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"Wer aus mir trinkt, wird ein Reh" - Cornelia Schleime

"Wenn ich mir meine Bilder erklären kann, interessieren sie mich schon nicht mehr". Die Welt der Cornelia Schleime.

Vor einigen Tagen gab der Kerber-Verlag in Berlin eine Buchpräsentation mit der Schöpferin eines Kunstwerkes, denn als solches muss das geschmeidige wie kostbare Buch begriffen werden. „In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will“, lautet der Titel dieses fixierten Conny-Schleime-Universums. Zwischen Kartonseiten bieten sich grobtexturig Gedichte, Texte, persönliche Fotos, Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Foto-und Postkartenübermalungen, Reisetagebücher und Selbstinszenierungen dar. Zu letzteren gehörte die Präsentation selbst, bei der die Künstlerin Rede und Antwort stand; zu ihrem Buch, Leben und Schaffen. Cornelia Schleime spricht schnell und pointiert, druckreif schießt sie Sätze ab. Unbekümmert, offenherzig. „Kleingeist hat Allgemeingültigkeit“ lautet ihr Urteil zur Stasi, zur Enttarnung des einstigen Freundes und IMs, Sascha Anderson. Diese Sache raube ihr Zeit im Jetzt, sie will nicht nach hinten denken und darüber nachgrübeln, was vom MfS geplant war in ihrem Leben. Mit Sascha Anderson hat sie bereits zweifach öffentlich abgerechnet, einmal in einem Dokumentarfilm und in ihrem schmalen Romandebüt „Weit fort“. Im Dok-Film „Verrat“ des Schweden Björn Cederberg stellt sie 1993 den einstigen Vertrauten und zwingt ihn, vor der Kamera seine IM-Täterschaft einzugestehen. Der Roman von 2005 handelt nur mittelbar von Sascha Anderson, sie nutzte die literarische Form, um sich von einem Trauma loszuschreiben. Eine gescheiterte Liebe riss die älteren Wunden des Verrates auf und wollte thematisiert werden, zufällig eben als Textform. „Ich kann das ja gar nicht, einen Roman schreiben, aber es musste raus!“ Sagt Cornelia Schleime heute. Ihr Roman wurde damals als sprachlich missglückt gescholten, die Urheberin segelt längst auf anderen Wassern.
Cornelia Schleime ist eine Zauberin. Sie stülpt ihre inneren Verfasstheiten in die äußere Form, die ihr gerade zur Verfügung steht. Und ihr Instrumentarium ist riesig. Geht es ihr schlecht, schreibt sie Gedichte. Oder zeichnet. Wenn keine Farben greifbar sind, filmt sie. Auf Reisen übermalt sie Postkarten, auf Fotografien inszeniert sie sich selbst. Mit Auto und Hund, Hund im Auto, im Atelier, auf Sohn oder Sofa. Ihre Bilder sind Serien einer stets neuen inneren Landschaft, die sie staunend erkundet. Wenn etwas fertig ist, soll es fort. Es interessiert sie nicht, wo ihre Bilder hängen. Die Reistagebücher packt sie in Folien und legt sie in Schränke, zusammen mit Artefakten dieser Epoche ihres Lebens.
„Wenn ich ein Bild entwickle, dann nützt mir das nüscht.“ Sagt sie. Als sie 1982 in der DDR Ausstellungsverbot hatte, benutzte sie ihren Körper als Tür nach außen. „Ich wickel mich in Draht, oder Bänder ein, oder male auf der Haut. Die kann man wenigstens nicht von der Wand reißen…“ Cornelia Schleime musste jahrelang auf ihre Ausreise warten und verarbeitete die permanente Überwachung durch das MfS wunderbar ironisch in der „Stasiserie“, die im Katalog enthalten ist. Sie konterkariert kopierte Ermittlungsberichte und Einschätzungen zu ihrer Person mit fotografischen Selbst-Inszenierungen. Aus den 80er Jahren stammt auch ein Foto der Künstlerin, auf dem sie einen Kinderwagen an überlangen Zöpfen hinter sich her zieht. Das Motiv wiederholt sich. Nach der Bedeutung des dünnen Zopfes bei der Buchpräsentation gefragt, poltert Conny Schleime; „wenn ich mir meine Bilder erklären kann, interessieren sie mich schon nicht mehr.“ Das passt zu ihrer Formulierung von 2009, die sich im Buch findet; „was interessiert mich der Scheiß Kontext. Mich interessieren die Sachen, an denen ich gerade arbeite, aber ich bin nicht für die Ausleuchtung zuständig, von Dingen, die das Atelier verlassen haben…“
Die Zöpfe allerdings lassen uns zum zweiten Buch des Kerber Verlages überleiten, das unter dem Titel „Wer aus mir trinkt, wird ein Reh“ Cornelia Schleimes zoomorphe Camouflage-Serie zeigt. Die knapp 30 Tuschzeichnungen und ein Dutzend Gemälde spielen mit Verwachsungen und Verwandlungen zwischen Tier und Mensch. Maskierung und Verschleierung sind mögliche Stichwörter für die Annäherung an diese Traumwelt. Wie erwachsene Alicen tanzen Frauen mit Tierköpfen durch Baumgruppen, schmiegen sich an Stämme, tauchen ab in Seen. Lange Zöpfe wachsen aus Antilopenhaut, ein Reptilienschlund sitzt auf dem Scheitel einer halbnackten Frau. Mit Schildkröten schwimmen, sie sich anwachsen lassen, den Schwanz des Affen als den eigenen spielerisch in den Händen führen, das wollen die Mädchen und Frauenfiguren Cornelia Schleimes. Ihr Spiel ist stolz, sanft und doch fordernd. Seht her, wir könnten eins sein! Wir könnten das Tier im Schulterschluss mit uns vereinen, im Spiegel erblicken, als das schönere Ich von uns beiden!
Die poetische Malerei Cornelia Schleimes ist 2010 auf einem Gipfel angelangt, der sie wohl bereits Ausschau halten lässt, nach Pfaden, die weit fort führen, auf neue Weiden. Der Betrachter mag inne halten, sammeln und schauen, genießen und ernten, was sie geschaffen.

Cornelia Schleime. »In der Liebe und in der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will.« Hrsg. Kerber Verlag. 264 S., 297 fb. Abb., 24 x 17 cm, Gb., Kerber Verlag, Bielefeld 2010. EUR 29,95 CHF 46,50 978-3-86678-403-1

01.11.2010
Anne Hahn
Cornelia Schleime. "Wer aus mir trinkt, wird ein Reh". Hrsg.: Christiane Bühling-Schultz. Text.: Martin Hellmold. Dtsch/Engl. 88 S., 47 fb. Ab., 24 x 30 cm, Gb., Kerber Verlag, Bielefeld 2010. EUR 33,80
ISBN 978-3-86678-416-1
 
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