dokument, und die hier zu Wort kommenden Zeitzeugen sind wahrhaft Zeugen eines Jahrhundertereignisses: Der Kreis der „Weißen Rose“.
Die Münchner Dokumentar-Filmemacherin Katrin Seybold gelingt es, zahlreiche überlebende Mitglieder des Widerstandes und deren Freunde und Angehörige 65 Jahre nach den Ereignissen in einen imaginären Dialog einzubinden, sie stückweise den Gang der Ereignisse erzählen zu lassen, durch eingeblendete historische Photos mit der eigenen Vergangenheit zu verbinden, was da erinnernd berichtet wird. Man müßte es nicht bloß bedauern, wenn es dieses Werk nicht gäbe. Hier klaffte ein visuelles Vakuum in bildüberfluteter Zeit. Es sprechen Verurteilte und Davongekommene, die heute im neunten oder zehnten Lebensjahrzehnt stehen mit einer Klarheit, Präzision und Sicherheit, auch mit Ergriffenheit oder Grazie, dass man geneigt ist, die Teilnahme am Widerstand und deren lebenslange Nachwirkungen – neben allen Qualen – für lebensbestimmend, aber auch lebensverlängernd zu halten, sicherlich auch im Sinne selbst auferlegter Zeitzeugenschaft.

Wir sehen die Zeugnis Ablegenden in ihren Wohnungen: Elisabeth Hartnagel-Scholl vor dem Fries romanischer Kirchen, die sie einst mit Fritz Hartnagel, dem Verlobten ihrer Schwester Sophie Scholl, der später ihr Mann wurde, photographierte, oder Lilo Fürst-Ramdohr vor eigenen Werken. Und die Frage drängt sich auf: Welche Rolle spielte in der „Weißen Rose“ die bildende Kunst ? Sie hat zur Zusammenfindung, ja zur Gruppenbildung wesentlich beigetragen, mehr noch, sie hat, neben dem religiösen Selbstverständnis, bei fast allen Mitgliedern eine tragende Rolle gespielt. So lernten Alexander Schmorell und Lilo Fürst-Ramdohr sich als bildende Künstler kennen, und es ist anzunehmen, dass Schmorell lieber Bildhauer geworden wäre, dem väterlichen Vorbild folgend, aber Medizin studierte. Christoph Probst wurde in der Kindheit schon mit expressionistischer Kunst konfrontiert und ist zusammen mit seiner Schwester sogar von Emil Nolde gemalt worden. Das Porträt überstand auch die Haussuchungen nach seiner Hinrichtung. Sophie Scholl war eine hochbegabte Zeichnerin, deren Illustrationen zur Peter-Pan-Übersetzung des Freundes Hans-Peter Nägele vor Jahren einmal in Buchform erschienen, aber leider längst vergriffen sind. Einem Kunststudium wich sie aus und zog Philosophie und Biologie als Fächer vor. Ob sie in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ sehen konnte, was sie als Vorhaben erwähnt, lässt sich bisher nicht endgültig klären. Aber abseits entdeckte Kunstpostkarten mit Motiven Frans Marcs konnten sie in Begeisterung ausbrechen lassen.

Der Film, der die Schwester von Hans und Sophie Scholl, Elisabeth Scholl-Hartnagel; die Witwe von Christoph Probst, Herta Siebler-Probst; die Freundin von Alexander Schmorell, Lilo Fürst-Ramdohr, die Schmorells Paß zur letzten leider vergeblichen Flucht fälschte, und die selbst an der Verteilung der Flugblätter beteiligte Freundin von Hans Scholl, Traute Lafrenz-Page, in einen Dialog bringt, ist ein Zeitdokument ersten Ranges. Es erinnern sich wohl alle noch lebenden Verurteilten der Weißen Rose wie die Geschwister Hans Hirzel und Susanne Zeller-Hirzel, Franz J. Müller oder Heiner Guter. Der Film ist auch ein letzter Blick auf Anneliese Knoop-Graf, die einst gemeinsam mit ihrem Bruder Willy Graf inhaftiert wurde. Es berührt tief, wenn Susanne Hirzel vor offener Kamera in Tränen ausbricht oder wenn sich Traute Lafrenz in Erinnerung an das Begräbnis ihrer Freunde Hans und Sophie – heute längst in den USA lebend – erinnert, an dem sie in Solidarität zur Familie Scholl teilnahm. Und man glaubt es ihr, daß sie, dieses Ereignis in Erinnerung rufend, in diesem Moment an den Prinzen von Homburg gedacht hat, der an seinem eigenen bereits ausgehobenen Grab vorbeigehend, gerade hier und in diesem Moment die Richtigkeit seines Tuns erkannte und die Folgen auf sich nahm. Die praktizierende anthroposophische Ärztin und bis heute wunderbar hamburgisch sprechende Exilierte wäre - wie ihr Freund Hans Scholl - ermordet worden, wenn herausgekommen wäre, daß sie die Flugblätter der Weißen Rose nach Hamburg oder Wien brachte.

Der photographische Chronist der Weißen Rose, George J. Wittenstein, der jene um die Welt gegangenen Photos des Münchner Abschieds der Freunde schuf, ist ein Neffe von Hans Purrmann und Mathilde Vollmöller-Purrmann…, dem seine Tante einst einen ganzen graphischen Jahreszyklus gewidmet hat. „Ein Jahr für Jürgen Wittenstein“. Heute lebt Wittenstein in Kalifornien. Die Denunzianten von Hans Hirzel aber verzehren im Großraum Stuttgart ihre Pension. Sie werden im Film erstmals namentlich genannt.

17.06.2010
Jörg Deuter
Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose. Ein Dokumentarfilm von Katrin Seybold. 92 Min. 20 seitiges Booklet. Basis-Film, Berlin 2010. EUR 20,90.
Zu bestellen unter info@basisdvd.de.
Die ISBN ist ungültig und nur aus technischen Gründen angegeben.
ISBN 978-3-00-000000-1
 
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