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Geschichte der Bildenden Kunst in Deutschland

„Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland“ lautet der Titel eines monumentalen Buchzyklus, den der Münchner Prestel-Verlag innerhalb der letzten Dekade mit einem Team führender Kunstwissenschaftler erarbeitet hat. Acht Bände – jeder in gehobener Ausstattung und mit einem schönen Preis – umfasst das 2009 abgeschlossene Grundlagenwerk zur Kunstgeschichte, die geographisch die jeweils flexiblen Grenzen der „deutschen“ Reiche und Länder umfasst und sich zeitlich von der Gegenwart bis ins frühe Mittelalter erstreckt. Die beiden jüngst erschienenen Bände der Reihe sind zugleich die ersten: „Karolingische und Ottonische Kunst“ und „Romanik“.
Vergleicht man die opulenten Publikationen, ihre durchweg großen, farbigen Abbildungen, die umfangreichen, katalogartigen Erläuterungen und resümierenden Einführungstexte mit ähnlichen Buchzyklen früheren Datums (angefangen bei der legendären „Propyläen Kunstgeschichte“), so zeigt sich vor allem bei den beiden Bänden zum Mittelalter, daß sich in den letzten Jahren eine wichtige intellektuelle Bereicherung bei der Betrachtung von Kunstwerken etabliert hat.
Nicht mehr allein der „Kunstwert“ eines einzelnen Objektes und, aufbauend darauf, die Entwicklung einer einzelnen Gattung stehen im Mittelpunkt – also etwa die Stilistik der Buchmalerei, die Stützenfolge von Kapellen und Kirchen, die Materialbehandlung der Elfenbeine. Es stellt sich vielmehr die entscheidende Frage nach dem Kontext, in den die Kunstwerke eingebunden waren – und zwar grundsätzlich und gattungsübergreifend. Daher heißen weder die Essays der vorliegenden Bände „Die Hofschule Karls des Großen“ und ähnliches, noch untersuchen sie etwa den Einfluss norditalienischer Steinmetze auf romanische Kapitellformen. Stattdessen findet man Überschriften wie „Liturgie. Kunst für Gottesdienst und Zeremoniell“ (Susanne Wittekind, Andrea Worm und Kristin Böse), „Memoria. Formen und Funktionen der gemeinschaftlichen Erinnerung“ (Tanja Michalsky) oder „Kunst und Politik. Visualisierung von Status und Rang des Herrschers“ (Steffen Patzold) – und die anschließenden Texte bieten jeweils kompakte, immer allgemeinverständlich geschriebene Einführungen in die Problematik.
Man kann diese Methode vereinfachend als „politische Ikonographie“ bezeichnen – und hätte damit ein Stichwort benannt, das für die heutige Kunstgeschichte bestimmter Epochen längst Normalität ist. Doch was für die Betrachtung, Gewichtung und Analyse der Moderne gilt, ist bei der mittelalterlichen Kunstgeschichte noch immer nicht selbstverständlich. In zahlreichen Museen, selbst solchen, die in jüngster Zeit eine Neuaufstellung ihrer Objekte erfuhren, sparen Erläuterungstafeln und Audio Guides konsequent jeden Hinweis auf liturgische und repräsentative Zusammenhänge. Präsentationen zeigen die Artefakte, als seien sie – lange bevor sich Kunst autonomisierte – um ihrer selbst willen entstanden. Sie preisen die Schönheit des Materials, die Fertigkeit der Maler, Schreiber, Handwerker, sie vergleichen Formen, zählen Joche und Baunähte, scheiden Hände und Werkstätten – was alles richtig ist, aber in jenem Moment falsch wird, da sich die „wissenschaftliche“ Arbeit darin bereits erschöpft.
Im Falle der „Bildenden Kunst in Deutschland“ sieht das Mittelalter deutlich komplexer aus, denn seine Kunst erscheint im breiten Kontext. Beide Bände gehen damit über den noch immer verbreiteten Status quo mittelalterlicher Kunstgeschichte hinaus. Sie zeigen, dass eine zeitgemäße wissenschaftliche Betrachtung das historische Umfeld mit einbeziehen muss, wenn es darum geht, Sinn und Zweck eines jeden Kunstwerkes ganzheitlich zu erschließen, um die Kunstwerke erst zu verstehen. Und sie setzen damit ein hohen neuen Standart, der neben weiterer Forschung hoffentlich auch seine Wirkung auf die museale Präsentation haben wird.

Vorgestellt werden hier zwei Bände: Geschichte der Bildenden Kunst in Deutschland.
Band 1 siehe unten.
BD 2: Romanik. Hrsg. v. Wittekind, Susanne. 640 S., 200 sw.Abb., 400 fb. Abb. 26 x 19 cm. Gb iSch Prestel Verlag, München 2009. EUR 140,00 ISBN 978-3-7913-3119-5

02.12.2010

Christian Welzbacher
Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland. Karolingische und Ottonische Kunst (Band 1). Hrsg. Bruno Reudenbach. 640 S., 10 Karten, 400 sw Abb., 200 fb. Abb. 26 x 19 cm. Ln Prestel Verlag, München 2009. EUR 140,00
ISBN 978-3-7913-3118-8
 
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