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Studien zum technischen Bild

Im Verlag Akademie erscheint die verdienstvolle Reihe „Bildwelten des Wissens“, die sich der Erforschung von Bildern in technisch-wissenschaftlichen Zusammenhängen widmet. Anknüpfend an die „Bildwelten des Wissens“ legten Horst Bredekamp, Birgit Schneider und Vera Dünkel 2008 ein Kompendium „Das Technische Bild“ vor. Das Credo der „Bildwelten“ wie des Kompendiums ist es, das Erkenntnispotential von Bildern interdisziplinär ob ihres Potentials, ihrer Materialität, ihrer Form und ihrer Semantik zu analysieren. Die Beiträger des Kompendiums kommen daher sowohl aus naturwissenschaftlichen Disziplinen, wie auch aus den Kunst-, Literatur- und Kulturwissenschaften und der Philosophie.

Analog dem bewährten Aufbau der „Bildwelten“ beginnt der Band mit der Gegenwart, um sich dann der Vergangenheit zu widmen. Der letzte Beitrag, unter der Überschrift „Wissenschaftspopularisierung“, befasst sich daher mit Bildern aus der am weitesten zurückliegenden Epoche, der Frühen Neuzeit. Es handelt sich dabei um gezeichnete Naturdarstellungen, zu denen in den letzten Jahren vermehrt publiziert wurde. Zu denken ist dabei z.B. an den von Dietrich Roth herausgegebenen Band „Das Moller-Florilegium – Hans Simon Holtzbeckers Blumenalbum für den Bürgermeister Barthold Moller (Hirmer Verlag) oder den von Klaus Walter Littger und anderen herausgegebenen Band „Basilius Besler – Der Garten von Eichstätt – Hortus Eystettensis“ (Schnell und Steiner Verlag).

In der Einleitung des vorliegenden Bandes zeigt Bredekamp an, dass die Formanalyse im Mittelpunkt steht und dass, vom Bildmaterial ausgehend, eine induktive Methode gewählt wurde. Das Spektrum der Beiträge befasst sich, neben Analysen zu Bildformen, mit Bildtypen und Bildmedien, mit Bedingungen, die an der Bildform mitwirken, mit technischen Apparaten, die zum Visualisierungszwecken konstruiert wurden, allgemein mit Techniken, Kontexten, Akteuren und Prozessen. Letztlich soll eine „Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder“, so auch der Untertitel, entstehen. Daher beziehen sich die Beiträge sowohl auf apparativ erzeugte Bilder, als auch auf Zeichnungen und Druckgraphik. Neben einem längeren Interview mit Bredekamp, enthält die Publikation eine Mischung aus stärker theoretisch - in der ersten Sektion „Methodik“ zusammengefasst - und empirisch - in der anschließenden Sektion „Fallstudien“ abgehandelt - orientierten Beiträgen, die miteinander durch ein Verweissystem verbunden sind.

Der Anspruch, eine Stilgeschichte zu entwerfen, wird durch die Zuschnitte, die historisch-systematisch und als Fallstudien angelegt sind, eingelöst. Vorgestellt wird ein Spektrum unterschiedlicher technischer bilderzeugender Apparate wie das Mikroskop, Foto- oder Musikapparat. Zur Diskussion gestellt werden Verfahren wie die Rastertunnelmikroskopie oder das Röntgenverfahren ebenso wie verschiedene Gestaltungsformen, z.B. das Diagramm. Auch die Anordnung von Bildern wird untersucht. Als Nacheinander erscheinen Bilderreihen, als ein Übereinander werden sich überlagernde Flächen wie auf PC-Bildschirmen dargestellt und als für das Nebeneinander ist das Tableau zuständig. In naturwissenschaftlichen Zusammenhängen versteht man unter einem Tableau ein Übersichtsbild zu verschiedenen Themen, auf dem einzelne Bildelemente nebeneinander angeordnet sind.

Nicht intendiert ist eine lexikalische Vollständigkeit, sondern eine Reflexion auf „spezifische Merkmale und Dimensionen“ von technisch-naturwissenschaftlichen Bildern. Das bedeutet „Zusammenhänge“, so auch Angela Fischel im ersten Beitrag des Bandes, „zwischen Bildtechnik und der formalen und inhaltlichen Gestaltung von Bildern zu erforschen, um dem ikonischen Potential dieser Bilder gerecht zu werden,“ die, darauf heben mehrere Beiträger ab, den wissenschaftlichen Kriterien von Objektivität und Evidenz, verpflichtet sind.
Eine allgemeine Bildtheorie des naturwissenschaftlichen Bildes, so Gabriele Werner im zweiten Beitrag des Bandes, gäbe es nicht, „Bild“ sei daher „wenig mehr als ein Stellvertreterbegriff“. In einem der vielen informativen Texte wird daher darauf verwiesen, dass für diese, Werner nennt sie auch alternativ, „visuelle Dokumente“, weitere alternative Bezeichnungen gefunden wurden: Sichtbarmachung / Visualisierung. Mit der Verwendung dieser Begrifflichkeiten soll, über die Repräsentationsfunktion, der Darstellung von Dingen oder Sachverhalten und der daraus folgenden Ähnlichkeiten“, hinaus, der „produktiv-konstruktive Aspekt der Bildherstellung in der wissenschaftlichen Praxis betont werden.“ Die Kontextgebundenheit dieser visuellen Dokumente, als „Werkzeug, Lehrmittel, Werbung....“ oder als „temporärer Gebrauchswert in der Zirkulation von Wissen...“ betont wiederum Werner. Der Beitrag von Werner firmiert unter „Bilddiskurse“. Weniger am Debattenverlauf als einer Systematik interessiert, gelingt es Werner, die zentralen Argumentationen kurz darzustellen und knapp und leicht verständlich den Sachverhalt der „ikonischen Differenz“ zu erläutern.


Die Bedeutung dieses Kompendiums liegt zunächst einmal darin, eine Übersicht möglicher Fragestellungen, die bei Analysen technisch-naturwissenschaftlicher Bilder relevant sind, anzusprechen, zu systematisieren und zu problematisieren. Dieser Aspekt ist wissenschaftsintern von großer Bedeutung. Darüber hinausgehend wird durch die zahlreichen Erläuterungen im Text und am Textrand der Einstieg in diese Thematik für alle Interessierte leicht gemacht. Ein Musterbeispiel dieses publikumsfreundlichen Zugangs findet sich im Sektor „Ikonologische Analyse“ auf Seite 48. Hier wird in leicht verständlichen Worten die Methode dieser dreistufigen Analyseform, zurückgehend auf Erwin Panofsky, erläutert: Auf die 1) formale Bildbeschreibung folgt 2) die ikonografische Analyse (Themen und Motive), die mit der dritten Stufe abgeschlossen wird. Diese verhandelt Kontexte, also außerbildliche Einflüsse wie soziale, politische, philosophische oder religiöse Einstellungen, die das Werk beeinflusst haben. Ein fein justiertes Verweissystem, auch farblich hervorgehoben, erleichtert es enorm zwischen Stichwörtern und Texten zu navigieren.

Der Band zeichnet sich durch eine Homogenität der Beiträge und die Erweiterung der Perspektive bei der Betrachtung visueller Dokumente aus. So befasst sich ein Beitrag unter dem Titel „Bildstörung“ mit der Materialität eines Mediums und ein weiteres Kapitel widmet sich Beobachtungstechniken. Der vorliegende Band schließt auch im Hinblick auf Anschaulichkeit an die „Bildwelten“ an. So dürfte, auch für Laien, im Kapitel „Vergleich als Methode“ faszinierend sein, „Ähnlichkeiten in Struktur und Ordnung“, durch Abbildungen von Heterogenem: Barockgarten, Kläranlage, Platine, zu entdecken.

Wie bedeutsam die Fragestellungen sind, die in dieser Publikation behandelt werden, läßt sich auch daran ermessen, dass in Bildbänden mit Naturdarstellungen, seien sie mehr wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur, selten auf Aspekte etwa zum Stand der Technik oder zum Denken einer bestimmten Zeit ausführlich eingegangen wird, wie es im vorliegenden Band der Fall ist. Insofern bietet das Kompendium auch für ein Publikum, dass etwa die artifizielle Form der Fotografien von „Pflanzen“ eines Michel Gantner (Verlag Jacoby & Stuart), unter ästhetischen Aspekten bewundert, eine gute Einführung in ein spannendes Thema. Wie auch die „Bildwelten“, so wurde auch „Das Technische Bild“ sorgsam vom Verlag Akademie lektoriert. Geboten wird ein breites Spektrum technisch erzeugter Bilder, das von Zeichnungen des 16. Jahrhunderts bis zur Nanomikroskopie und den Interfaces von Computern reicht und allgemeinverständlich geschrieben ist.

16. 03 2011


Sigrid Gaisreiter
Das technische Bild. Kompendium für eine Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder. Hrsg. v. Bredekamp, Horst /Schneider, Birgit. 200 S., 100 fb. Abb. 24 x 17 cm. Pb Akademie Verlag, Berlin 2008. EUR 24,80
ISBN 978-3-05-004496-5
 
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