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Tatort Kunst

Wenn in einem Museum die Nachricht durch die Abteilungen geht, ein ausgestelltes Exponat sei falsch, ist dies für alle Beteiligten ein denkbar schwarzer Tag. Heißt dies doch nicht nur, betrogen worden zu sein, sondern vor allem, die eigene Fachkompetenz schmerzhaft in Frage stellen zu müssen, denn: Wie konnte es zugehen, dass man das als Experte/Expertin nicht gemerkt hat?

Susanna Partschs Buch zeigt, dass mit dem Begriff der Fälschung viel bezeichnet werden kann, was gar keine ist. "Die Kopie eines Werkes ist so lange keine Fälschung, wie sie als Kopie bezeichnet wird. Und auch Bilder, die bewusst im Stil eines anderen Künstlers gemalt werden, sind keine Fälschungen, wenn dies kenntlich gemacht wird." Die Grenzen zwischen Kopie, Umbildung, Pasticcio, Werkstattarbeit, Wiederholung in anderem Material, Ver-Fälschung und fast vollständiger Restaurierung oder Rekonstruktion sind fließend. Und nur dann, wenn ein Werk in "betrügerischer Absicht" geschaffen wird oder wurde, kann von "echter" Fälschung gesprochen werden. Dabei existiert der Begriff noch nicht einmal juristisch, die Fälschung fällt unter die Rubrik der verletzten Urheberschaft, und die Strafen sind oft geringfügig - sehr zum Leidwesen der hinters Licht geführten Käufer und Sammler. Nichtsdestotrotz beschäftigen sich drei deutsche Landeskriminalämter sehr intensiv mit dem Kunstmarkt und seiner schwarzen Schafe.


Der Kunsthändler Philippe Cézanne, Urenkel des Malers Paul Cézanne, meinte, er "spüre irgendwie Unbehagen vor dem Objekt", wenn er ein gefälschtes Bild vor sich habe. Die Intuition des Kenners wird auch heute - in Zeiten der naturwissenschaftlichen Technologien wie Infrarot, UV-Licht, Dendrochronologie etc. - nicht unterschätzt, aber sie ist nur dann verlässlich, wenn der Experte wirklich und wahrhaftig unabhängig ist und Sammler und Händler überhaupt nicht kennt.

In neun Abschnitten umreißt die promovierte Kunsthistorikerin ihr spannendes Thema, das so alt wie die Kunst selbst ist. Sie berichtet von Fälschungen, die Geschichte geworden sind, darunter die "wundersame Vermehrung von Michelangelos Zeichnungen" von circa 80 Blättern auf mittlerweile um die 800. Außerdem problematisiert sie die Tätigkeit von Kopisten und Restauratoren, von Expertisen und Experten und wendet sich auch den namentlich bekannten berühmten Fälschern zu, deren "diskretem Charme" die Öffentlicheit sich bekanntlich nicht so ganz entziehen kann: Eric Hebborn, Hans van Meegeren, Elmyr de Hory, Tom Keating, Edgar Mrugalla und Konrad Kujau. Abschließend muss erwähnt werden, dass die Nachfrage den Markt schafft, denn es gibt Lieblingskünstler, Lieblingsepochen und Lieblingsobjekte, nach denen immer wieder gefragt wird - nicht nur nach den Klassikern der Moderne, sondern auch nach antiker Kunst aus Ägypten und Griechenland. Es bleibt nicht aus, dass manches in Partschs Buch etwas anekdotenhaft geraten ist - ist doch die Geschichte der Fälschungen nahezu eine Reihung erstaunlicher, unglaublicher Geschichten, wie man sie sich "entre nous" im kleinen Kreis gegenseitig erzählt. Susanna Partschs Buch ist weit entfernt davon, zur Sparte Histo- oder Edutainment zu gehören, ist jedoch so unterhaltsam wie informativ, und so leicht wie fundiert - eine Fundgrube zum Thema Original und Fälschung.

05.10.2010

Daniela Maria Ziegler
Susanna Partsch. Tatort Kunst. Über Fälschungen, Betrüger und Betrogene. Beck'sche Reihe. 236 S, 24 Abb. Pb. EUR 12.95

ISBN 978-3-406-60621-2   [C. H. Beck]
 
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