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Gesamtkunstwerk Expressionismus

Gleich zu Beginn eine Richtigstellung: der im 19. Jahrhundert im Umkreis Richard Wagners entstandene Begriff „Gesamtkunstwerk“ ist im Hinblick auf den Expressionismus allenfalls eingeschränkt brauchbar. Natürlich: das Manifest, mit dem das Staatliche Bauhaus Weimar 1919 seine Arbeit aufnahm, ordnet die (bildenden) Künste im Hinblick auf eine pädagogische und kulturelle Gesamtstrategie. Natürlich: Künstler verschiedener Gattungen taten sich immer wieder zusammen und schufen gemeinsame Projekte – der Architekt Hans Poelzig baute für den Film, der Dichter Paul Scheerbart beeinflusste mit seiner „Glasgesängen“ die Architektur und Theaterprojekte und Ausstellungen boten sich für Kooperationen besonders an. Auch bestimmte Formen, wie Spitzen, Zacken, Grate, und bestimmte Motive, wie Drogen, Großstadtwahnsinn, Entgrenzung, lassen sich über Gattungen hinweg erkennen. Aber reicht das schon aus, um einen „Ismus“, der trotz seines Anspruchs auf Absolutheit und Sozialrelevanz ja auch zeitgenössisch nur ein „Ismus“ unter vielen war, reicht das schon aus, um dem Expressionismus eine Tendenz zum „Gesamtkunstwerk“ zu attestieren, also der Einswerdung sämtlicher Gattungen im übergeordneten Ganzen?
Vorsicht ist geboten. Andererseits: die Darmstädter Mathildenhöhe, die mit ihrer gleichnamigen Schau auf die große Expressionismusretrospektive von 1920 rekurriert, die damals an gleicher Stelle durch den Dichter Kasimir Edschmid veranstaltet worden war, musste einen schmissigen Titel für eine Ausstellung finden, die als Blockbuster angelegt ist – und mit ihr der hier anzuzeigende Katalog. Schieben wir es also als Publicity beiseite und kommen zum Wesentlichen: dem Buch selbst. Großformatig, schwergewichtig und, jawohl, gestaltungsschwanger kommt es daher. Mehrere Essays versuchen sich an Themenfeldern, die das gattungsübergreifende Moment des Expressionismus verdeutlichen – daneben stehen Texte, die, gattungsgebunden und nicht immer gut lesbar formuliert, bekannte Thesen nacherzählen.
Das merkwürdige, sagen wir freundlicher: bemerkenswerte Layout, das die Seiten randvoll füllt und den Texten „Schwere“ oder „Aura“ verleiht, zeugt auf seltsame Weise von einem Überdruss, den man als Leser aufs Thema rückprojiziert. Gab es also doch längst zu viel des Expressionismus in den letzten zwanzig Jahren? Zu viele Ausstellungen, Kataloge, Sammelbände, zu viel „Brücke“, „Jawlensky“, „Bauhaus“, „Caligari“, „Paula Modersohn-Becker“, „Bremer Böttcherstraße“ und Ähnliches, zu viel Entdeckung der „zweiten Generation“ des Expressionismus, zu viel Expressionismus in der Provinz – zu wenig neue, eigenständige Fragestellungen? Innovative Impulse zum Expressionismus hat die Forschung vor allem in den siebziger und achtziger Jahren gegeben. Danach kam eine Justierung im Detail. Kommt nun der Ennui?
Fraglos, nicht auf Seiten des Kritikers. Da kommt stattdessen zum Schluss einfach lieber etwas Gutes. Denn natürlich lässt sich das Leseerlebnis von „Gesamtkunstwerk Expressionismus“ auch positiv ausdrücken. Und zwar wie folgt: Wer den derzeitigen Erkenntnisstand über den Expressionismus in einem reich illustrierten Bildband kompakt zusammengefasst nachlesen möchte, hat mit „Gesamtkunstwerk Expressionismus“ die richtige Wahl getroffen. Na bitte.

03.01.2011
Christian Welzbacher
Gesamtkunstwerk Expressionismus. Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925. Englisch . Hrsg.: Beil, Ralf; Text: Anz, Thomas; Beil, Ralf; Breuer, Gerda; Durth, Werner; Gehring, Petra; Hoffmann, Justin; Kasten, Jürgen; Pehnt, Wolfgang. 416 S. 350 fb. Abb. 30,5 x 24,5 cm. Gb. Hatje Cantz, Ostfildern 2010. EUR 49,80. CHF 88,00
ISBN 978-3-7757-2713-6
 
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